Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 5

Als Wehrwolf auf dem Bober: Das Grollen in der Ferne


Es ist der bisher schwierigste Tag dieser Tour. René ist krank, Mark zweifelt an der Struktur des Unternehmens und ich mache kleine Fehler mit unangenehmen Folgen. Aber angefangen hat alles ganz anders und noch nichts deutet an diesem Morgen auf jenes Ende des Tages hin.Unsere kleine Wiese steht nasstriefend im Morgentau und die Sonne steigt bereits hinter den Bäumen hervor, als wir aus unseren Schlafsäcken kriechen und die klamme Zeltplane zur Seite schlagen.

Toast und Tee

Für das Frühstück entfachen wir noch einmal das Feuer und bereiten uns warme Toasts zu. Während des Essens steht abwechselnd immer wieder jemand von uns auf, um die Planen zum Trocknen in der Sonne zu wenden. Nach einigen Nutella-Toasts und zwei Tassen heißen Tee ist alles trocken und wir können einpacken. Obwohl sich René unwohl fühlt und es für ihn nur Pfefferminztee und Zwieback gibt, ist die Stimmung an diesem Morgen gut. Doch es liegt ein fernes Grollen in der Luft, aber wir nehmen es nicht weiter ernst und erklären es uns mit der nahen Straße, auf der schon wieder laute Betriebsamkeit herrscht.

Geräuschkulissen

Später spricht René von einem Grollen in seinem Magen – irgendetwas hat ihn verstimmt. Deswegen scheut er aber das Wasser nicht, und als die Sonne schon wieder erbarmungslos auf uns niederbrennt, vertreibt sie uns von der schattenlosen Wiese. Nachdem ich meinen letzten Schluck Morgentee in den Bober geschüttet habe, legen wir ab. Auf dem Wasser bemerken wir bald, dass jenes Grollen zunimmt und sich zu einem Donnern steigert. Laut Karte müssen wir uns allerdings bereits weit abseits der Straße befinden. Etwas verwundert betrachten wir noch einmal genau die Landkarte und entdecken eine große Brachfläche zur Linken des Flusses eingezeichnet. Das lässt auf einen weiteren Militärübungsplatz schließen, was auch diese bedrohliche Geräuschkulisse plausibel erklären könnte.

Kleine und große Donner

Zwischen dem dumpfen Donnern vernehmen wir nun auch deutlich helle Schüsse. Beides verleiht diesem Vormittag eine sonderbare Atmosphäre und mittendrin tönt dazu unser Magen-Darm-Patient seine kleinen Donner in die frische Luft. René und die Militärübung geben ihr Bestes. Mark und ich hingegen lassen uns davon zu einer Art Endzeitfiktion verleiten, die wir in unserer Vorstellung zu einer drastischen „Stell dir vor es ist Krieg und wir paddeln hier rum“-Vision steigern und mit makaberen Szenarien ausmalen. Nach einer Stunde Paddeln ist der Spuk vorbei. Nur die kleinen Donner von Renè sind geblieben.

Elektrisches Wasser

Die Sonne strahlt über dem Fluss, der breit geworden ist und uns mit seiner glitzernden Wasserfläche blendet. Dadurch erkennen wir das nächste Wehr erst spät. Weiterfahren ist wieder einmal unmöglich. Nachdem wir uns umständlich durch einen Schilfgürtel zum Ufer vorgearbeitet haben, können wir in der Nähe einer Wasserkraftanlage anlegen. Nicht weit entfernt führt ein Weg stromabwärts nah genug am Elektrownia Woda vorbei, damit die gutgelaunten Männer hinter dem Zaun des Betriebsgeländes ihre obligatorischen Kommentare – von denen wir allerdings nicht viel verstanden – zu unserer Bootsfahrt zum Besten geben können. Allerdings müssen sie sich dabei beeilen, denn wir kommen mit dem weniger gewordenen Gepäck gut voran. Wir sehen eine weitere Staustufe circa 500 Meter stromabwärts, vor der uns die Männer vom Elektrischen Wasser (freie Übersetzung von Elektrownia Woda) schon gewarnt haben; und das nicht umsonst, denn auf voller Flussbreite stürzt dort das Wasser weiß schäumend über gefährliche Spundwände. Diese Barriere ist unbefahrbar und vollbepackte Wanderpaddler wie wir würden es unter keinen Umständen unbeschadet aus dem Rücksog schaffen.

