Oberlausitz Archive - WildWeitWeg https://wildweitweg.de/tag/oberlausitz/ Wildweit unterwegs mit Rad, Bus und Kanu. Mon, 01 Mar 2021 09:37:03 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.4.13 https://i0.wp.com/wildweitweg.de/wp-content/uploads/2021/02/cropped-Logo1-2.jpg?fit=32%2C32&ssl=1 Oberlausitz Archive - WildWeitWeg https://wildweitweg.de/tag/oberlausitz/ 32 32 122654468 Reportage: Hart an der Grenze, Tag 7 https://wildweitweg.de/reportage-hart-an-der-grenze-tag-7/ https://wildweitweg.de/reportage-hart-an-der-grenze-tag-7/#comments Mon, 02 Sep 2019 11:18:29 +0000 https://wildweitweg.de/?p=2194 Auf der Neiße: Schlauchboot und Gummiwehr Der letzte Tag hat bereits begonnen und der Wind sich längst hinter die fernen Berge verzogen. Die Sonne herrscht wieder über das Land. Heute hat sich auch schon die Grenzpatrouille an uns gewöhnt. Gut gelaunt spaziert sie an uns vorbei und wünscht das erste Mal nicht, unsere Pässe zu …

Der Beitrag Reportage: Hart an der Grenze, Tag 7 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>

paddeln auf der neißeAuf der Neiße: Schlauchboot und Gummiwehr

Der letzte Tag hat bereits begonnen und der Wind sich längst hinter die fernen Berge verzogen. Die Sonne herrscht wieder über das Land.

Heute hat sich auch schon die Grenzpatrouille an uns gewöhnt. Gut gelaunt spaziert sie an uns vorbei und wünscht das erste Mal nicht, unsere Pässe zu sehen. Stattdessen wünschen uns die beiden Herren einen guten Tag. Verblüfft sehen wir den beiden Beamten nach. Wie sie so am Flussufer entlang schlendern, möchte man meinen, dass sie nur ihren Hund ausführen, der neben ihnen an der Leine läuft. Unsere Anwesenheit scheint hier nichts Bedrohliches mehr zu sein. Paddler am Grenzfluss sind selbstverständlich und stören hier nicht weiter.

Kein Aufwand mehr

Heute ist selbst das Einpacken kein großer Aufwand mehr. Der Kahn liegt noch angeleint im Flussbett, wie wir ihn am Vorabend platziert hatten. Viel Proviant zum Verladen ist nicht übriggeblieben. Alles geht uns an diesem Morgen leicht von der Hand. Aber trotz dieser Leichtigkeit bleiben wir unserer Tradition treu und gondeln erst am späten Vormittag wieder auf dem Wasser. Vor uns liegt nun ein enger Fluss. In der schnellen Strömung fordern Baumhindernisse unsere ganze Aufmerksamkeit. Das Land ist endgültig weit geworden. Es erstreckt sich hinter einer ausholenden Flussbiegung bis weit an den Horizont.

Eine Mauer

Am unteren Ende der Kurve wird unser Blick durch eine Steinwand am linken Ufer begrenzt, die bis ans Wasser heranreicht. Obwohl der Fluss rechts weiterführt, ahnen wir Probleme und steigen auf den glitschigen Steinen aus. Als wir uns aufrichten und umschauen, sehen wir, dass wir auf der Krone einer massiven Wehrmauer stehen. Auf der Wasserseite schabt unser Boot an den Steinen in modrigem Schlamm und auf der anderen Seite starren wir in eine metertiefe Leere, dass uns schwindlig wird. Unser Abbild spiegelt sich in einer pfützenartigen Wasserlache jenseits der Mauer wider. Dahinter ist nichts, außer ein wilder grüner Schilfwald zu sehen, aus dem vereinzelte, gelbe Sandflächen hervorstrahlen.

Knifflige Sache

Wir schauen fragend auf das breite ausgetrocknete Flussbett vor uns. Dann entdecken wir rechts am Ende der Mauer ein kleines Generator-Häuschen, an dessen Unterseite ein bescheidener Wasserlauf hervorsprudelt. Dieses klägliche Rinnsal kann aber nicht alles sein, was hier von der Neiße übrigbleibt. Also steigen wir wieder ins Boot und suchen das restliche Wasser. Wir paddeln in den rechts weiterführenden Flusslauf. Weiter im Landesinneren hinter einer weiteren Flussbiegung wird allmählich das Rauschen eines Wehrs hörbar. Dort dürfen wir jedoch nicht offiziell anlegen, da beide Flussufer zum polnischen Staatsgebiet gehören. Das macht die Sache knifflig.

Umständliche Meisterstücke

Also paddeln wir zurück zum stillgelegten Trocken-Wehr, um dort auf der schmalen Mauerkrone unseren Abstieg an der Steinwand vorzubereiten. Dazu müssen wir viele Gepäckstücke ausladen und umständlich einzeln über die steile Uferbegrenzung nach unten tragen. Daraufhin ist auch das Boot leicht genug für den Transport nach unten. Nach ein paar spannenden Minuten liegt es ruhig im abgestandenen Unterwasser des Wehrs und kann wieder beladen werden. Ein kleines alpines Meisterstück ist uns geglückt.

Blütenmeer und Pflanzenteppich

Nun befinden wir uns wieder auf dem Wasser. Noch verhindern ein paar Stauungen unterhalb des Generatorhäuschens unsere zügige Weiterfahrt. Es sind jedoch nur geringe Höhenunterschiede, die wir mit einfachem Drücken und Rücken des Bootes überwinden können. Kaum sitzen wir daraufhin wieder richtig im Boot, geraten wir in einen dichten Blütenteppich, der auf dem Wasser schwimmt und uns sanft aber bestimmend festhält. Das Wasser strömt leise durch die eng verschlungenen Pflanzenfasern, vorbei an Tausenden weißen Farbtupfern, die den Fluss schmücken. Das Blütenmeer reicht über die gesamte Flussbreite und das Wasser verwirbelt sich darin in unzähligen kleinen Strudeln, die in der Mittagssonne ein Funkeln und Glitzern um uns herum erzeugen.

Zeitlupengleich

Das Schlingengewirr der Pflanzen erzeugt kleine Schwellen im Wasser, auf denen wir langsam und zeitlupengleich weich gebettet von einer natürlichen Stauung zur nächsten treiben. An den Stellen, wo der Pflanzenteppich etwas dünner ist, beschleunigt die Strömung für einen kurzen Moment die Fahrt, um uns kurz darauf in das nächste bremsende Pflanzenknäuel zu schieben. Auf diese sanfte Art und Weise reiten wir in gleichmäßigen Schüben das Gefälle ab, bis wir zur nächsten Flussbiegung gelangen. Dort verengt sich das Flussbett und der Schatten der ufernahen Bäume unterbricht den schlingernden Blütenteppich. Nun haben wir wieder freie Fahrt und schießen auf klarem Wasser an baumbewachsenen Ufern vorbei durch ein Wechselspiel aus Licht und Schatten.

Tief im Osten

Neben der Flora gibt es noch die Fauna, und die unerwartet kräftige Strömung trägt uns im nächsten Moment mitten in eine kleine faunische Katastrophe für Paddler hinein. Was ist passiert? Zwischen den baumgesäumten Ufern wagen wir eine kleine akrobatische Einlage, um jenes Schild zu fotografieren, das den östlichsten Punkt Deutschlands markiert. Als wir es sehen, sind wir schon fast daran vorbei.

Faunische Katastrophen

Wir bremsen das Kajak, wenden und paddeln zurück. Nachdem ich kurz auf den Auslöser gedrückt habe, ich konnte in dieser Zeit nicht steuern, verschwinden wir direkt am östlichsten Punkt Deutschlands vorübergehend im ufernahen Blätterdickicht. Als wir wieder hervorkommen, entdecken wir unzählige kleine Flecken in unserem Boot, die sich bewegen. Offenbar handelt es sich um kleine Tiere, welche die günstige Gelegenheit zum Zusteigen genutzt hatten. Nach kurzer Verwunderung macht sich Entsetzen bei uns breit, denn es ist eine ganze Kompanie Zecken, die nach jahrelangem abstinenten Baumsitzen nun ihr Glück in unserem Boot sucht. Wir hingegen suchen sofort unser Heil im flachen Wasser. In akribischer Feinarbeit bemühen wir uns, die kleinen Piraten aus dem Boot herauszusammeln. Mit der lecker Blutschleckerei soll es nichts werden; alle Blinden Passagiere müssen wieder auschecken.

Eine ganz andere Spezies

Immer noch mit einem mulmigen Gefühl im Magen und einem wachsamen Auge für alles, was klein und schwarz ist, sitzen wir wieder im Boot und treiben den Fluss hinunter. Einen Flecken sammle ich noch von Renés Rücken, als wir in die Arme einer ganz anderen Spezies treiben, die wir hier nicht erwartet hätten. Es sind Sonntagskapitäne. Sie lauern uns bei einer Brücke im letzten Kehrwasser vor einer Stromschnelle auf und sitzen in üppig ausladenden Schlauchbooten, mit welchen sie es leicht mit uns aufnehmen können. Es stellt sich heraus, dass sie sich als Rafting-Touristen verstehen. Mit ihrer dümpelnden Leichtigkeit und einer unverhohlen zur Schau gestellten Abschätzigkeit angesichts unseres schmalen Kajaks provozieren sie uns zu einem Duell auf Stromschnellen.

