Reportage: Hart an der Grenze, Tag 7

paddeln auf der neißeAuf der Neiße: Schlauchboot und Gummiwehr

Der letzte Tag hat bereits begonnen und der Wind sich längst hinter die fernen Berge verzogen. Die Sonne herrscht wieder über das Land.

Heute hat sich auch schon die Grenzpatrouille an uns gewöhnt. Gut gelaunt spaziert sie an uns vorbei und wünscht das erste Mal nicht, unsere Pässe zu sehen. Stattdessen wünschen uns die beiden Herren einen guten Tag. Verblüfft sehen wir den beiden Beamten nach. Wie sie so am Flussufer entlang schlendern, möchte man meinen, dass sie nur ihren Hund ausführen, der neben ihnen an der Leine läuft. Unsere Anwesenheit scheint hier nichts Bedrohliches mehr zu sein. Paddler am Grenzfluss sind selbstverständlich und stören hier nicht weiter.

Kein Aufwand mehr

Heute ist selbst das Einpacken kein großer Aufwand mehr. Der Kahn liegt noch angeleint im Flussbett, wie wir ihn am Vorabend platziert hatten. Viel Proviant zum Verladen ist nicht übriggeblieben. Alles geht uns an diesem Morgen leicht von der Hand. Aber trotz dieser Leichtigkeit bleiben wir unserer Tradition treu und gondeln erst am späten Vormittag wieder auf dem Wasser. Vor uns liegt nun ein enger Fluss. In der schnellen Strömung fordern Baumhindernisse unsere ganze Aufmerksamkeit. Das Land ist endgültig weit geworden. Es erstreckt sich hinter einer ausholenden Flussbiegung bis weit an den Horizont.

Eine Mauer

Am unteren Ende der Kurve wird unser Blick durch eine Steinwand am linken Ufer begrenzt, die bis ans Wasser heranreicht. Obwohl der Fluss rechts weiterführt, ahnen wir Probleme und steigen auf den glitschigen Steinen aus. Als wir uns aufrichten und umschauen, sehen wir, dass wir auf der Krone einer massiven Wehrmauer stehen. Auf der Wasserseite schabt unser Boot an den Steinen in modrigem Schlamm und auf der anderen Seite starren wir in eine metertiefe Leere, dass uns schwindlig wird. Unser Abbild spiegelt sich in einer pfützenartigen Wasserlache jenseits der Mauer wider. Dahinter ist nichts, außer ein wilder grüner Schilfwald zu sehen, aus dem vereinzelte, gelbe Sandflächen hervorstrahlen.

Knifflige Sache

Wir schauen fragend auf das breite ausgetrocknete Flussbett vor uns. Dann entdecken wir rechts am Ende der Mauer ein kleines Generator-Häuschen, an dessen Unterseite ein bescheidener Wasserlauf hervorsprudelt. Dieses klägliche Rinnsal kann aber nicht alles sein, was hier von der Neiße übrigbleibt. Also steigen wir wieder ins Boot und suchen das restliche Wasser. Wir paddeln in den rechts weiterführenden Flusslauf. Weiter im Landesinneren hinter einer weiteren Flussbiegung wird allmählich das Rauschen eines Wehrs hörbar. Dort dürfen wir jedoch nicht offiziell anlegen, da beide Flussufer zum polnischen Staatsgebiet gehören. Das macht die Sache knifflig.

Umständliche Meisterstücke

Also paddeln wir zurück zum stillgelegten Trocken-Wehr, um dort auf der schmalen Mauerkrone unseren Abstieg an der Steinwand vorzubereiten. Dazu müssen wir viele Gepäckstücke ausladen und umständlich einzeln über die steile Uferbegrenzung nach unten tragen. Daraufhin ist auch das Boot leicht genug für den Transport nach unten. Nach ein paar spannenden Minuten liegt es ruhig im abgestandenen Unterwasser des Wehrs und kann wieder beladen werden. Ein kleines alpines Meisterstück ist uns geglückt.

