Langstreckenradfahrer

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

Ich liebe es, als Langstreckenradfahrer unterwegs zu sein. Und wenn dazu noch Fernradwege kommen, dann ergibt das gerade in den Sommermonaten eine besondere Stimmung auf europäischen Fernradwegen.

Es ist diese Anarchie, diese Kompromisslosigkeit, die alles so besonders machen. Wo alles darauf ausgerichtet ist, Rad zu fahren und jeden Abend der Stand auf dem Kilometerzähler zählt.

Zeltplätze neben dem Radweg

Um jeden Tag möglichst viele Kilometer zu machen – lange Strecken eben – verzichten Langstreckenradfahrer gerne auf einiges. Da wird das zweite Paar Wechselwäsche zu Hause gelassen. Im Gepäck befindet sich grundsätzlich nur das Notwendigste. Schöne Zeltplätze sind ein Glücksfall. Im Regelfall werden die Zelte direkt neben dem Radweg aufgestellt. Wer weiß schon am Morgen, wo er am Abend sein wird, wenn der Maximalwert erreichbarer Kilometer zählt? Und wer hat auf dieser Kilometerjagd überhaupt Zeit, sich noch nach schönen Zeltplätzen umzuschauen? Und ist das überhaupt wichtig? Ist es nicht viel wichtiger darauf zu achten, was man isst? Darum wird Nahrung vor allem nach dem Nährwert und Nutzen für die nächste Etappe bewertet und nicht immer nach dem persönlichen Geschmack.

Immer in Bewegung

Langstreckenradfahrer sind schon eine besondere Spezies. Sie sind nicht alle gleich, aber in ihren Zielen vereint. Fast allen Langstreckenradfahrern ist es eigen, dass sie alleine oder in kleinen Gruppen unterwegs sind und nicht lange an einem Ort verweilen. Man erkennt sie gut daran, dass sie bald wieder auf dem Rad sitzen und weg sind. Immer in Bewegung. Ein Reisetag verläuft im gleichmäßigen Takt der Trittbewegung der Pedale.

Das Diktat des Kilometerzählers

So sind viele von ihnen bis in die Dunkelheit hinein unterwegs. Ein schöner Lagerplatz ist wie gesagt zweitrangig. Und ein Platz direkt neben dem Radweg ist sowieso der praktischste Platz, den es für einen Langstreckenradfahrer geben kann, der ja am nächsten Tag bald wieder auf dem Radweg unterwegs sein will. Am Morgen ein Schritt aus dem Zelt, und schon steht man auf dem Radweg. Im Übrigen wären auch Pensionen und andere Unterkünfte für Langstreckenradfahrer eine echte Option, da man so auf zusätzliches Gepäck und Aufwand wie Zelte aufstellen usw. verzichten könnte. Aber Unterkünfte müssen dafür am Abend gesucht oder eben im Voraus gebucht werden. Beides keine wirkliche Alternative für den Langstreckenradfahrer, der ja vor allem dem Diktat des Kilometerzählers folgen will, und nicht von so banalen Umständen bestimmt sein will, wie einbrechender Dunkelheit oder am späten Abend noch Telefonnummern von örtlichen Vermietern aufzutreiben, um an Ende doch nur einen irritierten Menschen am Telefon zu haben, der gerade die Auflösung des Tatorts verpasst und meistens sowieso kein Zimmer mehr frei hat.

Besessen in die Nacht hinein

Also ist es in der Realität auf europäischen Fernradwegen stattdessen so, dass bei einbrechender Dunkelheit noch ein paar Besessene über den restwarmen Asphalt eines langen Sommertags keuchen und sich gegenseitig mit einem verschmitzten Lächeln grüßen, während die anderen Radfahrer schon in Ihren Pensionen das Abendlicht anmachen und es auf den Campingplätzen entlang der Strecke nach Grillfleisch duftet. Das alles kann den Langstreckenradfahrer nur noch mehr antreiben, heute Abend noch ein Stückchen weiter zu kommen. Also tritt er noch ein bisschen fester in die Pedale und fliegt mit summenden Reifen in die Nacht hinein.


Woran erkenne ich, dass ich ein Langstreckenradfahrer bin?

  1. Kilometerfressen klingt für mich nicht nach einem absonderlichen Wort.
  2. Von einem Randonneur habe ich schon mal gehört.
  3. Das Summen der Reifen ist Musik in meinen Ohren.
  4. Wichtiger als ein schöner Zeltplatz ist mir das gute Gefühl, heute wieder gut vorangekommen zu sein und dafür alles gegeben zu haben.
  5. Campingplätze und Pensionen sind mir nicht so wichtig.
  6. Vorgeplante und festgelegte Unterkünfte machen mir Angst.
  7. Ohne ein Schlafsack im Gepäck unterwegs zu sein, bereitet mir Unbehagen, denn ich möchte jederzeit unabhängig unterwegs sein.
  8. Ich bevorzuge Radwege mit klarer Streckenführung und langen Distanzen.
  9. Ich mag beim Radfahren keine Unterbrechungen, wie etwa durch Kartenlesen oder Vorfahrt gewähren, denn ich fahre grundsätzlich gerne zügig.
  10. Komme ich nicht gut vorwärts oder bleibt das Tagesresultat hinter meinen Erwartungen zurück, wirkt sich das auf meine Stimmung aus.
  11. Ein einsames Zelt in der Wildnis ist für mich eine schöne Vorstellung.

Wer mindestens sechs dieser Fragen mit Ja beantworten kann, gehört mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Spezies der Langstreckenradfahrer.

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