Presswurst-Regatta

Wir paddeln in die Stromschnelle und sie schieben ihren dicken Kahn hinterher. Während wir mit vollem Körpereinsatz das Boot auf Linie halten müssen, klatschen die prallen Gummiwülste einfach nur Schwelle um Schwelle herunter, dass es ein fast lächerlicher Anblick ist. Die Sonntagspaddler haben die Verfolgung aufgenommen und folgen dicht hinter uns. Auf den ebenen Passagen zwischen den Stromschnellen sind wir jedoch im Vorteil. Zudem bieten wir den weitaus ästhetischeren Anblick, wie wir kräftig paddelnd die Presswurst-Regatta hinter uns abhängen, die träge auf dem Wasser dahintreibt. Während wir mit unserem Bootsrumpf das Wasser zerschneiden, drehen sich die rundlichen Schlauchboote mit jedem neuen Paddelschlag um die eigene Achse.

Ein Stop für alle

Nach einer längeren Hatz kommt ein Wehr. Es ist ein ganz besonderer Typus von Wehr, quasi nicht viel mehr als ein mit Wasser befüllter Gummischlauch, der, auf einem robusten Betonfundament gebettet, sich fett wie eine Armada von Schlauchbooten quer ins Flussbett presst und den Wasserstrom abriegelt. Dazu gehörte ein auf der linken deutschen Uferseite liegender Kraftwerkskomplex, der uns mit seiner weit ins Gelände ausgedehnten Umzäunung den direkten Landweg stromabwärts versperrt. Hier sind wir alle wieder gleich. Hier kommt auch kein Schlauchboot weiter.

Eine leidige Geschichte

Einen Unterschied gibt es aber doch: Wir und unser Gepäck; das ist schon die ganze zurückliegende Woche eine leidige Geschichte gewesen. Aber heute am letzten Tag haben wir unsere längste Landstrecke erreicht. Der Schweiß fließt uns in Strömen an Armen und Beinen herab, als wir uns auf einem holprigen Pfad durch die Wiesen schleppen. Die Packsäcke haben wir schon wieder zu Haufen portioniert im Gelände verteilt, als wir unser sperrigstes Mitbringsel, das Boot, hinterher tragen. Gerade in dem Moment, als wir in einer Geste der Erschöpfung verharren, überholt uns das lautstarke Rudel von Sonntagskapitänen, die mit ihren Schlauchbooten an der Hand an uns vorbeischlendern. Mit ihrer Tagesration Keks im Brotbeutel sind sie jetzt wieder klar im Vorteil. Wir lassen sie kampflos ziehen. Unser Ehrgeiz ist bei 400 Metern Landgang in der brütenden Mittagshitze weich geworden.

Menschenleer und geisterhaft

Im grellen Sonnenlicht, umgeben von weitläufigen Wiesen, wirkt das abgesperrte Kraftwerk mit seiner menschenleeren Industrieatmosphäre geisterhaft, wie eine phantasierte Erscheinung, die nicht hierher gehört. Dahinter liegen die vereinzelten Häuser eines Dorfes, die wie lose in die Landschaft gestreut scheinen. Sie sind alt und wegen ihres maroden Erscheinungsbilds sehen sie wie die verlassenen Überreste aus einer anderen Zeit aus. Doch umherrennendes Federvieh verrät, dass hier noch jemand wohnen muss, der die schmale Straße nutzt. Der brüchige Asphalt führt über eine nahe Anhöhe in das eigentliche Dorf, wo sicher mehr Menschen leben. Aber hier, wo die Straße direkt am Fluss endet, sind wir allein.

Fluss im Hochsommer

An der Einsetzstelle legen gerade die letzten Schlauchritter ab, als wir uns für ein deftiges Mittagessen auf dem gemütlichen Steg niederlassen, den wir immer wieder für eine erfrischende Badeeinlage verlassen. Der Fluss ist hier schmal. Der Ausfluss der Turbinen hat den Wasserlauf auf wenige Meter verengt. Wir lassen uns das kühle Nass um unsere Füße spülen, die wir vom Steg herabbaumeln lassen. Das Wehr ist still. Kein Tropfen plätschert von der Gummiwulst. Vor uns liegt das Bild von einem „ausgetrockneten Fluss im Hochsommer“, der sich bis zum gegenüberliegenden Ufer als eine sandige Dünenlandschaft zeigt. Der Anblick stimmt uns melancholisch, denn wir können nicht die Gedanken daran verdrängen, dass wir noch heute der Neiße den Rücken zukehren werden. Den restlichen Sommer wird sie wieder ohne uns verbringen müssen, doch vor allen Dingen wir ohne sie.

Sommerfrische

Doch diese Reise soll nicht vor einem würdigen Finale in Bad Muskau enden. So zumindest machen es uns die gutgemeinten Prophezeiungen von unbedachten Schlauchbootschiffern glaubend, die meinen, dass der Weg bis Bad Muskau nicht mehr weit sei. Die Hoffnung, dass wir an diesem Tag noch die Pückler’schen Parkanlagen betreten würden, beflügelt uns darin, bald wieder tollkühn die Paddel zu schwingen, um heute noch die dafür nötigen Kilometer hinter uns zu bringen. Doch die entscheidenden Kilometer liegen noch vor uns. Mit verwegenen Mienen paddeln wir den Fluss hinunter. Über halbtrockene Stromschnellen geht es zügig vorbei an vergnügten Sonntagsbadern, die ihre nachmittägliche Sommerfrische an den hellen Stränden der Neiße verbringen. Manchmal müssen wir noch anhalten und aussteigen, um die Situation vor uns im Flussbett zu klären. Doch insgesamt lassen wir uns an diesem Nachmittag nur wenig aufhalten, zumal wir uns jetzt an den Durchfahrtskennzeichnungen in Form von provisorischen Bojen orientieren können, die nun an den kritischen Stellen für die Schlauchbootskipper angebracht sind und die geeigneten Durchfahrtsstellen anzeigen.

Am Ende unerreicht

Entspannt erreichen wir die Sammelstation von „Neißetours“, wo uns ein breites Wehr die Weiterfahrt versperrt. Inmitten der regen Betriebsamkeit von Sonntagsausflüglern legen wir an und nutzen die Gelegenheit, um uns mit den Reiseveranstaltern bekannt zu machen. Die Begegnung ist herzlich. Aber die Freude wird von einem unschönen Sachverhalt überschattet, denn die beiden Herren versichern uns, dass es völlig unmöglich sein würde, heute und zu dieser Zeit noch Bad Muskau zu erreichen. Von unserem jetzigen Standpunkt seien es noch fünfzig Kilometer Flusslauf mit sechs weiteren Wehren, die noch vor uns liegen, sagen sie. Wir wollen es nicht glauben. Nach einer kurzen Phase der Realitätsfindung wird uns klar: wir sind unserem Irrsinn und einer Falschmeldung, sozusagen einer „Ente“, auf den Leim gegangen. An den Aussagen der Veranstalter ist nicht zu zweifeln. Sie kennen ihr Revier. Mit dieser Erkenntnis löst sich unser heroisches Ziel in Enttäuschung auf. Die „Pückler’sche Landschaft“ ist noch weit entfernt, und die vor uns liegenden Wehre machen sie unerreichbar.

Wehr Nummer 26

Traurig kauern wir bei Wehr Nummer 26 auf dem Steg. Es ist das letzte Wehr unserer Tour und liegt unweit von Rothenburg mitten in einer weiten Heidelandschaft. Das letzte Wehr wirkt jetzt nicht mehr wie ein lästiges Hindernis, sondern symbolisiert vielmehr eine unüberwindbare Schwelle, hinter der unsere abenteuersüchtige Glückseligkeit mit dem Fluss davonzieht.

Ein Nest von Dickschiffen

Eine Woche haben wir gegen Wehre gekämpft. Dieser Kampf hat vorerst ein Ende gefunden. Für uns ist Schluss. Es tut weh, hier bleiben zu müssen. Jetzt bin ich wieder dort angelangt, wo ich den Fluss zum ersten Mal sah. Es war ein kalter Wintertag und dieselbe Sehnsucht. Ich will diesen Fluss bewandern, in voller Gänze, in wie viel Etappen ist egal. Eine Woche wie ein phantastischer Traum liegt hinter uns. Wieder aufgewacht, finden wir uns in einem Nest von Dickschiffen wieder. Wir sind verwundert und fast ein bisschen erschreckt über soviel Betrieb. Das ist nun unser Hafen, ein Gewirr aus Gummi und leichtbekleideten Wochenendtouristen mit Sonnenbrillen.

Unser Hafen

Das Anlanden von Boot und Gepäck ist ungewohnt komfortabel. Nach dieser wilden Woche kommen uns derartige Annehmlichkeiten fremd vor. Kaum haben wir es uns mit unserer gewohnten Logistik auf dem Steg eingerichtet, drängt sich eine Gruppe Schlauchboote zwischen unsere Sachen. Sie tauchen wie aus dem Nichts auf und sind genauso schnell wieder verschwunden. Die Sonntagsausflügler eilen zu ihren Fahrzeugen, die sie in ihre gemütlichen Stuben bringen. Nach diesem kurzen Schrecken folgt eine stille Pause, in der wir uns unserer Ankunft bewusst werden. So ein schnelles Ende haben wir nicht erwartet. Dann kommt neues Stimmgewirr näher und in regelmäßiger Abfolge schippern, wie auf eine Schnur gefädelt, immer neue Schlauchboote heran.

Basarstimmung

Wir sind nun plötzlich von lautem Touristentrubel umgeben. Die hektische Umgebung wirkt auf uns noch unwirklich. Es geht zu wie auf einem Basar. Nach dieser langen Reise haben wir also einen Marktplatz erreicht. Doch wir wollen nichts und haben nichts anzubieten. Also stehen wir etwas verloren abseits und gehören nicht dazu. Allmählich zerstreuen sich die Menschen und steigen in Busse und Autos. Als sie kurz darauf weg sind, legt sich eine wohltuende Stille auf das Land und der Marktplatz sieht jetzt aus wie eine ganz normale Wiese.