Blütenmeer und Pflanzenteppich

Nun befinden wir uns wieder auf dem Wasser. Noch verhindern ein paar Stauungen unterhalb des Generatorhäuschens unsere zügige Weiterfahrt. Es sind jedoch nur geringe Höhenunterschiede, die wir mit einfachem Drücken und Rücken des Bootes überwinden können. Kaum sitzen wir daraufhin wieder richtig im Boot, geraten wir in einen dichten Blütenteppich, der auf dem Wasser schwimmt und uns sanft aber bestimmend festhält. Das Wasser strömt leise durch die eng verschlungenen Pflanzenfasern, vorbei an Tausenden weißen Farbtupfern, die den Fluss schmücken. Das Blütenmeer reicht über die gesamte Flussbreite und das Wasser verwirbelt sich darin in unzähligen kleinen Strudeln, die in der Mittagssonne ein Funkeln und Glitzern um uns herum erzeugen.

Zeitlupengleich

Das Schlingengewirr der Pflanzen erzeugt kleine Schwellen im Wasser, auf denen wir langsam und zeitlupengleich weich gebettet von einer natürlichen Stauung zur nächsten treiben. An den Stellen, wo der Pflanzenteppich etwas dünner ist, beschleunigt die Strömung für einen kurzen Moment die Fahrt, um uns kurz darauf in das nächste bremsende Pflanzenknäuel zu schieben. Auf diese sanfte Art und Weise reiten wir in gleichmäßigen Schüben das Gefälle ab, bis wir zur nächsten Flussbiegung gelangen. Dort verengt sich das Flussbett und der Schatten der ufernahen Bäume unterbricht den schlingernden Blütenteppich. Nun haben wir wieder freie Fahrt und schießen auf klarem Wasser an baumbewachsenen Ufern vorbei durch ein Wechselspiel aus Licht und Schatten.

Tief im Osten

Neben der Flora gibt es noch die Fauna, und die unerwartet kräftige Strömung trägt uns im nächsten Moment mitten in eine kleine faunische Katastrophe für Paddler hinein. Was ist passiert? Zwischen den baumgesäumten Ufern wagen wir eine kleine akrobatische Einlage, um jenes Schild zu fotografieren, das den östlichsten Punkt Deutschlands markiert. Als wir es sehen, sind wir schon fast daran vorbei.

Faunische Katastrophen

Wir bremsen das Kajak, wenden und paddeln zurück. Nachdem ich kurz auf den Auslöser gedrückt habe, ich konnte in dieser Zeit nicht steuern, verschwinden wir direkt am östlichsten Punkt Deutschlands vorübergehend im ufernahen Blätterdickicht. Als wir wieder hervorkommen, entdecken wir unzählige kleine Flecken in unserem Boot, die sich bewegen. Offenbar handelt es sich um kleine Tiere, welche die günstige Gelegenheit zum Zusteigen genutzt hatten. Nach kurzer Verwunderung macht sich Entsetzen bei uns breit, denn es ist eine ganze Kompanie Zecken, die nach jahrelangem abstinenten Baumsitzen nun ihr Glück in unserem Boot sucht. Wir hingegen suchen sofort unser Heil im flachen Wasser. In akribischer Feinarbeit bemühen wir uns, die kleinen Piraten aus dem Boot herauszusammeln. Mit der lecker Blutschleckerei soll es nichts werden; alle Blinden Passagiere müssen wieder auschecken.