Dunkle Stuben

Unser Weg führt weiter auf dem Damm neben dem Fluss entlang. Wir ziehen den Bootswagen über eine schmale, löchrige Straße, auf deren linker Seite sich eine handvoll alter Ziegelhäuser aneinander reihen. Sie sehen alle aus wie alte Bahnhofsgebäude und sind nur dadurch zu unterscheiden, dass sie entweder mit einem verblichenen Putz versehen sind oder sich nackt in rotem Backstein zeigen.

Vor den Häusern steht marodes, niedriges Zaunwerk. Alles ist still und regungslos. Einige Fenster stehen offen, so dass wir in dunkle Stuben schauen können. Ihre Ausstattung ist von Haus zu Haus ähnlich; immer steht ein altes, ausladendes Sofa vor einer holzbraunen 60er-Jahre-Schrankwand und dazu hängen biedere Landschaftsgemälde an Wänden mit bemusterter Tapete.

„Van Damme vom Damm“

Plötzlich taucht ein nur mit Shorts bekleideter Muskelmann auf, läuft den Weg entlang und grußlos an uns vorbei. Dabei hat er eine versteinerte Miene wie aus einem dieser Hero-Actionfilme aufgesetzt und vermeidet es angestrengt, uns ins Gesicht zu schauen. Kaum ist „Van Damme vom Damm“ an uns vorbei, bemerken wir hinter einem Gartenzaun eine Frau. Sie ist scheinbar mittleren Alters, was wegen ihres ausgemergelten Gesichts jedoch nur schlecht zu erkennen ist. Mit ihren großen Augen wirkt sie kindlich. Sie verhält sich ganz still und beobachtet uns. Als wir näher kommen, besinnt sie sich und geht eilig Richtung Hofeingang, kehrt daraufhin aber doch zum Zaun zurück, um uns nachzuschauen. Mittlerweile sind wir am letzten Haus der kleinen Siedlung angelangt. Wir haben hier kein einziges Auto gesehen. Nur ein bisschen Federvieh rennt über den Weg. Da wird mir plötzlich klar, warum „Van Damme“ läuft und seinen Körper stählt.

Schwarzer Hund

Vor uns tut sich eine weite Wiese auf. Sie reicht bis zum Fluss hinunter, wo wir bequem einsetzen können. Also wählen wir den vom Deich herabführenden Sandweg. Unten steht ein überdachter Ziehbrunnen. Er ist ganz real, aber zugleich wirkt er so unwirklich, dass ich ihn näher betrachten muss. Er hat einen Eimer am unteren Ende der Leine und scheint des Öfteren benutzt zu werden. Das beeindruckt mich. Als ich mich noch einmal umdrehe, sehe ich einen schwarzen Hund auf dem Deich stehen. Er ist ebenso erstaunt über unsere Erscheinung und blickt neugierig zu uns herunter. Zögerlich beginnt er, den Weg herunterzutrotten. Doch er ist vorsichtig und bleibt immer wieder stehen, um uns genau zu beobachten. Er wagt sich nicht aus dem Schatten der Bäume. Aber seine Neugier hält an und er beobachtet uns, bis wir am Fluss angelangt sind.

Unterspülte Ufer

Unten finden wir ein schmales Stück Sandstrand. René ruht sich dort vom Marsch aus, während Mark und ich noch kurz Baden gehen. Nach einer kurzen Pause legen wir ab. Der Bober ist jetzt so breit, das ihn nichts mehr von einem typischen Mittellandfluss unterscheidet. Zu beiden Seiten ziehen wir an unterspülten Ufern vorbei und bis hart an die Böschung heranreichende Eichen säumen den Weg. Sie stehen schon lange hier und ihre eindrucksvollen Silhouetten zeichnen sich im Schein der Mittagssonne ab. Sie sind alle älter als das nächste Wehr, welches sich herausgeputzt mit weißem Taubenschlag am Rande einer kleinen Siedlung zeigt.

EON-Polska und Preußen-Stuck

Dort ziehen wir die Boote auf einem schmalen Deich am Betriebsgelände eines weiteren Wasserkraftwerks vorbei. Auf unserem Weg stromabwärts erklärt uns EON Polska auf großen Schildern den Fortschritt, den die Nutzung von Wasserkraft bedeutet. Wir erreichen einen Feldweg, an dessen rechter Seite ein paar Bauernhäuser mit altem preußen-typischen Stuck stehen. Wieder rennt Federvieh umher, doch keine Menschenseele ist zu sehen. Daher entscheiden wir uns ohne Anmeldung für den kürzesten Weg zum Fluss hinunter, der durch einen linkseitigen Garten führt. Dazu schieben wir die Boote durch ein enges Gartentor, das wir hinter uns wieder verschließen, und verschwinden unauffällig am anderen Ende des Gartens im Dickicht, als wären wir nie hier gewesen.