Und plötzlich Stille

Es ist bereits später Nachmittag. Unser Fahrer ist über unsere Position informiert und weiß nun, dass er entgegen unserer ursprünglichen Zielvorgabe an diesem Abend den Weg über sächsische Straßen nehmen muss, um zu uns zu gelangen. Bis er bei uns sein würde, haben wir noch etwas Zeit, um diesen Tag ausklingen zu lassen. Langsam erfasst uns wieder eine tiefe Ruhe. Wir saugen ein letztes Mal die herbwürzige Luft ein und atmen tief durch. In der Nähe baden noch Kinder. Sie wechseln ständig die Uferseite, so dass wir nicht wissen, wohin sie gehören. Wahrscheinlich sind sie auf beiden Seiten des Flusses zu Hause und amtliche Grenzbestimmungen machen ihnen keine Angst. Einige von ihnen kommen näher und schlendern betont zufällig an uns vorbei. Dabei beobachten sie uns mit verstohlenen Blicken. Wir erscheinen ihnen wohl sonderbar, weil wir noch hier und nicht mit den anderen Touristen weggefahren sind.

Riefen

Statt alles für eine Weiterfahrt vorzubereiten, wie wir es die gesamte zurückliegende Woche taten, nehme ich jetzt das leere Boot, um es im Fluss zu waschen. Als es so nass im Wasser liegt, sieht man ihm die zerschürfte Oberfläche nicht an, die es sich in der vergangenen Woche auf der Neiße zugezogen hat. Doch alles ist wahrhaftig geschehen. Wenn man die Fingerspitzen über den Rumpf streichen lässt, dann fühlt man die Riefen, die der Fluss tief ins Boot eingraviert hat; unauslöschlich, wie in uns selbst.

Abendrot

Im letzten Tageslicht ordnen wir unser Gepäck für den Abtransport. Danach erkunden wir die nähere Umgebung. Sie ist wie ein romantisches Gemälde von einfacher Schönheit mit weiten Feldern und flachen Horizont im Abendrot. Wir beobachten vom Deich aus, wie die hereinbrechende Dunkelheit ihre Schatten auf das Land legt. Als wir zurück sind und ich gerade ein Feuer entzündet habe, schüttet sich plötzlich ein satter Sommernachtsregen über uns aus. Er bleibt und geht in ein monotones Prasseln über, welches das Rauschen des Flusses übertönt. In einem letzten Aufbäumen lodert das Feuer auf, bevor es vom Regen begraben wird. Es wird kalt. Das harte Trommeln der Tropfen besiegelt das jähe Ende unserer Tour.

Erinnerungen an einen Wintertag

Wir ziehen uns unter ein Hüttendach zurück und werden nachdenklich. Wir erinnern uns wieder daran, wo wir heute eigentlich sein wollten: Vor einer Woche war noch das Oderbruch unser Ziel gewesen, aber an diesem Abend ist es unendlich weit weg. In unser Grübeln mischt sich Wehmut. Klar hätten wir heute gerne an den weiten Ufern der Oder angelegt, doch wiederum macht uns das Unerreichte träumend von einem neuen Sommer, in dem jeder unerreichte Kilometer ein neues Abenteuer bedeutet. Mit wenig mehr als hundert Kilometer liegen wir weit hinter dem zurück, was wir geplant hatten. Es ist gerade mal die Hälfte. Doch das bedeutet, dass noch eine weitere Hälfte vor uns liegt. Es ist also kein endgültiger Abschied von der Neiße. Wir freuen uns schon in dieser Nacht auf eine Weiterfahrt mit all den Ungewissheiten und Erlebnissen. Dass die Schlauchbootverleiher eine Befahrung der Neiße mit Kajaks erst ab hier empfehlen, verdutzte uns zwar am Nachmittag etwas, doch jetzt kann es unsere Träumereien nur bekräftigen. Wo dieses Jahr ein Ende ist, da wird in einem neuen Jahr ein Anfang sein. Die Neiße lässt uns nicht los. Wie zu Beginn in jenem Winter hält sie uns noch immer fest gepackt.

Kein Abschied…

Um unser kleines Lager hat sich die Nacht gelegt. Wir sitzen im Schein des Kerzenlichts und in der Dunkelheit regiert der Regen. Es tropft Zeile um Zeile von den Sätzen und die Buchstaben quellen in der Nässe. Diese Geschichte löst sich allmählich auf. Dann auf dem Heimweg im Scheinwerferlicht wirkt das Erlebte nur noch diffus und unwirklich; ausgewaschen vom dichten Landregen. Im Düsteren liegt ein zurückgelassenes Leben. Doch das Papier wird wieder trocknen und ein neuer Sommer wird kommen, wo uns die Neiße lockt…

Hart an der Grenze, Tag 6 <<<

Diese Reportage von Anfang an lesen? Hier geht’s zu: Hart an der Grenze, Tag 1

Mehr über die Neiße

Wer sich selbst einmal auf der Lausitzer Neiße probieren möchte, findet hier den idealen Reiseführer für Wasserwanderer in Nordosteuropa inklusive allen wichtigen Infos zur Lausitzer Neiße.

Sehr hilfreiche Begleitmaterialien inkl. einem Kartenteil sind die DKV Gewässerführer für Ostdeutschland.

Weiterhin gibt es für Gesamtdeutschland das Deutsche Flusswanderbuch mit einem hilfreichen Kartenteil.

Mit Paddel & Pedale – Mehr erleben auf Radwegen & Flüssen.
Du bist gerne wildweit unterwegs? Du möchtest flexibel reisen? Dabei auch mal Rucksack oder Fahrrad gegen ein Kanu tauschen? Die neuen Wildweitweg-Services – gemacht für dein nächstes Abenteuer.

Empfohlener Gewässeratlas mit detaillierten Kartenauschnitten für den Brandenburger Flussabschnitt:

Der Beitrag Reportage: Hart an der Grenze, Tag 7 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>
https://wildweitweg.de/reportage-hart-an-der-grenze-tag-7/feed/ 1 2194
Reportage: Hart an der Grenze, Tag 6 https://wildweitweg.de/reportage-hart-an-der-grenze-tag-6/ https://wildweitweg.de/reportage-hart-an-der-grenze-tag-6/#comments Wed, 14 Aug 2019 13:03:52 +0000 https://wildweitweg.de/?p=2089 Auf der Neiße: Ins Stadtleben Am Morgen fühlen wir uns noch knautschig, aber die Schlafsäcke sind wenigstens trocken geblieben und der blaue Himmel lockt mit einem neuen Tag, der wohl besser als die zurückliegende Nacht sein würde. Noch müde, arrangieren wir das Frühstück auf dem feuchten Boden unserer kleinen Insel. Währenddessen steigt die Lufttemperatur und …

Der Beitrag Reportage: Hart an der Grenze, Tag 6 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>

neiße paddelnAuf der Neiße: Ins Stadtleben

Am Morgen fühlen wir uns noch knautschig, aber die Schlafsäcke sind wenigstens trocken geblieben und der blaue Himmel lockt mit einem neuen Tag, der wohl besser als die zurückliegende Nacht sein würde.

Noch müde, arrangieren wir das Frühstück auf dem feuchten Boden unserer kleinen Insel. Währenddessen steigt die Lufttemperatur und der Wasserstand sinkt.

Wie grobes Seemannsgarn

Nutellabrote holen uns zurück ins Leben. Nach dem Frühstück, wir sind noch nicht ganz fertig mit dem Beladen des Boots, liegen unsere kleinen Pegelmessstationen, die wir in der Nacht zuvor eingerichtet hatten, schon wieder im Trockenen. Bald ist der Pegel auf das Niveau des Vorabends zurückgefallen. Fast müssen wir nun das Boot dem Wasser noch hinterher tragen. Wären wir jetzt erst erwacht, hätten wir wohl nicht mehr als einen schlechten Traum vermutet, so unwirklich wie grobes Seemannsgarn wirken unsere nächtlichen Erlebnisse bereits wieder angesichts des seichten Flusses. Als wir ablegen, lassen wir wieder eine einladende Sandbank hinter uns, die noch größer ist als jene, die wir am Vorabend entdeckt hatten. Mit ihrer unschuldigen Schönheit kann sie jetzt die nächsten ahnungslosen Paddler anlocken.

Die nächste Erlebniskarte

Mit jedem Meter auf dem Wasser gewinnen wir Abstand zum Erlebten. Allerdings haben wir bereits die nächste Erlebniskarte gezogen. Eine weitere Episode in diesem Abenteuerspiel erwartet uns schon sehr bald hinter einer unscheinbaren Rechtskurve. Wieder scheint es sich um eine klassische Standardsituation zu handeln: ein Wehr. Die Bedingungen sind diesmal jedoch nicht eindeutig. Ein Durchlass führt zwar ausreichend Wasser und scheint auf den ersten Blick eine Befahrung zu rechtfertigen – Es gibt jedoch nur eine schmale Ideallinie zwischen den scharfkantigen Spundwänden, die wie für uns abgemessen ist und keinen Fehler verzeiht, wenn wir nicht präzise genau in den einschüchternd wuchtigen Schweif eintauchen.

Ratespiel

Was wir zuerst als eine Geschicklichkeitsaufgabe auffassen, wird schnell zu einem Ratespiel. Nachdem die Begutachtung vom Ufer aus eine einzigmögliche Befahrungslinie ergab, bleibt uns auf dem Wasser plötzlich als einzige Orientierungshilfe nur der geschätzte Abstand zum Ufer, denn mehr ist vom Boot aus nicht zu sehen, als wir auf die tosende Stelle zutreiben. Für eine Umkehr ist es bereits zu spät. Die Strömung hat uns fest im Griff. René sitzt vorne und ruft mir Steueranweisungen zu. Er schätzt die Situation gut ein und navigiert uns zur richtigen Stelle an der Sturzkante. Das Boot kippt nach vorne, mit Paddelschlägen halte ich es gerade, und wir schießen abwärts. Im nächsten Augenblick reiten wir auf einem tosenden Schweif und jubeln.