Eine ganz andere Spezies

Immer noch mit einem mulmigen Gefühl im Magen und einem wachsamen Auge für alles, was klein und schwarz ist, sitzen wir wieder im Boot und treiben den Fluss hinunter. Einen Flecken sammle ich noch von Renés Rücken, als wir in die Arme einer ganz anderen Spezies treiben, die wir hier nicht erwartet hätten. Es sind Sonntagskapitäne. Sie lauern uns bei einer Brücke im letzten Kehrwasser vor einer Stromschnelle auf und sitzen in üppig ausladenden Schlauchbooten, mit welchen sie es leicht mit uns aufnehmen können. Es stellt sich heraus, dass sie sich als Rafting-Touristen verstehen. Mit ihrer dümpelnden Leichtigkeit und einer unverhohlen zur Schau gestellten Abschätzigkeit angesichts unseres schmalen Kajaks provozieren sie uns zu einem Duell auf Stromschnellen.

Presswurst-Regatta

Wir paddeln in die Stromschnelle und sie schieben ihren dicken Kahn hinterher. Während wir mit vollem Körpereinsatz das Boot auf Linie halten müssen, klatschen die prallen Gummiwülste einfach nur Schwelle um Schwelle herunter, dass es ein fast lächerlicher Anblick ist. Die Sonntagspaddler haben die Verfolgung aufgenommen und folgen dicht hinter uns. Auf den ebenen Passagen zwischen den Stromschnellen sind wir jedoch im Vorteil. Zudem bieten wir den weitaus ästhetischeren Anblick, wie wir kräftig paddelnd die Presswurst-Regatta hinter uns abhängen, die träge auf dem Wasser dahintreibt. Während wir mit unserem Bootsrumpf das Wasser zerschneiden, drehen sich die rundlichen Schlauchboote mit jedem neuen Paddelschlag um die eigene Achse.

Ein Stop für alle

Nach einer längeren Hatz kommt ein Wehr. Es ist ein ganz besonderer Typus von Wehr, quasi nicht viel mehr als ein mit Wasser befüllter Gummischlauch, der, auf einem robusten Betonfundament gebettet, sich fett wie eine Armada von Schlauchbooten quer ins Flussbett presst und den Wasserstrom abriegelt. Dazu gehörte ein auf der linken deutschen Uferseite liegender Kraftwerkskomplex, der uns mit seiner weit ins Gelände ausgedehnten Umzäunung den direkten Landweg stromabwärts versperrt. Hier sind wir alle wieder gleich. Hier kommt auch kein Schlauchboot weiter.

Eine leidige Geschichte

Einen Unterschied gibt es aber doch: Wir und unser Gepäck; das ist schon die ganze zurückliegende Woche eine leidige Geschichte gewesen. Aber heute am letzten Tag haben wir unsere längste Landstrecke erreicht. Der Schweiß fließt uns in Strömen an Armen und Beinen herab, als wir uns auf einem holprigen Pfad durch die Wiesen schleppen. Die Packsäcke haben wir schon wieder zu Haufen portioniert im Gelände verteilt, als wir unser sperrigstes Mitbringsel, das Boot, hinterher tragen. Gerade in dem Moment, als wir in einer Geste der Erschöpfung verharren, überholt uns das lautstarke Rudel von Sonntagskapitänen, die mit ihren Schlauchbooten an der Hand an uns vorbeischlendern. Mit ihrer Tagesration Keks im Brotbeutel sind sie jetzt wieder klar im Vorteil. Wir lassen sie kampflos ziehen. Unser Ehrgeiz ist bei 400 Metern Landgang in der brütenden Mittagshitze weich geworden.

Menschenleer und geisterhaft

Im grellen Sonnenlicht, umgeben von weitläufigen Wiesen, wirkt das abgesperrte Kraftwerk mit seiner menschenleeren Industrieatmosphäre geisterhaft, wie eine phantasierte Erscheinung, die nicht hierher gehört. Dahinter liegen die vereinzelten Häuser eines Dorfes, die wie lose in die Landschaft gestreut scheinen. Sie sind alt und wegen ihres maroden Erscheinungsbilds sehen sie wie die verlassenen Überreste aus einer anderen Zeit aus. Doch umherrennendes Federvieh verrät, dass hier noch jemand wohnen muss, der die schmale Straße nutzt. Der brüchige Asphalt führt über eine nahe Anhöhe in das eigentliche Dorf, wo sicher mehr Menschen leben. Aber hier, wo die Straße direkt am Fluss endet, sind wir allein.