Das Flussbett hinter dem Wehr ist breit und flach. Nachdem wir die Boote und das Gepäck hinunter geschafft haben, halten wir ein spätes Mittagessen auf einer Sandbank ab. Wir erfreuen uns an sandigen Brötchen mit Minisalami und für René gibt es weiterhin Schonkost.

Auf dem Lichtstreifen

Wohltuend gesättigt, zerren wir kurz darauf die Boote aus dem Flachwasser in die Strömung des Hauptlaufs und treiben weiter. Der restliche Nachmittag verläuft sorglos gleitend auf dem Fluss, der einem Lichtstreifen gleicht und am Rande von meterhohen Böschungen und Graswäldern begleitet wird. Der Flusslauf wechselt nun ständig sein Gesicht und ist mal breit und dann wieder eng. Hin und wieder reichen zwischen prärieartigen Wiesenflächen bewaldete Hügel bis nah an die Ufer heran, wo sich das Wasser durch losen und sandigen Boden gegraben hat; und immer wieder hängt Hopfen von abgestorbenen Bäumen.

Nervöse Enten

Wir können größtenteils nebeneinander her paddeln, bis wir des Redens überdrüssig werden und uns wieder auf dem Wasser verstreuen. Wir lehnen uns, jeder für sich, zurück und lassen uns treiben. Dabei holen wir eine Entenfamilie ein, die uns nicht bemerkt hat. Wir haben sie schon fast erreicht, da ertönt ein dröhnender Pups von René, der laut im Bootskörper wiederhallt. Sofort ist es vorbei mit der Ruhe und die Enten steigen vor unseren Booten laut quakend mit nervösem Geflatter in die Luft.

Nowogród Bobrzański

Am Spätnachmittag erreichen wir eine Ansammlung großer Villen, die majestätisch von einer Anhöhe auf den Fluss herabschauen. Am Berghang ziehen sich die Ufer plötzlich zusammen. Gleich darauf folgt eine Reihe felsiger Sohlschwellen, die im Unterwasser alter Brücken lauern. Die Brücken machen einen maroden Eindruck und scheinen schon lange nicht mehr benutzt zu werden. Kurz darauf wird die Strömung wieder gleichmäßig und glatt und an den flachen Ufern sind nahe Häuser zu sehen.

Zielona Góra

Am Eingang der Ortschaft liegt ein Baggerschiff im Wasser. Aus der Mitte des Flusses hebt es schaufelweise Sand vom Grunde des Flusses empor. In gleichmäßigen Abständen klatscht das matschige Sand-Wasser-Gemisch auf den Rumpf eines Lastkahns. Über die Schiffsreling fließt trübes Wasser zurück in den Fluss. Wir sind verwundert. Es handelt sich dabei sicher nicht um eine wasserbauliche Maßnahme, denn eine kommerzielle Schifffahrt gibt es hier schon lange nicht mehr. Vermutlich benötigt man den Sand für den Bau der neuen Schnellstraße nach Zielona Góra.

Grüner Wein

Zielona Góra ist die Stadt mit dem ehemals nördlichsten Weinhang Europas, die einst wegen ihres sauren Weißweins berühmtberüchtigt war. Früher trug die Stadt einmal den Namen Grünberg, der schon für sich genommen auf die Qualitäten ihres Weins schließen ließ. Neuerdings aber haben ein paar unverbesserliche Enthusiasten mit der Rekultivierung des Weinbergs begonnen, was dem Rebensaft allerdings nicht unbedingt zum Übel gereichen muss, denn die fortschreitenden Klimaveränderungen lassen auch hier im Norden neue Hoffnungen für den Weinanbau keimen.

Der Ort, den wir erreicht haben, heißt Nowogród Bobrzanski. Vom Wasser aus betrachtet, scheint die westpolnische Kleinstadt nicht mehr als ein großer Verkehrsknotenpunkt zu sein. Ein paar Menschen spazieren am Ufer entlang und am unteren Ende des breiten Flusstals ragt eine große, neugebaute Brücke für die betreffende Straße in die aufstrebende Weinstadt in den Himmel.