Dasselbe Wehr

Unser Wagemut wird an diesem Vormittag mit einer längeren hindernisfreien Flussstrecke belohnt. Erst pünktlich zum Mittagessen erreichen wir ein knackiges Doppelwehr, wo zwei aufeinander folgende Schwellen das Wasser verschlucken und unterhalb des Wehrs als Walze ausspuken. Sofort ist uns klar, dass hier nichts befahrbar ist. Keinerlei Kanu-Komfort, den wir auch nicht am Ufer finden. Das hält ganz andere Herausforderungen für uns bereit: einen kleinen Geländetriathlon. Der beginnt mit Gepäckweitwurf. Als das Gepäck sicher auf der Böschung liegt, kommt das Klettern an einer steilen Uferwand. Als auch das mit der Hilfe von Seilen gemeistert ist, bildet der Wegebau durch meterhohe Wildnis die Schlussetappe. Das alles sind Disziplinen, in denen wir uns diese Woche schon üben durften, und irgendwie ist alles genauso wie gestern Mittag. Selbst das Wehr, gelegen in einer Linkskurve, und die Einöde ringsherum, erinnern an das Erlebte von gestern. Es ist fast ein bisschen wie bei Kafka, und wir werden den Eindruck nicht los, dass wir uns im Kreis bewegen.

Im Kochtopf

Die Mittagssonne brennt auf unsere Schädel. Trotzdem versuchen wir zu überlegen. Wir finden keinen vernünftigen Einstieg am Unterlauf. Von „komfortabel“ stand auch nichts im Reiseprospekt. Also steige ich mit dem Boot in den auslaufenden Schweif am unteren Ende des Wehrs. Es fühlt sich an wie in einem Kochtopf, oder wie etwas, was sich eben so anfühlt. Um mich herum zerrt und gurgelt das Wasser. Doch es ist kalt und zieht mir allmählich die Wärme aus den Beinen. Meine Füße werden taub und ich fühle die zerkratzten Beine nicht mehr, die eben noch brannten, als wir uns durchs Dickicht kämpften. Während René unsere Sachen heranschafft, halte ich das Boot fest und verstaue das Gepäck. Immer wieder will mir die Strömung in unaufmerksamen Momenten das Boot entreißen. Erst als René im Boot sitzt und ich wie ein Bobfahrer in meine Sitzluke springe, legen wir mit einem zügigen Manöver ab und stoßen uns aus der Stromschnelle.

Strandleben

Außerhalb der Turbulenzen lockt uns auf der gegenüberliegenden Seite eine Sandbank. Sie ist lang und von feinem, hellen Sand, den das Kehrwasser des Wehrs dort abgelegt hat. Uns erwarten fünfzehn Meter exquisites Strandleben, direkt vor unserem Bug. Das ist lang genug. Wir können nicht widerstehen und legen an. Unsere anfänglichen Bedenken wegen dieser Grenzsache verfliegen schnell, zumal sich dieser Sand nicht auf polnischem Festland befindet, sondern zum Flussbett gehört. Es ist ein Strand zwischen den Grenzen. Seine Oberfläche ist geschmeidig und weicher Sand brennt unter unseren Füßen.

Ein großer Whirlpool

Wir springen ins tiefe Wasser unterhalb des Wehrs. Das Wasser brodelt wie in einem großen Whirlpool. Unsere Sinne erfrischen sich und unser Verstand kehrt zurück. Als wir daraufhin nass und triefend auf dem Fluss treiben, holt uns die Hitze wieder ein. Das Flussbett ist frei. Wir essen und gleiten dabei lautlos an vielen Buschweiden vorbei, die wie Tupfer den Flusslauf säumen. Dahinter befindet sich nur verdorrte Heide und manchmal in einiger Entfernung der vereinzelte Ausläufer eines Waldes, der von den Hängen der Lausitz herunterreicht. Aus den Hügeln werden Berge, die bald darauf wieder nah an den Fluss heranreichen.

Kunststückchen

Wir erreichen einen stillen Ort, wo sich Laubenpieper den heißen Nachmittag am Wasser vertreiben. Sie sagen uns, dass wir hier einen Vorort von Görlitz erreicht haben und halten weiter Siesta, ohne dass wir sie stören könnten. Am Ortsausgang finden wir unser drittes Wehr des Tages. Dabei handelt es sich vielmehr um einen ganzen Wehrkomplex, der aus mehreren Staubauten besteht, die den Fluss aufteilen und in mehreren Abzweigungen wegführen. Wir wählen den größten Wasserlauf, der geradeaus abfließt. Er besitzt das höchste Gefälle von allen Staustufen. Das spricht für ihn, ohne das Unterfangen leichter zu machen. Ein durch Holzbohlen regulierter Durchlass im Wehr lässt jedoch eine zügige Abfertigung erwarten, wenn wir es ein wenig akrobatisch beim Umtragen anstellen würden. Wir hieven das nicht mehr ganz voll beladene Boot Stück für Stück über die aufgequollenen Bohlen, damit es René unten in Empfang nehmen kann, während ich es von oben langsam herabseile. Unser kleines Kunststückchen verläuft planmäßig und wir sparen wertvolle Zeit, die wir in der nächsten Stadt brauchen werden. Görlitz erwartet uns.

Lausitzer Perlen

Die „Perle der Lausitz“ nimmt uns ganz unvermittelt in Empfang. Gerade folgen wir noch einem engen Wasserlauf und wähnen uns in wilder Natur, als der träg gewordene Fluss in einer weit ausholenden Flussbiegung Veränderungen ankündigt. Im letzten Drittel der Kurve öffnet sich ganz unerwartet der Blick auf das Görlitzer Aquädukt. Das ragt vor uns wie ein Tor in den Himmel. Von Bäumen eingerahmt, schwingt es sich in engen, hohen Bögen über den breitgewordenen Fluss. Dicht am linken Ufer passieren wir das Bauwerk. Kaum sind wir darunter hindurch, hören wir die nahen Verkehrsgeräusche einer Straße und sehen dem Wehr Nummer Vier dieses Tages entgegen.

Schöne Wehre

Zu unserer Freude hat eine Stadt wie Görlitz aber nur schöne Wehre, wie dieses zum Beispiel, das sich vor uns am Ende der weit ausholenden Flusskrümmung präsentiert. Es ist eine Art „Fächerwehr“, das seinem fiktiven Namen dadurch gerecht wird, dass es sich ganz real mittels regelmäßig gesetzter Balken dem Wasser entgegensetzt, das hier mit ganzer Wucht auf den Hang der Stadt zuströmt. Das Wasser wird durch die hölzernen Stämme in seiner Kraft gedämpft und verliert sich zwischen diesen sogenannten Fächern. Dieser Juli ist jedoch zu wasserarm, um dieses Schauspiel eindrucksvoll zu demonstrieren. Der Fluss bringt am unteren Ende des Wehrs nur ein bescheidenes Plätschern hervor, wodurch das imposante Bollwerk etwas komisch und überdimensioniert wirkt.

Hoffnung

In Görlitz verbringen wir einen sonnigen Nachmittag. Wir betreten einen schattigen Steg unterhalb des Berghangs, an dem Bäume bis ins Wasser reichen. Weiter oben führt der Oder-Neiße-Fernradweg in die Stadt. Nachdem wir uns kurz mit dem Gelände vertraut gemacht haben, legen wir in der angenehmen Gesellschaft von zwei Anglern eine späte Mittagspause ein. Während wir Fisch aus der Büchse essen, zeigt der angelnde Großvater seinem Enkel, wie man fachgerecht zu frischen Fischen kommt. Mit etwas unbeholfenen Bemühungen versucht der Junge es dem erfahrenen Mann nachzutun. Nebenher berichtet uns der munter gewordene Alte davon, wie schön einfach seit kurzem wieder alles an der Neiße wäre. Zum Nachtangeln ist nun nur noch eine telefonische Anmeldung beim Bundesgrenzschutz nötig. In Erinnerung an unsere Erlebnisse in den letzten Tagen mit unserer schriftlichen Genehmigung müssen wir darüber lächeln, denn bisher haben wir auf unserer Reise von einer solchen lockeren und ungezwungenen Umgangsweise mit dem Grenzfluss nichts gespürt. Doch das Erzählte macht uns Hoffnungen.

Plumps und weg!

Während wir hungrig essen, suchen unsere Augen die Umgebung ab. Unsere Blicke können es nicht lassen, immer wieder flussabwärts auf das gewaltige Wehr zu schielen. Dabei reift in uns ein Plan: Es muss doch möglich sein, ähnlich wie beim vorherigen Wehr, das Boot mit Sack und Pack einfach über die Wehrkrone zu schleifen, und dann plumps und weg! Kaum haben wir diese Idee ausgesprochen, sind wir uns darüber einig, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Wir verabschieden uns bald und legen wieder ab, was der Alte mit einem verwunderten Gesichtsausdruck kommentiert. Doch er wagt es nicht zu fragen, was wir jetzt vorhaben. Stattdessen schaut er uns stumm nach und beobachtet uns kurz darauf, wie wir auf der Wehrkrone sitzen und uns im friedlich plätschernden Wasser mit einem kühlen Sitzbad erfrischen. Dann schliddern wir mit dem Boot auf dem glitschigen Untergrund bis an die Sturzkante, und plumps, einen Augenblick später sind wir verschwunden und nicht mehr zu sehen.