Fluss im Hochsommer

An der Einsetzstelle legen gerade die letzten Schlauchritter ab, als wir uns für ein deftiges Mittagessen auf dem gemütlichen Steg niederlassen, den wir immer wieder für eine erfrischende Badeeinlage verlassen. Der Fluss ist hier schmal. Der Ausfluss der Turbinen hat den Wasserlauf auf wenige Meter verengt. Wir lassen uns das kühle Nass um unsere Füße spülen, die wir vom Steg herabbaumeln lassen. Das Wehr ist still. Kein Tropfen plätschert von der Gummiwulst. Vor uns liegt das Bild von einem „ausgetrockneten Fluss im Hochsommer“, der sich bis zum gegenüberliegenden Ufer als eine sandige Dünenlandschaft zeigt. Der Anblick stimmt uns melancholisch, denn wir können nicht die Gedanken daran verdrängen, dass wir noch heute der Neiße den Rücken zukehren werden. Den restlichen Sommer wird sie wieder ohne uns verbringen müssen, doch vor allen Dingen wir ohne sie.

Sommerfrische

Doch diese Reise soll nicht vor einem würdigen Finale in Bad Muskau enden. So zumindest machen es uns die gutgemeinten Prophezeiungen von unbedachten Schlauchbootschiffern glaubend, die meinen, dass der Weg bis Bad Muskau nicht mehr weit sei. Die Hoffnung, dass wir an diesem Tag noch die Pückler’schen Parkanlagen betreten würden, beflügelt uns darin, bald wieder tollkühn die Paddel zu schwingen, um heute noch die dafür nötigen Kilometer hinter uns zu bringen. Doch die entscheidenden Kilometer liegen noch vor uns. Mit verwegenen Mienen paddeln wir den Fluss hinunter. Über halbtrockene Stromschnellen geht es zügig vorbei an vergnügten Sonntagsbadern, die ihre nachmittägliche Sommerfrische an den hellen Stränden der Neiße verbringen. Manchmal müssen wir noch anhalten und aussteigen, um die Situation vor uns im Flussbett zu klären. Doch insgesamt lassen wir uns an diesem Nachmittag nur wenig aufhalten, zumal wir uns jetzt an den Durchfahrtskennzeichnungen in Form von provisorischen Bojen orientieren können, die nun an den kritischen Stellen für die Schlauchbootskipper angebracht sind und die geeigneten Durchfahrtsstellen anzeigen.

Am Ende unerreicht

Entspannt erreichen wir die Sammelstation von „Neißetours“, wo uns ein breites Wehr die Weiterfahrt versperrt. Inmitten der regen Betriebsamkeit von Sonntagsausflüglern legen wir an und nutzen die Gelegenheit, um uns mit den Reiseveranstaltern bekannt zu machen. Die Begegnung ist herzlich. Aber die Freude wird von einem unschönen Sachverhalt überschattet, denn die beiden Herren versichern uns, dass es völlig unmöglich sein würde, heute und zu dieser Zeit noch Bad Muskau zu erreichen. Von unserem jetzigen Standpunkt seien es noch fünfzig Kilometer Flusslauf mit sechs weiteren Wehren, die noch vor uns liegen, sagen sie. Wir wollen es nicht glauben. Nach einer kurzen Phase der Realitätsfindung wird uns klar: wir sind unserem Irrsinn und einer Falschmeldung, sozusagen einer „Ente“, auf den Leim gegangen. An den Aussagen der Veranstalter ist nicht zu zweifeln. Sie kennen ihr Revier. Mit dieser Erkenntnis löst sich unser heroisches Ziel in Enttäuschung auf. Die „Pückler’sche Landschaft“ ist noch weit entfernt, und die vor uns liegenden Wehre machen sie unerreichbar.

