Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 1

Als Wehrwolf auf dem Bober: Ein kühler Sommer


Sieben Tage haben wir auf dem Bober verbracht, und ganz eigene Seiten dieses schlesischen Klassikers kennen gelernt; dabei hat er gefaucht, gekratzt und gebissen, aber auch geschnurrt wie ein zahmes Kätzchen.

So richtig wach werden wir erst, als der Wagen bei Forst den alten Plattenhighway nach Breslau erreicht. Die Grenzposten sind freundlich und das lachende Gesicht mit der polnischen Uniform zeigt auf den Dachgepäckträger und ruft: „Piraten, Piraten!“. Aber wir scheinen nicht weiter verdächtig zu sein und man lässt uns passieren.

Eine gute Einstimmung

Noch etwas zaghaft lenke ich den Wagen über den mürben Beton, der mit regelmäßigem Poltern an seinen antiquarischen Wert erinnert. Die Boote auf dem Dach aber scheinen sich am löchrigen Beton nicht weiter zu stören. Sie sind gut verzurrt und so fasse ich allmählich Vertrauen in die Chose. Im unauffälligen Gleichschritt rollen wir mit dem anderen Verkehr an den vielen kleinen privaten Verkaufsständen vorbei, an denen die Pilze der Saison aus den umliegenden Wäldern feilgeboten werden. Die gesamte Szenerie wirkt ungewohnt chaotisch für eine Autobahn. Die zahlreichen Baustellen auf der Strecke zeugen davon, dass überalterter Standard dem neuen, europäischen Niveau angepasst werden soll. Die Verkehrsführung ist abenteuerlich, was eine gute Einstimmung für uns ist.

Löchriger Asphalt

Eine Stunde später auf halber Strecke zwischen Forst und Wroclaw verlassen wir die Autobahn Richtung Boleslawiec. Bevor wir ins alte Bunzlau fahren, wollen wir vorab schon einen Blick auf den Fluss werfen, der uns in der nächsten Woche wieder nach Hause führen sollte – Der Bober hatte in diesem Sommer schon durch Hochwassermeldungen von sich Reden gemacht. Über schmale löchrige Asphaltwege erreichen wir ihn kurz hinter einem kleinen Dorf, wo er randvoll in einer Flussbiegung liegt. Sein Anblick ist wenig einladend, wie die Nachrichten aus den Krisenregionen vor einigen Wochen. Die aufgewühlten Wassermassen sind die Nachwehen des Sommerhochwassers, mit dem der Bober noch kurz zuvor flussaufwärts im Hirschberger Tal ganze Stadtteile von Jelenia Gora überschwemmt hatte. Er zeigt sich bissig und wir sind sofort eingeschüchtert davon.

Unruhe im Gepäck

Wegen der Hochwassermeldungen und „Panik-Berichten“ einzelner Paddler sind wir bereits mit einer gewissen Unruhe im Gepäck angereist. Demzufolge studieren wir aufmerksam die Landkarte, welche zeigt, dass wir uns nun dort befinden, wo auf dem Papier der grüne Bereich endet. Alles südlich davon ist rotbraun gefärbt und zeigt den höher gelegenen Teil des schlesischen Berglands an, wo sich der Bober vermutlich noch wilder gebärdet. Diese Erkenntnis und ein Blick auf das aufgewühlte Wasser lässt uns eine einstimmige Entscheidung gegen die Weiterfahrt treffen.

Gestörte Idylle

Wir haben gewichtige Gründe die Weiterfahrt aufzuschieben und der Verlockung von Hirschberger Tal und Riesengebirge nicht nachzugeben, denn wir wollen in der kommenden Woche unter allen Umständen die Oder erreichen, nachdem uns das ein Jahr zuvor bei der Befahrung der Neiße wegen vieler Hindernisse nicht vergönnt war. In diesem Punkt hatten sich alle anderen Details der Planung unterzuordnen, auch wenn es uns nicht leicht fällt zu akzeptieren, dass wir die Silhouette des Riesengebirges heute nicht mehr zu sehen bekommen werden. Wenigstens brauchen wir so nicht Rübezahl zu fürchten und außerdem zeigt sich die Wiese in der Flussbiegung am Rande des Dörfchens geradezu ideal als Lagerplatz für eine erste Übernachtung. Nur der aufgewühlte Fluss stört diese Idylle ein wenig und es ist uns noch nicht ganz klar, wie es uns gelingen sollte auf diesem Wasser zu reisen.