Mehr als nur ein Wehr

Das Wasser trägt uns schnell in die alte Stadt, die uns von nun an auf beiden Seiten der Neiße begleitet. Das Flussbett ist komfortabel und das Wasser wird allmählich tiefer. Das ist ein eindeutiges Indiz für das nächste Wehr und es ist klar, dass eine historische Stadt wie Görlitz mehr als nur ein Wehr zu bieten hat. In der Altstadt an einer ehemaligen Wassermühle mit Wehr angelangt, schwitzen wir schon wieder. Die herabsteigende Sonne brennt weiterhin so heiß wie schon den ganzen Tag. Dazu kommt nun ein Deutsch-Polnisches Straßenfest, das direkt an der neuen Stadtbrücke stattfindet, die seit kurzem wieder beide Stadtteile miteinander verbindet. Die Einwohner hatten sich für diese grenzüberschreitende Verbindung eingesetzt. Heute zelebriert Görlitz und Zgorzelec diese neue Einheit und das gemischte Publikum genießt die wiedergewonnene Freiheit sichtlich. Während die älteren Besucher in gediegener Garderobe am Neißeufer flanieren, wippt ein bunter Reigen verschiedenster Jungmenschen in einvernehmlicher Geselligkeit im Takt von Ska-Musik.

Landgang

Zuerst verunsichern uns die zahlreichen Uniformen. Doch die scheinen zum Grenzübergang zu gehören und so wagen wir einen Landgang. Der Alte scheint recht zu behalten. Anders als wir erwarten, nimmt niemand von uns Notiz. Man lässt uns gewähren und beachtet uns nicht einmal in besonderem Maße, wie es sonst gelegentlich in der Fußgängerzone bei abgehalfterten Vagabunden mit Kajak im Schlepptau üblich ist. Plötzlich scheint es egal zu sein, ob wir hier paddeln oder nicht. Wir sind nicht mehr verdächtig. Hätten wir uns ohne Boot und Packsäcke unters Volk begeben, so wären wir vermutlich nicht einmal aufgefallen. Unser sonderbares Treiben wird toleriert. Während wir angestrengt unseren Kram über den Platz tragen, herrscht eine entspannte Atmosphäre um uns herum. Dazu veranstaltet eine polnische Band gerade ein Ska-Spektakel auf der Bühne, das lautstark herüberschallt. Unsere Ohren sind Stilleres von den letzten Tagen gewöhnt.

Klares Ziel

Trotz eines klaren Ziels, wir wollten weiter stromabwärts am Wehr vorbei, brauchen wir eine Weile, um zu begreifen, dass der Weg nur über ein vollbesetztes Cafe an der alten Wassermühle führt. Wir schauen hier und da und tippeln noch etwas in diese und jene Richtung, aber letztendlich bleiben wir vor dem Cafe stehen. Wo früher einmal ein Mühlenrad klapperte und Müllergesellen ihre staubige Arbeit verrichteten, tummelt sich an diesem lauten Nachmittag eine Unmenge von vergnügungswütigen Wochenendtouristen, die sich zum kollektiven Kaffeerausch bei Kuchen und Sahnetorte versammelt haben.

Strandpartyinsel

Wir bekommen Angst, doch die Cafe-Betreiber geben sich auf unser Nachfragen hin überraschend entspannt und segnen unser Vorhaben mit einem lockeren „Okay“ ab. Die Gäste und ihre emsigen Bedienungen hingegen wirken etwas verschreckt, als wir unser bizarres Treiben beginnen. Zur Eingewöhnung schleppen wir zuerst das Gepäck zwischen den Tischen hindurch zur Treppe hinunter. Das untere Ufer ist als eine Art Strandpartyinsel angelegt, die eingebettet zwischen dem Flusslauf und dem alten Mühlengraben liegt. Dort häufen wir nach und nach unser Gepäck an. Kaum hat sich die erste Verunsicherung der Gäste wieder gelegt, beginnen wir die Blumentöpfe von der Treppenbegrenzung abzuräumen. Das sorgt unter den Gästen für erneute Beunruhigung. Als wir daraufhin mit unserem grünen Fünf-Meter-Ungetüm die Terrasse betreten, verstummt die belebte Sonntagsidylle und wir schauen in entsetzte Gesichter. Für einen kurzen Moment scheint der vielstimmige Redeschwall über dem Cafe zu versiegen. Angesichts unseres entschlossenen Auftretens räumen diejenigen, die sich in unmittelbarer Gefahr wähnen, nach dieser Schrecksekunde ihre Sitzplätze und geben die Terrasse frei.

Stadtleben: Ausklang

Nachdem wir uns über ein paar Tische hinweg schnell über die Treppe nach unten zurückgezogen haben, vernehmen wir hinter uns schon wieder das einsetzende Kaffeegeplauder. Uns folgen lediglich noch ein paar argwöhnische Blicke von Gästen, die Sorge vor einer erneuten Störung haben. Doch auch die Misstrauischsten unter ihnen stimmen bald wieder ins allgemeine Gemurmel ein. Glücklich über den glimpflichen Ausgang dieser Episode, freuen wir uns über unsere eigene, wiedergewonnene Freiheit auf dem kleinen Stück Party-Strand. Zwischen Sonnenschirmen und Liegestühlen bereiten wir uns auf die Weiterfahrt vor. Noch bevor die Sonne rechts hinter dem Kirchenbau versinkt, können wir wieder ablegen. Den Tag und das Stadtleben lassen wir auf dem Wasser ausklingen. So wie wir gekommen sind, verschwinden wir wieder. Leise und unbemerkt reisen wir weiter. Über etliche Untiefen schrammend, treibt unser kleines, grünes Boot aus Görlitz hinaus.

Unter argwöhnischen Blicken

Wir sind erst wenige Kilometer aus der Stadt hinaus und die Sonne steht schon tief, als wir unerwartet auf ein sechstes Wehr an diesem Tag stoßen. Erstmals wird hier der Fluss für ein deutsches Wasserkraftwerk angestaut. Das ist durchaus selten. Doch auch ein Wasserkraftwerk auf deutscher Seite macht dem Paddler Arbeit, und so ist wieder, ähnlich wie am Vorabend, zum Tagesausklang unsere Initiative gefordert. Darin sind wir nun bereits geübt und lassen uns nicht weiter von einem verbauten Ufer aufhalten. Unter den argwöhnischen Blicken einiger Angler tragen wir das Boot über eine Schutthalde ans untere Ufer hinter dem Wehr. Mehr als ein paar rot in der Abendsonne leuchtende Ziegel und das Generatorenhäuschen sind von der Zivilisation hier draußen nicht geblieben. Wir verschwinden im dämmrigen Zwielicht der engen Flussmäander und lassen die mürrischen Angler zurück.

Ein Zelt, ein Thron

Nach einer kurzen Fahrt finden wir hinter einer Flussbiegung unseren heutigen Lagerplatz direkt an einer ausgedehnten Schotterbank. Wir ziehen das Boot auf die hellen, blankgewaschenen Kiesel. Auf einer weithin gemähten Wiese hinter dem Fluss ziehen die letzten Sonnenstrahlen über die freie Flur. In der Nähe schimmern die Gebäude einer kleinen Siedlung am Rande der Neißeniederung. Unser Zelt stellen wir entgegen unserer Gewohnheit diesmal oben auf der höhergelegenen Uferböschung auf. Das diesig-schwüle Wetter an diesem Abend und die Erfahrungen der letzten Nacht haben unser Misstrauen gegen Schlafplätze im Flussbett geweckt. Das Boot lassen wir jedoch unten auf dem Schotter liegen und vertäuen es sorgfältig am Zelt, das fast majestätisch über der Flussbiegung thront.

Abendliche Rituale

Das nahende Gewitter kann uns nicht vom obligatorischen Abendbad abhalten. Als wir uns schon wieder abtrocknen, kommt ein mittelgroßer Hund aus dem Dorf herangetrottet. Ohne weiter Notiz von uns zu nehmen, läuft er an uns vorbei und springt ins Wasser. Wir wundern uns noch darüber, als kurz darauf am Ufer ein Junge erscheint, der offensichtlich zum Hund gehört. Das Tier schwimmt unterdessen mehrmals seine Bahnen von einem Ufer zum anderen und ist ganz ins Baden vertieft. Der routinierte Ablauf des Ganzen unter der Obhut seines Herrchens lässt erahnen, dass es sich hierbei um ein allabendliches Ritual handelt, bei dem unsere Anwesenheit heute die einzige Abweichung ist. Da wir den Ablauf jedoch nicht sonderlich behindern, scheinen wir dem wortlosen Jungen nicht weiter aufzufallen.

Gefühl eines Fazits

Wieder alleine, halten wir neben unserem Zelt das Abendessen ab. Die Kost fällt heute bescheidener als sonst aus – es gibt Suppe und Schokoriegel. Für einen größeren Aufwand sind wir an diesem Abend zu erschöpft. Wir fühlen die Anstrengungen eines erlebnisreichen Tages und von sechs Wehren in unseren Knochen. Aber noch etwas anderes macht uns schläfrig: Der weiche, grasbewachsene Boden unter unseren Füssen fühlt sich so unendlich anders an, als das schroffe Land hinter uns. Auf dem samtigen Untergrund spüren wir plötzlich die spitzen Steine und den harten Boden der zurückliegenden Strecke, die wie ein nachlassender Phantomschmerz von uns abfallen. Jeder gemachte Schritt hat sich auf unseren Fußsohlen eingebrannt. Mit unseren nackten Füssen haben wir ein Land bereist und intensiver erfühlt, als wir das je zuvor getan hatten. Dieser letzte Abend ist das Gefühl eines Fazits. Alles was jetzt noch vor uns liegt, scheint nicht mehr als ein Heimspiel zu sein, ein letzter Akt, den man nur noch so durchspielt, bevor es wieder nach Hause geht.