Wehr Nummer 26

Traurig kauern wir bei Wehr Nummer 26 auf dem Steg. Es ist das letzte Wehr unserer Tour und liegt unweit von Rothenburg mitten in einer weiten Heidelandschaft. Das letzte Wehr wirkt jetzt nicht mehr wie ein lästiges Hindernis, sondern symbolisiert vielmehr eine unüberwindbare Schwelle, hinter der unsere abenteuersüchtige Glückseligkeit mit dem Fluss davonzieht.

Ein Nest von Dickschiffen

Eine Woche haben wir gegen Wehre gekämpft. Dieser Kampf hat vorerst ein Ende gefunden. Für uns ist Schluss. Es tut weh, hier bleiben zu müssen. Jetzt bin ich wieder dort angelangt, wo ich den Fluss zum ersten Mal sah. Es war ein kalter Wintertag und dieselbe Sehnsucht. Ich will diesen Fluss bewandern, in voller Gänze, in wie viel Etappen ist egal. Eine Woche wie ein phantastischer Traum liegt hinter uns. Wieder aufgewacht, finden wir uns in einem Nest von Dickschiffen wieder. Wir sind verwundert und fast ein bisschen erschreckt über soviel Betrieb. Das ist nun unser Hafen, ein Gewirr aus Gummi und leichtbekleideten Wochenendtouristen mit Sonnenbrillen.

Unser Hafen

Das Anlanden von Boot und Gepäck ist ungewohnt komfortabel. Nach dieser wilden Woche kommen uns derartige Annehmlichkeiten fremd vor. Kaum haben wir es uns mit unserer gewohnten Logistik auf dem Steg eingerichtet, drängt sich eine Gruppe Schlauchboote zwischen unsere Sachen. Sie tauchen wie aus dem Nichts auf und sind genauso schnell wieder verschwunden. Die Sonntagsausflügler eilen zu ihren Fahrzeugen, die sie in ihre gemütlichen Stuben bringen. Nach diesem kurzen Schrecken folgt eine stille Pause, in der wir uns unserer Ankunft bewusst werden. So ein schnelles Ende haben wir nicht erwartet. Dann kommt neues Stimmgewirr näher und in regelmäßiger Abfolge schippern, wie auf eine Schnur gefädelt, immer neue Schlauchboote heran.

Basarstimmung

Wir sind nun plötzlich von lautem Touristentrubel umgeben. Die hektische Umgebung wirkt auf uns noch unwirklich. Es geht zu wie auf einem Basar. Nach dieser langen Reise haben wir also einen Marktplatz erreicht. Doch wir wollen nichts und haben nichts anzubieten. Also stehen wir etwas verloren abseits und gehören nicht dazu. Allmählich zerstreuen sich die Menschen und steigen in Busse und Autos. Als sie kurz darauf weg sind, legt sich eine wohltuende Stille auf das Land und der Marktplatz sieht jetzt aus wie eine ganz normale Wiese.

Und plötzlich Stille

Es ist bereits später Nachmittag. Unser Fahrer ist über unsere Position informiert und weiß nun, dass er entgegen unserer ursprünglichen Zielvorgabe an diesem Abend den Weg über sächsische Straßen nehmen muss, um zu uns zu gelangen. Bis er bei uns sein würde, haben wir noch etwas Zeit, um diesen Tag ausklingen zu lassen. Langsam erfasst uns wieder eine tiefe Ruhe. Wir saugen ein letztes Mal die herbwürzige Luft ein und atmen tief durch. In der Nähe baden noch Kinder. Sie wechseln ständig die Uferseite, so dass wir nicht wissen, wohin sie gehören. Wahrscheinlich sind sie auf beiden Seiten des Flusses zu Hause und amtliche Grenzbestimmungen machen ihnen keine Angst. Einige von ihnen kommen näher und schlendern betont zufällig an uns vorbei. Dabei beobachten sie uns mit verstohlenen Blicken. Wir erscheinen ihnen wohl sonderbar, weil wir noch hier und nicht mit den anderen Touristen weggefahren sind.