Gemischte Gefühle

Mit gemischten Gefühlen laden wir Boote und Gepäck ab. Kaum liegt unser gesamtes Repertoire an Ausrüstung und Verpflegung in der anfänglichen Unordnung im Gras, beginnt es in kurzen, dichten Schauern zu regnen. Schnell bedecken wir den Gepäckhaufen mit Planen und nutzen die Gunst des Augenblicks und vespern mit unserem Fahrer zum Abschied noch im Schutz von Plane und Auto. Trotz aller Gemütlichkeit kann keiner von uns den Blick vom Fluss lösen. Unser Fahrer, der als Kanuverleiher schon viel gesehen hat, meint, dass er so etwas schnelles noch nie gesehen hat. Er schaut uns zweifelnd an und fragt zögerlich, ob wir nicht doch wieder mit zurückfahren wollen. Ausgeschlossen, wir lassen uns nicht von unseren Absichten abbringen, und nachdem der Kuchen aufgegessen ist, verabschiedet er sich und lässt uns mit einem Haufen Gepäck im Schutze unter einer alten Eiche zurück.

Sommer in Dabrowa

Der Sommer in Dabrowa ist kühl und fast ein bisschen unfreundlich an diesem Abend. Der Regen hat nachgelassen und wir richten unser Lager wetterfest im Schutze hoher Bäume ein. Im letzten Tageslicht erkunden wir die nähere Umgebung. Erst jetzt, als sich unsere Sinne vollends auf die Situation vor Ort einstellt haben, bemerken wir, wie sich der Fluss unter der nahen Straßenbrücke so sehr verengt, dass seine Strömung unter lautem Glucksen und Gurgeln und mit schwindelerregender Geschwindigkeit an einer ausgespülten Straßenböschung vorbeischießt.

Hochwasserreste

Wir folgen dem Flusslauf und entdecken direkt hinter der Brücke die Reste einer Pegelanlage, die einen Wasserstand weit über Normal anzeigt. Dieser Anblick schürt unsere Unruhe von neuem und die Reste einer weggespülten Brücke mit den vor wenigen Tagen befestigten Fähnchen als Hochwassermarkierung, die bis an die Höhe der unterspülten Straße reichen, verstärken diesen unangenehmen Eindruck noch.

Glück-Wünsche

Unsere Strategie an diesem Abend lautet: Verdrängung. Wir kehren zum Lager zurück und versuchen das Gesehene zu vergessen. Unter aufgerissenem Himmel essen wir einfache Käse- und Salamibrote; auf mehr hat heute keiner Appetit. Dazu rüttelt böiger Wind an der Plane, von der immer wieder das vom Regen sich ansammelnde Wasser zu uns herüberspritzt. Vor dem Schlafengehen stoßen wir noch mit ein paar Becherchen Klosterbruder an. Eigentlich wollten wir uns dabei gegenseitig dazu beglückwünschen, dass wir es geschafft haben uns wieder einmal in der altbewährten Dreier-Formation zu einer Tour zusammenzufinden. Aber noch nie begann eine Tour so ungewiss wie diese, und so wünschen wir uns gegenseitig an diesem Abend für die nächsten Tage einfach nur Glück.

Unbezwingbar

Als wir ins Zelt kriechen, nieselt es wieder. Der Wind schiebt immer neue Wolkenfelder heran, die zügig am tiefen Himmel entlang ziehen und die Welt in ein unbeständiges Grau tauchen. Über Nacht steigert sich das Nieseln immer wieder in regelmäßigen Intervallen zu einem grellen Regengeprassel. Der Wind zottelt dazu lautstark an der Plane. Davon aufgewacht, stecke ich noch einmal den Kopf aus dem Zelt. Unterm fahlen Mondlicht sehe ich den Bober. Er ist aufgekräuselt wie ein wirrer Lockenkopf. Im matten Widerschein der Nacht wirkt er unbezwingbar und es scheint mir in diesem Augenblick unvorstellbar, dass wir morgen in unseren kleinen, schwerbeladenen Booten auf ihm unterwegs sein würden. Bald verfalle ich über das Grübeln in einen Dämmerzustand und höre Wind und Regen nicht mehr; aber es bleibt eine unruhige Nacht.

Teil 2 folgt in Kürze hier auf wildweitweg.de

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