Wind streichelt übers Zelt

Über uns hat sich ein grauer Nachthimmel ausgebreitet und um uns herum setzt sich die drückende Abendschwüle, die immer öfter von einer frischen Brise aufgelockert wird. Noch ein Bier, dann soll Schluss für heute sein. Schnell noch Zähneputzen, dann umfallen und schlafen. Nun streicht nur noch der von weit her gekommene Wind übers Zelt und streichelt uns in tiefe Träume. Die Träume werden wirr und dann schreckt uns die Zeltdecke aus dem Schlaf, die unsere Nasen berührt, weil sie von fauchenden Windböen niedergedrückt wird. Wir sind für einen kurzen Moment orientierungslos und begreifen nicht, was um uns herum geschieht. Dann stolpert jemand von uns im Sturmgetöse raus ins weite Feld und sammelt schlaftrunken die lose herumliegenden Sachen ein. Am nächsten Morgen werden wir nicht mehr wissen, wer von uns so geistesgegenwärtig handelte, während der andere im Zelt weiterdöste und es damit am Boden hielt.

Sturm

Sturm am Rande einer weiten Wiese. Zwischen uns und den Naturgewalten nur die flatternde Zelthaut, die sich schützend wie ein zartes Negligé über uns windet und biegt. Wir sind zu müde und schlafen trotz des Wetterschauspiels sofort wieder ein. Im Erschöpfungsschlaf wird jeder Sturm leise.

Hart an der Grenze, Tag 5 <<<  >>> Hart an der Grenze, Tag 7

Diese Reportage von Anfang an lesen? Hier geht’s zu: Hart an der Grenze, Tag 1

Mehr über die Neiße

Wer sich selbst einmal auf der Lausitzer Neiße probieren möchte, findet hier den idealen Reiseführer für Wasserwanderer in Nordosteuropa inklusive allen wichtigen Infos zur Lausitzer Neiße.

Sehr hilfreiche Begleitmaterialien inkl. einem Kartenteil sind die DKV Gewässerführer für Ostdeutschland.

Weiterhin gibt es für Gesamtdeutschland das Deutsche Flusswanderbuch mit einem hilfreichen Kartenteil.

Mit Paddel & Pedale – Mehr erleben auf Radwegen & Flüssen.
Du bist gerne wildweit unterwegs? Du möchtest flexibel reisen? Dabei auch mal Rucksack oder Fahrrad gegen ein Kanu tauschen? Die neuen Wildweitweg-Services – gemacht für dein nächstes Abenteuer.

Empfohlener Gewässeratlas mit detaillierten Kartenauschnitten für den Brandenburger Flussabschnitt:

Der Beitrag Reportage: Hart an der Grenze, Tag 6 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>
https://wildweitweg.de/reportage-hart-an-der-grenze-tag-6/feed/ 2 2089
Reportage: Hart an der Grenze, Tag 5 https://wildweitweg.de/reportage-hart-an-der-grenze-tag-5/ https://wildweitweg.de/reportage-hart-an-der-grenze-tag-5/#comments Mon, 03 Jun 2019 21:30:50 +0000 https://wildweitweg.de/?p=1671 Auf der Neiße: Durch wildes Land Die Schwere des Vorabends hat sich bereits in der frischen Morgenluft aufgelöst, als wir gemeinsam mit dem Tal erwachen. Noch während des ersten Morgentees verdunstet die Morgenfrische im Schein der Sonne und steigt über den Baumkronen empor. Die Grenze von Schatten und Sonne bewegt sich leise auf uns zu. …

Der Beitrag Reportage: Hart an der Grenze, Tag 5 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>

neiße grenzeAuf der Neiße: Durch wildes Land

Die Schwere des Vorabends hat sich bereits in der frischen Morgenluft aufgelöst, als wir gemeinsam mit dem Tal erwachen. Noch während des ersten Morgentees verdunstet die Morgenfrische im Schein der Sonne und steigt über den Baumkronen empor. Die Grenze von Schatten und Sonne bewegt sich leise auf uns zu.

Noch bevor uns das gleißende Licht erreicht, ist die Morgenfeuchte fort. Dieser Sommertag würde dem gestrigen in nichts nachstehen, und die anfänglich noch belebende Wirkung der Wärme würde bald umschlagen in eine erdrückende Mattigkeit. Die Wärme löst unsere Starre und der Anblick schäumenden Wassers versetzt uns in eine rege Betriebsamkeit.

Ablegen

Unter den verwunderten Blicken einiger Klosterbesucher packen wir eilig unsere Sachen ein und ziehen das Boot zum Wasser hinunter, wo wir es beladen. Wir wollen möglichst bald auf dem Fluss sein, um wie der Schaum mit dem Wasser hinter der Biegung ins Ungewisse zu treiben. Auf dem Klostergelände ist es noch ruhig und die Nonnen halten gerade ihre Messe ab, als wir unbemerkt von der Klosterinsel ablegen. Als sich hinter der Flussbiegung wieder Stille um uns herum ausbreitet, wirkt die Dauerberieselung des Wasserrauschens noch nach.

Häuser

Die Neiße verengt sich wieder bis auf wenige Meter und presst die Strömung in ein schmales Bett. Ihre Gestalt wirkt zwischen den hohen Ufern fast anheimelnd. Auf trübem aufgewirbeltem Wasser schießen wir an kleinen Fachwerkhäusern vorbei, die das Ufer säumen und mit ihrer niedrigen Bauweise an alte Fischerhäuser erinnern. Vor vier Tagen waren wir bereits einmal hier, um nach dem Fluss zu schauen, und haben uns von seinem idyllischen Bild eine Paddleridylle vortäuschen lassen. An jenem Nachmittag haben wir nicht erwartet, erst in vier Tagen wieder hier vorbeizukommen und sind stürmisch Richtung Zittau weitergefahren.

Sightseeing

Nach der Ortschaft werden wir langsamer. Die Strömung verläuft sich in einem tiefen Flussbett und die glatte Wasseroberfläche verrät ein neues Wehr. Wenige hundert Meter später taucht links von uns ein Sportplatz auf, an dessen Rand hohe Pappeln einen Weg begleiten. Am unteren Ende des Sportplatzes liegt das befürchtete Wehr groß und breit in einer Flussbiegung. Wir landen am Rand einer Kleingartenkolonie an.
Nachdem wir gemeinsam Boot und Gepäck ans Ufer gebracht haben, lasse ich René mit dem Umsetzen und Verladen allein, um in der naheliegenden Ortschaft neue Batterien für den Fotoapparat zu kaufen. Mein Landgang wird zu einer Sightseeing-Tour durch eine sympathische Kleinstadt der Lausitz. Ostrau ist ganz still an diesem Vormittag. Ich treffe nur wenige Menschen in den Strassen, und meist sind das spielende Kinder. Allein der Marktplatz ist etwas belebter, wo ich in einem Fotofachgeschäft gut bedient werde – Ich bin der einzige Kunde.

Gerettet, urtümlich und echt

Kaum habe ich den weiten Platz mit seinen frisch renovierten Giebelfassaden wieder verlassen, laufe ich wieder auf holprigem Kopfsteinpflaster zwischen Häuserklüften hindurch. In den engen Gassen lebt noch eine alte Stadt. An jeder Ecke und an jeder Wand lehnt die Zeit. Beinahe versiegelt und wie ein Museum wirkt die Stadt. Und trotzdem entdecke ich allerlei Gegenstände eines gelebten Alltags. Nichts ist unantastbar konserviert. Kaum radikale Modernisierungserscheinungen – Überwiegend geht der Wandel von gestern nach morgen behutsam vor sich. Es ist unklar, ob der Grund hierfür ein Mangel an Investitionskapital oder ein unbestechliches Gefühl der Einwohner für Authentizität ist. Jedenfalls scheint es mir sinnvoll zu sein, wenn das Verantwortungsgefühl vor dem Geld eintrifft. Diese Stadt scheint damit gerettet. Sie erscheint rustikal, urtümlich und echt.

Laubenpieper-Flair

Dieser Eindruck hält bis zuletzt an, als ich am Ende einer Strasse bei den letzten Häusern am Rande von Ostritz wieder ins Freie trete. Das Pflaster wird von Gras abgelöst und der restliche Weg ist ein Pfad, der am Rande der Kleingärten verläuft. Ich gehe vorbei an dichten Hecken, die gelegentlich den Blick auf sorgfältig angelegte Blumenbeete und bunte Flaggen freigeben. Trotz der vielen grellen Farben dominiert das Grün von geschorenem Rasen und saftig-wuchernden Wiesen am Wegesrand. Die Laubenpieper haben es sich eingerichtet. Die beflaggten Parzellen sind wohlgeordnet, zugeteilt, abgezäunt, gepflegt und geschmückt; jedoch sind sie menschenleer. Nur an einem Gartentor lehnt ein Moped. Doch vom Besitzer ist auch hier nichts zu sehen. Am Ende der Gärten liegt das Wehr und René, der am Rande des Weges mit dem Kopf an einem Zaun lehnend in der grellen Vormittagssonne döst und dabei gelegentlich aus einer Flasche süß-klebrige Orangenlimonade schlürft.

Brodelndes Wasser

Das brodelnde Wasser weist uns den Weg in eine weite Flusslandschaft, in der sich die Neiße in langgezogenen Mäandern ausbreitet. Der Fluss hangelt sich permanent von einer Talseite zur anderen. Die fernen Berge haben sich in den Nachmittagsdunst zurückgezogen, wo sie nur noch wie schemenhafte Skizzierungen in Grau schimmern. Darüber thront die hochstehende Mittagssonne, die uns allmählich mürbe macht.

Zähes Dickicht

Nur wenige Kilometer hinter Ostrau erreichen wir ein einsames Wehr, das sich in einer wildwüchsigen Umgebung präsentiert. Uns schaudert bei dem Gedanken ans Aussteigen. Wenn das Umtragen auch bisher nicht zu den Höhepunkten unserer Tour zählte, so bekommt es nun eine ganz neue Qualität. Nachdem wir das steile, von Weidedickicht verwachsene Ufer erklommen haben, finden wir uns ohne festem Schuhwerk in mannshohen Disteln wieder. In diesem nur schwer zu eroberndem Terrain fehlt uns zuerst der Überblick, denn die engen Mäander des Flusslaufs machen eine Orientierung schwierig. Wir kämpfen uns durch zähes Dickicht und hohes unwirtliches Gewächs. Unsere Füße und Beine brennen, als wir die stromabwärts gelegene Uferböschung erreichen.