Bewegung

Der Fluss zieht sich dort trichterförmig zusammen und das Wasser gerät in Bewegung. Die Strömung drückt uns zwischen den hohen Brückenpfeilern hindurch. Direkt dahinter liegen im Schatten des Brückenmonuments die würdevollen Backsteinfundamente der alten Brücke, die um ein Vielfaches charakterlicher wirken als der glatte Betonriese hinter uns.

Glühender Backstein

Die Brücke ist wie ein Tor, hinter dem der Fluss sofort wieder in ein enges und schattiges Reich tritt. Hohe Weiden recken sich weit aufs Wasser hinaus und zwischen ihnen erhebt sich am rechten Ufer ein alter Industriekomplex, den an diesem Abend die Stimmung eines verlassenen Schlosses umgibt. Wieder ist die Mischung aus althergebrachtem Herrschafts- und Funktionsbau frappierend. Die Außenwände der hohen Fabrikhalle sind glatt und kahl, aber ein angeschlossener Turmbau ist mit einer prunkvollen Stuckfassade ausgeschmückt. Mit seinem in der Abendsonne glühenden Backstein hebt sich der Bau zwischen den schattigen Baumkronen wie die visionäre Erscheinung eines vergangenen Jahrhunderts hervor.

Anlegen

Kurz darauf erreichen wir eine alte Eisenbahnbrücke. Ihre Eisenträger sind verwittert und rostig, und tragen schon lange keine Züge mehr. Lediglich ein paar Angler aus der nahen Stadt nutzen die Brücke, um auf dem Gittergeflecht jonglierend über den Fluss zu gelangen. Weil uns eine kleine Staustufe aus scharfkantigen Spundwänden etwa hundert Meter unterhalb der Brücke mit alarmierendem Rauschen droht, legen wir neben der alten Brücke an.

Brennnesseln und Mücken

Es ist fraglich, ob unsere Boote die Spundwände unbeschadet überfahren können. Deshalb entscheiden wir uns gegen dieses Risiko und beginnen mit dem Umtragen. Der Weg ist beschwerlich. Auf dem schmalen Pfad flussabwärts bleibt der Bootswagen immer wieder im Dickicht hängen und erst nach einem langen und mühseligen Landgang erreichen am Ende des Weges eine kleine Wiese, die einen kleinen Zugang zum Wasser bietet. Brennnesseln und Mücken haben uns heftig zugesetzt. Unsere nackten Beine brennen und juckten jetzt.

Wir haben wenig Lust, den Landgang weiter als nötig auszudehnen und beeilen uns damit, wieder aufs Wasser zu kommen. Der Bober liegt hier breit und seeartig vor uns. Die Sonne wirft im Untergehen ein magisches Licht aufs Wasser, was der Weiterfahrt eine sonderbare Stimmung verleiht.

Ruhe vor dem Sturm

Irgendetwas liegt in der Luft. Wir sind ganz still und halten Ausschau nach einem Lagerplatz für die hereinbrechende Nacht. Dann zieht ein Wind auf und fegt drohend übers Wasser. Es ist an der Zeit, an Land zu gehen. Den passenden Lagerplatz dazu finden wir auf einer Anhöhe am linken Ufer, wo eine Gruppe von Fichten und stämmigen Eichen bescheidenen Schutz vor dem aufziehenden Sturm verspricht.

Problematisch

Der Lageraufbau mit Zelt, Muschel und Schutzplane funktioniert gewohnt gut und bald ist alles hergerichtet. Doch den Zugang zum Wasser haben wir zu wenig beachtet. Nun stellte er sich als problematisch heraus und ich falle zweimal hintereinander der Länge nach auf dem glitschigen Boden hin. Das zweite Mal lande ich halb im Wasser. Da ich und meine Sachen nun vollkommen verdreckt sind, entscheide ich mich spontan dazu, die kleine Lücke zwischen restlichem Tageslicht und Unwetter zum Waschen und Baden zu nutzen.

Problematischer

Doch alles sollte noch viel problematischer werden: Während René und Mark mit dem alltäglichen Lagerbetrieb und den Vorbereitungen für ein Feuer beschäftigt sind, suche ich mir hektisch frische Sachen zusammen. Dabei stelle ich erschrocken fest, dass mein wasserdichter Packsack mit den persönlichen Utensilien im Innern mit einer klebrigen Substanz kontaminiert ist. Ich mache mir ernsthaft Sorgen und schütte meine gesamte Habe auf die Erde. Das Duschgel ist ausgelaufen und hat einige meiner wichtigsten Mitbringsel besudelt.