Riefen

Statt alles für eine Weiterfahrt vorzubereiten, wie wir es die gesamte zurückliegende Woche taten, nehme ich jetzt das leere Boot, um es im Fluss zu waschen. Als es so nass im Wasser liegt, sieht man ihm die zerschürfte Oberfläche nicht an, die es sich in der vergangenen Woche auf der Neiße zugezogen hat. Doch alles ist wahrhaftig geschehen. Wenn man die Fingerspitzen über den Rumpf streichen lässt, dann fühlt man die Riefen, die der Fluss tief ins Boot eingraviert hat; unauslöschlich, wie in uns selbst.

Abendrot

Im letzten Tageslicht ordnen wir unser Gepäck für den Abtransport. Danach erkunden wir die nähere Umgebung. Sie ist wie ein romantisches Gemälde von einfacher Schönheit mit weiten Feldern und flachen Horizont im Abendrot. Wir beobachten vom Deich aus, wie die hereinbrechende Dunkelheit ihre Schatten auf das Land legt. Als wir zurück sind und ich gerade ein Feuer entzündet habe, schüttet sich plötzlich ein satter Sommernachtsregen über uns aus. Er bleibt und geht in ein monotones Prasseln über, welches das Rauschen des Flusses übertönt. In einem letzten Aufbäumen lodert das Feuer auf, bevor es vom Regen begraben wird. Es wird kalt. Das harte Trommeln der Tropfen besiegelt das jähe Ende unserer Tour.

Erinnerungen an einen Wintertag

Wir ziehen uns unter ein Hüttendach zurück und werden nachdenklich. Wir erinnern uns wieder daran, wo wir heute eigentlich sein wollten: Vor einer Woche war noch das Oderbruch unser Ziel gewesen, aber an diesem Abend ist es unendlich weit weg. In unser Grübeln mischt sich Wehmut. Klar hätten wir heute gerne an den weiten Ufern der Oder angelegt, doch wiederum macht uns das Unerreichte träumend von einem neuen Sommer, in dem jeder unerreichte Kilometer ein neues Abenteuer bedeutet. Mit wenig mehr als hundert Kilometer liegen wir weit hinter dem zurück, was wir geplant hatten. Es ist gerade mal die Hälfte. Doch das bedeutet, dass noch eine weitere Hälfte vor uns liegt. Es ist also kein endgültiger Abschied von der Neiße. Wir freuen uns schon in dieser Nacht auf eine Weiterfahrt mit all den Ungewissheiten und Erlebnissen. Dass die Schlauchbootverleiher eine Befahrung der Neiße mit Kajaks erst ab hier empfehlen, verdutzte uns zwar am Nachmittag etwas, doch jetzt kann es unsere Träumereien nur bekräftigen. Wo dieses Jahr ein Ende ist, da wird in einem neuen Jahr ein Anfang sein. Die Neiße lässt uns nicht los. Wie zu Beginn in jenem Winter hält sie uns noch immer fest gepackt.

Kein Abschied…

Um unser kleines Lager hat sich die Nacht gelegt. Wir sitzen im Schein des Kerzenlichts und in der Dunkelheit regiert der Regen. Es tropft Zeile um Zeile von den Sätzen und die Buchstaben quellen in der Nässe. Diese Geschichte löst sich allmählich auf. Dann auf dem Heimweg im Scheinwerferlicht wirkt das Erlebte nur noch diffus und unwirklich; ausgewaschen vom dichten Landregen. Im Düsteren liegt ein zurückgelassenes Leben. Doch das Papier wird wieder trocknen und ein neuer Sommer wird kommen, wo uns die Neiße lockt…

Hart an der Grenze, Tag 6 <<<

Diese Reportage von Anfang an lesen? Hier geht’s zu: Hart an der Grenze, Tag 1

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