Brennnesseln und andere Unbequemlichkeiten

Nachdem wir unser Gepäck mit einem nicht enden wollenden Spießrutenlauf durch Brennnesseln und andere Unbequemlichkeiten zur einzig möglichen Wiedereinsatzstelle getragen hatten, haben wir vorerst genug von einer derartig florierenden Wildnis und halten uns an Würstchen. Am Rande des Feldes im Schatten der Weiden lässt es sich erstmals wieder aushalten. Das Brennen an den zerkratzten Beinen lässt nach und das bescheidene Mittagsmahl bekommt uns nach diesen Strapazen umso besser.

Ertappt

Während wir so essen und den Blick an den entfernten Höhen entlang schweifen lassen, vernehmen wir ein sonderbares Geräusch. Es kam vom Wasser hinter uns und war keines, wie es für hiesige Tiere gewöhnlich ist. Ein solches Quieken ist uns neu und weckt unsere Neugier. Wir rennen zum Ufer hinunter. Zwischen den Bäumen entdecken wir Kinder im Wasser, die sich gerade ans gegenüberliegende Ufer flüchten. Wir haben sie geradewegs dabei ertappt, wie sie unsere Paddel stehlen wollten. Sie müssen sich unbeobachtet gefühlt haben. Nur so ist es erklärbar, dass unser plötzliches Erscheinen sie so erschreckt. Der Junge, der schon nahe am polnischen Ufer ist, schreit Unverständliches zu seinem Kompagnon hinüber und gestikuliert dabei hektisch. Der andere Junge erschrickt, rennt zurück zu unserer Uferseite, bis er so nah ist, dass er aus sicherem Abstand die Paddel zu uns ans Ufer herüberwerfen kann. Daraufhin flüchtet er sofort zur anderen Uferseite, wo wir ihn nicht zu fassen kriegen würden.

Einmal ein großer Paddler sein

Wir hingegen sind nur froh darüber, dass uns unsere Wasserschlägel nicht abhanden gekommen sind. Was hätten wir wohl ohne sie gemacht? Unsere Weiterfahrt hätte dadurch jedenfalls zweifellos eine ganz neue Wendung erfahren; und die hätte uns aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr weit gebracht. Während wir noch über derartigen Schreckensszenarien grübeln, fischen die Jungs schon wieder mit einem Netz im Kehrwasser des Wehrs, und tun so, als wenn nichts gewesen und wir niemals da gewesen wären. Nur als wir ablegen, um in die abenteuerliche Ferne stromabwärts zu verschwinden, können sie ihre neidischen Blicke nicht verbergen und schauen uns wehmütig nach. Vielleicht hat einer von ihnen – vielleicht jener, der die Paddel genommen hatte – in diesem Augenblick den Entschluss gefasst, einmal ein großer Paddler zu werden. Und er würde bald, ähnlich wie wir es jetzt tun, kräftig am Paddel ziehen, um Strecke zu machen und die wilden Flüsse dieser Welt abzuklappern.

Mit jedem Paddelschlag

Wieder unterwegs, wollen wir die günstigen Bedingungen dazu nutzen, vorwärts zu kommen, zumal wir in dieser Richtung in den letzten Tagen wenig erreicht hatten. Unser Ziel haben wir noch nicht ganz aufgegeben, auch wenn das zugegebenermaßen an Phantasterei grenzt. Trotzdem kommen wir der Oder mit jedem Paddelschlag näher.

Zäune

Die folgende Etappe fordert außer etwas Hitzebeständigkeit nur wenig Ausdauer. Auf der Höhe des Nachmittags erreichen wir ein weiteres tückisches Wehr, wie sie es seit den letzten Tagen alle waren. Tückisch sind diesmal allerdings weniger die natürlichen Begebenheiten. Ein elektrischer Viehzaun ziert jedoch den einzig vernünftigen Ausstieg. Zum Viehzaun gehört ein Dorf, das sich im Westen nur mit vereinzelten Randgehöften zeigt. Diese Abseitslage zum Fluss war bisher auf unserer Reise für alle Ortschaften östlich und westlich der Neiße typisch. Man hält Abstand zur Neiße. Aus irgendeinem Grund haben sich alle bisher angetroffenen größeren und kleineren Siedlungen vom Fluss abgewandt – Da hatte auch Zittau mit seinen Abwässern keine Ausnahme gemacht. Nur manchmal zwischendurch überquerte eilig eine Brücke den Fluss oder die verwaisten Gebäude aus einer anderen Zeit waren zurückgeblieben, die keiner mitnehmen konnte. Selbst die Schafe, die den tückischen Elektrozaun schon kennen, beobachten uns hier aus sicherer Entfernung und wagen es nicht, näher zu kommen.

Keine Spur bleibt zurück

Uns lockt die Fischtreppe des Wehrs mit ihrer komfortablen Beschaffenheit. So verlieren wir alle Scheu vor der heimtückischen Elektrizität und schleppen unsere Ausrüstung über die gemauerten Stufen aus glitschigem Feldstein nach unten. Erstmals reicht es nun dank des abnehmenden Proviants, nur das Obergepäck vom Boot zu nehmen. Den beladenen Bootskörper bekommen wir schon ohne viel Aufheben ins Unterwasser. Trotz der wenigeren Mühe kommen wir dabei ins Schwitzen. Drum können wir es nicht bleiben lassen, die sinkende Spätnachmittagssonne bei einem ausgelassenen Bad im brodelnden Kehrwasser des Wehrs zu feiern. Während uns danach die heißen Steine der Uferbefestigung wieder aufwärmen, beobachten wir, wie die Wasserflecken auf der rauen Felsoberfläche trocknen und immer kleiner werden, bis nichts mehr von ihnen übriggeblieben ist. Von uns bleibt keine Spur zurück, als wir Kurs in die stillste Zeit des Tages nehmen.

Eine Brücke über uns

Dieser Sommertag neigt sich langsam dem Ende zu. Doch bevor wir uns für ein abgeschiedenes Plätzchen am Flusslauf entscheiden, wollen wir noch ein paar Flusskilometer runterschaufeln. Wir haben bereits eine Handvoll schöner Lagerstellen hinter uns gelassen, als wir lauter werdende Verkehrsgeräusche bemerken. Das helle Geräusch von Rädern auf Asphalt kommt immer näher. Plötzlich erhebt sich vor uns eine unvermutet große Brücke, die hoch und breit über die wilde Natur hinwegführt. Wir haben eine stark befahrene Straße mit einem Grenzübergang erreicht. Direkt dahinter brodelt das Wasser an einer kleinen Staustufe. Sie besteht aus einfachen Spundwänden, die quer in den Fluss gerammt sind. An der Kante fletscht scharfkantiges Eisen seine Zähne und droht damit, unser Boot aufzuschlitzen. Wir scheuen zurück und legen an.

Vorwärts

Unsere Hoffnungen auf einen baldigen Lagerplatz zerschellen in diesem Augenblick. Für diese Nacht hier zu bleiben, kommt für uns nicht in Frage – Mit Grenzern haben wir bereits so unsere Erfahrungen gemacht. Umkehren wollen wir aber auch nicht: Das haben wir noch nie getan, so schön die Sandbänke hinter uns auch gewesen sein mögen. Also müssen wir vorwärts, vorbei an diesem Hindernis, das zwischen uns und der nächsten Sandbank liegt, die sicher irgendwo stromabwärts im letzten Abendlicht auf uns wartet.

Still und laut

Nichts soll uns aufhalten. Mit dieser Entschlossenheit ziehen wir Gepäck und Boot über die rostigen Stahlbleche einer Flutklappe nach oben auf eine weitläufige Wiese. Oben angekommen, stehen wir inmitten von Gräserblüten, die in unzähligen Pastelltönen leuchten. Hinter uns hallen in regelmäßigen Abständen die Motorengeräusche der nahen Überlandstraße heran. Nur hundert Meter flussabwärts liegt eine kriegsversehrte Brücke. Ihre stillen Reste wirken in der wilden Wiese wie eine angestaubte Kulisse für ein dramatisches Theaterstück, dessen letzter Akt schön längst in einem unausweichlichen Finale geendet ist. Der Vorhang ist gefallen. Es rollen keine Flüchtlingstrecks mehr und der Donner der letzten Sprengung ist verflogen. Zurück bleibt der Widerstreit zwischen stiller Vergangenheit und lauter Gegenwart. Die Vergangenheit ist einfach nur präsent und mahnt geduldig, während die Gegenwart ihre gleichmäßigen Impulse über die Straßen ins Land schickt.

Brückenmonumente

Wir schreiten flussabwärts auf die alten Brückenmonumente zu. Uns ist dabei so, als treten wir zwischen zwei Brückenpfeilern durch ein Tor zu einer zeitlosen Existenz, wo das Alter von Beton, Ziegeln und Stahl unwichtig ist. Vor uns liegt nur noch hohes Gras und eine steile Böschung. Als wir uns wieder auf dem Wasser befinden, färbt bereits rotes Abendlicht das Land. Die Motorengeräusche verlieren sich schnell hinter uns. Vor uns breitet sich das Zwielicht eines späten Tages aus. Die Wasseroberfläche glänzt dunkel. Wir bewegen uns zügig vorwärts. Trotzdem sind wir zögerlich. Ein weiteres Wehr wollen wir heute nicht mehr erreichen. Doch so sehr wir auch Ausschau halten, es lockt nur das verbotene, polnische Ufer mit traumhaften Stränden, die im letzten Tageslicht schimmern. Wir fürchten eine weitere nächtliche Vertreibung und paddeln weiter. Unser Glück muss auf der schattigen Westseite des Flusses zu finden sein.