Laune am Tiefpunkt

Was für ein bescheuertes Missgeschick. Das Tragische daran ist, dass ich schon mehrmals in den letzten Tagen darüber nachgedacht hatte, das Duschgel wegen der unsanften Handhabe der Packsäcke umzupacken. Das macht meinen Ärger in diesem Moment umso größer und ich kann angesichts meiner Ignoranz nur noch den Kopf schütteln. Der entstandene Schaden ist zum Teil irreparabel. Meine Laune hat ihren Tiefpunkt erreicht.

Keine weiteren Ausrutscher

An anderer Stelle hätte ein solcher Fehler zwar schlimmere Folgen haben können, aber an diesem Abend bedeutet das für mich, halb im Schlamm versunken und frierend mich selbst und meine Sachen zu waschen, ohne mir dabei weitere Ausrutscher auf dem glitschigen Ufer erlauben zu dürfen. Das war mir ja bisher leider nicht so gut geglückt. Nachdem ich diese Geschicklichkeitsübung mit leidlichem Erfolg abgeschlossen habe, bleibt mir nichts weiter übrig, als mir etwas von meinen nassen Sachen überzuziehen, denn was anderes besitze ich in diesem Moment nicht mehr.

Als mir in den nassklammen Sachen allmählich wieder warm wird, bemerke ich, dass es auch um die Laune meiner beiden Begleiter nicht gut bestellt ist. René fühlt sich kränker als noch heute Morgen und Mark ist still geworden. Um die Stimmung nicht weiter zu belasten, verkrieche ich mich mit meiner Griesgrämigkeit unter die Regenplane und ordne meine Angelegenheiten neu – vor allem meine persönlichen Gegenstände, wie Schreibzeug, Wörterbuch und Reisepass, die ich sorgfältig auf meinem Schlafsack in der Muschel zum Trocknen auslege.

Lager in Zaum halten

Draußen fegen immer neue Windböen durch unser kleines Lager und bringen unsere Ordnung durcheinander. Wiederholt fliegen einzelne Dinge fast aufs Wasser hinaus, wenn nicht jemand noch im letzten Moment beherzt nach ihnen gegriffen hätte. Wir bemühen uns redlich darum, das Lager in Zaum zu halten. Um uns herum ist es laut, aber unser Abendbrot fällt dafür heute stiller als gewöhnlich aus. René legt sich bald zum Auskurieren ins Zelt. Mark und ich hingegen kauern weiter an einem leidlich windgeschützten Plätzchen zwischen Bäumen an einem spärlichen Feuer. Darüber grillen wir gepfefferte Putensteaks, die vortrefflich den Frust aus unseren Bäuchen vertreiben können; doch der größte von unseren Bäuchen liegt an diesem Abend schon im Zelt.

Nachrichten in die Heimat

Als ich allein bin und ein letztes Nachtfoto machen möchte, finde ich mein Stativ wieder. Es ist das Opfer stürmisch-chaotischer Lagerverhältnisse geworden und hat ein Bein verloren. Das stimmt mich traurig und der Ärger über meine Missgeschicke weicht nun einer tiefen Niedergeschlagenheit. Per Handy versuche ich noch, eine wehmütige Nachricht in die Heimat abzusetzen, von der ich nicht weiß, ob sie jemals ankommen würde. Zuletzt mache ich noch ein Foto vom Bober bei Nacht mit aufgepeitschtem Wasser.

Salz in der Suppe

Der Apparat ist noch nicht ganz fertig mit der Belichtung, als unvermittelt ein lauter Platzregen über mich hereinbricht. Ich türme mit Apparat und Bierflasche unter die Plane, wo der Regen noch lange gegen die dünne Plastikhaut trommelt. Im flackernden Kerzenschein schreibe ich noch eine Weile im Reisetagebuch und verkrieche mich dann in meinen klammen Schlafsack. Von den Mücken ist in der Strandmuschel heute nur wenig zu spüren. Der Sturm hält sie mir vom Leib. Ich falle in einen tiefen traumlosen Schlaf, wobei ich zuletzt noch versöhnlich daran denke, dass es unterwegs auch Tage wie diese geben sollte, denn sie sind vielleicht das Salz, welches einem Abenteuer erst jene Würze verleiht, die es unvergesslich macht.

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