Bis zum Dunkelwerden

Die Gelegenheiten fürs Glück sind jedoch nur spärlich und die Zeit bis zum Dunkelwerden ist knapp. Deswegen zögern wir nicht weiter, als wir linkerhand auf einen grobkörnigen Kiesstrand zutreiben. Wir landen an und richten zügig unser Nachtlager ein. Das Zelt bleibt im Boot. Stattdessen bauen wir die Strandmuschel auf, denn der klare Abendhimmel verspricht eine trockene Nacht. Der Platz ist ungewohnt komfortabel und mit direktem Blick auf das Wasser. Der Fluss hat genügend Feuerholz angeschwemmt und das nötige Reisig pflücken wir von den verdorrten Ästen, die hinter uns ins Flussbett ragen.

Nicht abtreiben

Dermaßen auf die Dunkelheit vorbereitet, bleibt Zeit, das letzte Tageslicht für ein Bad im Fluss nutzen. Die Neiße strömt hier in einem verengten Flussbett zwischen Sandbank und Ufer so schnell, dass wir uns immer wieder vom oberen Ende der Sandbank ans untere Ende treiben lassen, weil wir mit unserem Schwimmen nichts gegen die Strömung ausrichten können. Um nicht abzutreiben, ist es dabei wichtig, immer rechtzeitig wieder das Land anzusteuern. Hätten wir den Absprung einmal verpasst, so hätte uns der Sog stromabwärts gezogen. Wir lassen uns auf mehreren solcher vergnügten „Fahrten“ mit dem Wasser treiben, bis wir uns frisch und sauber fühlen. Unsere Haare sind noch nass, als vor uns ein kleines Feuer im Kies flackert. Im warmen Rundkreis des Feuers bereiten wir das Essen zu. Heute Abend sind das Nudeln, für René aus der Dose und für mich aus der Tüte.

Niemandsland

Der bewegte Schein der Flammen legt sich auf die steilen hochumwachsenen Ufer, zwischen denen wir wie in einem Canyon sitzen. Nur ein ungewohnt schmaler Streifen des Nachthimmels steht mit seinen Sternen reglos über uns. Die Umgebung ist vom lodernden Widerschein des Feuers angeleuchtet, das die hohen Laubwände der Ufer zu Leben erweckt hat – Gespenstertanz. Was uns am Vorabend vergönnt blieb, erleben wir heute umso intensiver: Wir sind frei. Wir atmen tief ein. Über dem Wasser liegt etwas Anziehendes. Die bürokratisierte Gesellschaft kann uns heute nicht mehr erreichen. Eine Staatsgrenze existiert nur noch pro forma. Deutschland und Polen gibt es hier nicht, und auch keine politische Zugehörigkeit. Wir fürchten keine Uniform, denn wir haben das Gefühl, dass wir nicht gefunden werden können. Wir sind irgendwo zwischen den Grenzen, rausgefallen aus der Gegenwart, unterwegs in einem Niemandsland. Das ferne Grollen von weit stromaufwärts gehört dazu. Es erfüllt uns mit Wohlbehagen, wissen wir doch, dass wir den Süden mit seinen Gewittern schon vor Tagen verlassen haben. Unter klarem Sternenhimmel verkriechen wir uns in die Schlafsäcke – schlaftrunken verlieren sich unsere Sinne im Schmatzen und Glucksen des Flusses.

 

Nachtrag: Eine nasskalte Nacht

neiße paddeln
Ein letzter Blick aufs Wasser: Der Fluss ist nahe, fast irgendwie näher! Träge richten wir uns auf und schauen uns irritiert um. Die Umgebung bestätigt diesen Eindruck: Wir sind näher an den Rand der Sandbank gerückt. Die Fußenden unserer Schlafsäcke trennt nur noch ein schmaler Schotterstreifen vom Wasser.

Allmählich registrieren wir, dass nicht wir, sondern das Wasser näher gekommen sein muss. Es ist also gestiegen. Langsam wird uns klar, dass sich ein nächtlicher Badespaß ankündigt. Den wollen wir nicht haben. Müde wie die Murmeltiere und wenig abenteuerlustig starren wir auf die Wasserfläche und mit jedem Zentimeter, den das Wasser steigt, müssen wir uns damit abfinden, dass unsere Stellung nicht zu halten ist. Wir werden handeln müssen!

Halluzinieren

Zögerlich und noch etwas unwillig tauschen wir das Nachthemd gegen unsere steifen Sachen. Das allein kann uns noch nicht munter machen. Also geht die Bequemlichkeit noch einmal vor und wir wollen zuerst einmal feststellen, ob unsere derzeitige Position wirklich ernsthaft gefährdet sei. Zu diesem Zweck markieren wir den Wasserstand mit Steinen und Hölzern, um uns daraufhin schnell wieder in unsere kuscheligen Schlafsäcke einzurollen und die Entwicklung an unserer provisorischen Pegelanlage zu beobachten. Zuerst meinen wir zu Halluzinieren – die Müdigkeit macht uns eine Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Einbildung schwierig – doch alle Hoffnung ist vergeblich. Das Wasser überschwemmt tatsächlich die Pegel. Zuletzt verhelfen uns die abschwimmenden Reste unseres abendlichen Lagerfeuers schnell zu der Einsicht, dass wir nun wirklich den Platz räumen sollten, den die Neiße zurückfordert.

Eine Insel!?

Wir stecken neue Pegel ab und sichern das Boot mit der Leine. Daraufhin verstauen wir alles lose Herumliegende in den Ladeluken und reduzieren unsere Schlafstatt auf das Nötigste. Dadurch lässt es sich leichter auf den höchsten Punkt der Insel schaffen. Eine Insel!? Was ursprünglich eine ganz normale Sandbank gewesen war, ist jetzt schon fast gänzlich von Wasser umspült. Wir haben uns vom Ufer gelöst, zu dem wir jetzt dümmlich herüberschauen. Unsere Gesichter müssen in diesem Augenblick ungefähr so aussehen, wie das von diesem berühmten Gärtner, der im Augenblick des Falls begreift, dass er an dem Ast sägte, auf dem er saß.

Angst

Darüber erreicht mich ein plötzlicher Anfall von Angst. Ich springe zum Ufer und klettere mit Renés Hilfe auf die Zwei-Meter-Uferkante, um mich dort anschließend energisch mit dem Paddel durch dichtes Ufergestrüpp zu schlagen. Als eine dunkle zehn Meter breite Wand aus Dickicht hinter mir liegt, erreiche ich ein freies Feld, auf dem der ausgebreitete Mondschein liegt. Dieser Anblick ist eine Erlösung: Nichts begrenzt die freie Sicht und das zartblasse Licht wirkt beruhigend auf mich. Die Schatten liegen hinter mir und ich kenne nun eine halbwegs passable Rückzugsmöglichkeit. Ich bin erleichtert. Und wenn der Kahn an der Böschung nicht hochzukriegen wäre, so können wir immerhin noch paddeln.

Nachtwache

Mit dieser Gewissheit richten wir es uns auf dem höchsten Punkt der Insel ein und warten auf das Zeichen zum endgültigen Aufbruch. Noch hoffen wir auf Verschonung. Wir halten abwechselnd Wache und lesen im Licht der Taschenlampe alle zwanzig Minuten die aufgestellten Pegel ab, die nacheinander vom Wasser eingesammelt werden. Anhand der Ergebnisse errechnen wir immer neue hypothetische Wasserstände – die Tendenz bleibt steigend. Als dann die Anstiegswerte tatsächlich kleiner ausfallen, verhält es sich ähnlich mit unserem von Müdigkeit geplagten Verstand. Die weiteren Berechnungen werden diffus und es ist nicht mehr klar, inwieweit unsere Hoffnungen das Ergebnis beeinflussen. Präzise Vorraussagen gelingen uns nicht.

Endlich Schlafen

Erst gegen vier Uhr morgens scheint sich der Pegel endlich unseren Prognosen anpassen zu wollen und bleibt konstant. Das genügt uns als Bestätigung. Wir fallen kurz darauf in einen tiefen ohnmächtigen Schlaf, aus dem uns hin und wieder Träume aufschrecken, wie der von einer nassen Kälte, die am Schlafsack leckt und uns auffahren lässt.

Hart an der Grenze, Tag 4 <<< >>> Hart an der Grenze, Tag 6

Diese Reportage von Anfang an lesen? Hier geht’s zu: Hart an der Grenze, Tag 1

Hart an der Grenze – Tag 6 erscheint in den nächsten Tagen hier auf wildweitweg.de.

Mehr über die Neiße

Wer sich selbst einmal auf der Lausitzer Neiße probieren möchte, findet hier den idealen Reiseführer für Wasserwanderer in Nordosteuropa inklusive allen wichtigen Infos zur Lausitzer Neiße.

Sehr hilfreiche Begleitmaterialien inkl. einem Kartenteil sind die DKV Gewässerführer für Ostdeutschland.

Weiterhin gibt es für Gesamtdeutschland das Deutsche Flusswanderbuch mit einem hilfreichen Kartenteil.

Mit Paddel & Pedale – Mehr erleben auf Radwegen & Flüssen.
Du bist gerne wildweit unterwegs? Du möchtest flexibel reisen? Dabei auch mal Rucksack oder Fahrrad gegen ein Kanu tauschen? Die neuen Wildweitweg-Services – gemacht für dein nächstes Abenteuer.

Empfohlener Gewässeratlas mit detaillierten Kartenauschnitten für den Brandenburger Flussabschnitt:

Der Beitrag Reportage: Hart an der Grenze, Tag 5 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>
https://wildweitweg.de/reportage-hart-an-der-grenze-tag-5/feed/ 2 1671