Reportage: Hart an der Grenze, Tag 2

Lausitzer Neiße TschechienAuf der Neiße: Abfahrt ohne Ankunft

Am Morgen liegt eine unwirkliche Stille im Tal. Alles ist feucht und aufsteigender Nebel bedeckt die Wiese. Mit der Tageswärme erwacht auch unsere Gewissheit darüber, dass wir nun endlich den Tag beginnen würden, an dem das langersehnte Vorhaben zur Tat werden soll.

Ungeduld treibt uns. Wir wollen ausprobieren, wie die Unmengen von Wasserflaschen, Dosen und Schokoriegel ins Boot passen. Nach dem Frühstück findet auch noch das Nutellaglas seinen Platz und wir können schwerbeladen aber verhältnismäßig komfortabel ablegen und der bewegten Neiße die Regie übergeben. Ein letzter obligatorischer Blick über das Lager: Nichts fehlt, alles ist an Bord. Ein letzter Gruß an das gastliche Tal, das jetzt schon im grellen Sonnenschein liegt. Zügig zieht das plätschernde Wasser mit uns davon.

Talwärts

Wir schauen uns im flachen Flussbett um. An beiden Ufern steht dichtes Strauchwerk und dicht unter uns rieseln runde Kiesel im flachen Wasser. Mit unserem schwimmenden Schwertransport passen wir nicht so recht in das Bild dieses jungen Flusses, der sich hier mit spritziger Leichtigkeit in den Berg schneidet. Doch das stört uns in diesem Augenblick wenig, denn wir wollen unbekannte Paddelreviere entdecken. Die ersten Sohlschwellen zeigen sich harmlos; nur manche Untiefe kratzt unheilvoll am Bootsrumpf. Mit wenig Wasser und viel Eile zieht uns die Strömung talwärts und bald haben wir es auch gelernt, die verräterischen Strömungsmuster zu erkennen, die diejenigen Kieselbänke anzeigen, auf die wir zuvor noch knirschend aufgelaufen waren.

Abgesoffen

Der Vormittag ist noch nicht vorbei, als eine künstliche Staustufe unseren Weg kreuzt. Wir steigen aus und betrachten die Lage. Ein Durchbruch von wenig mehr als drei Metern Breite zeigt an, wo wir das Boot runtertreideln können, wenn wir vor dem Mittag keinen nassen Hintern riskieren wollen. Dafür wäre es noch zu früh, denken wir und legen Schuhe und Hosen ins Boot, um im Wasser sorglos planschen zu können. Das Treideln geht locker von der Hand und das Boot läuft schnurgerade die Schwelle hinunter. Doch dann überrumpelt die Praxis die Theorie. Das Boot wird von der rückläufigen Strömung erfasst, und während ich wie ein Depp an der Wasseroberkante stehe und dem nichts entgegensetzen kann, wird das Boot unter das Fallwasser gezogen. Natürlich hätte ich abwarten sollen, bis René im Unterwasser das Boot hätte abfangen können, das war mir plötzlich ganz klar. Theorie und Konjunktiv sind nicht immer eine gute Kombination, also müssen wir den abgesoffenen Kahn aus der Walze auf eine Kiesbank ziehen. Dort liegt er dann schwer wie ein nasser Sack und lässt sich kein Stück mehr bewegen.

Fortgerissen

Eine Bootswäsche ist an und für sich nichts Tragisches, doch René ahnt Schlimmeres und stochert im Kehrwasser herum. Er sucht die Reste unserer Klamotten, die wir vorsichtshalber ins Boot gelegt hatten. Doch es ist zu spät. Fast alles ist weg, vom Wasser fortgerissen und abgetrieben. Selbst vom Oberdeck fehlen Dinge, die wir nur nachlässig befestigt hatten. Nur das, was in den Packsäcken und Ladeluken verstaut ist, bleibt uns erhalten. Die traurige Bilanz: Unsere bequemsten Hosen mit unseren Taschenmessern, unsere einzigen Schuhe an Bord, eine Jacke, eine Plane und einiges anderes fehlen jetzt und treiben schon weiter Richtung Grenze.

Ein mulmiges Gefühl

Wir schöpfen das Wasser aus dem Kajak. Böse Gedanken über den Gegensatz von Theorie und Praxis verdrängen wir dabei; alles ist gut und unser Boot eine große Badewanne. Ein echter Trost hingegen ist, dass dieses Erlebnis unsere Einstellung zum Fluss schon am Beginn entscheidend verändert hat und uns damit vor Schlimmerem bewahren konnte, da wir nun gewissermaßen für das Kommende sensibilisiert sind. So ist uns klar geworden, dass wir keine sorgenfreie Spazierfahrt gebucht hatten. „All inclusive“ meint hier nicht nur die Verpflegung, vielmehr ist die Aufmerksamkeit aller Sinne gefordert. Am Ende dieses Erlebnisses bleibt das mulmige Gefühl, hier am Anfang von etwas Größerem zu stehen, was vielleicht nicht ganz so souverän wie gewohnt zu bewältigen ist.

Im weißen Bereich

Geläutert stellen wir uns dem weiteren Tagespensum, das uns insbesondere mit drei Wehren beschäftigten sollte, die wir aufwendig umtragen müssen. Nichts davon ist vorab von uns geplant worden – wir bewegen uns quasi im weißen Bereich der Wasserwanderkarten. Relevante Informationen zum Oberlauf der Neiße waren nur spärlich zu finden gewesen und ließen genügend Raum für allerlei Interpretation. Aber genau deswegen sind wir wahrscheinlich auch hier.

Weiße Flecken

Im weiteren Verlauf des Tages gewinnen diese weißen Flecken allmählich Farbe: Die Wehre zeichnen sich insbesondere durch extrem kurze Rückstauzonen aus, so dass wir dem Ohr mehr Beachtung schenken müssen als dem Auge, dass sich ständig in der verschwenderisch ausgestatteten Natur verliert. Die Gefahr ist so sehr groß, dass wir das Rauschen überhören und uns plötzlich hinter der nächsten Flussbiegung im Sog eines Fallwehrs wiederfinden.

Nichts, was mit Wasserwandern zu tun hat

Die Möglichkeiten des Anlandens und Umtragens sind im engen Flusstal beschränkt. Verwachsene Ufer und unwegsames Gelände machen uns den Nachmittag schwer. Dementsprechend ist der Begriff des Umtragens nur als relativ zu verstehen, denn wenn der Proviant und die Wasservorräte für eine Woche Paddeln immer wieder über steile Felswände und unwegsame Strecken transportiert werden müssen, dann wehrt sich bald auch das letzte bisschen Verstand dagegen, von einem Umtragen zu sprechen. Vielmehr handelt es sich um ein Schleppen, Zerren, Humpeln und Springen über Stock und Stein und allerlei andere hinderliche Gegenstände. Das Tal verliert dadurch zwar nichts von seiner wilden Schönheit, aber es zeigt sich immer verblockter und allmählich wird es eng für uns. Mittendrin kraxeln wir gelegentlich durch vertrocknete Flussschleifen, wo an den Wehren das wenige Wasser im Fluss in den alten Umflutkanälen der Wassermühlen verschwindet. Für alle Zweifler und Ahnungslosen sei als letzte Warnung dazu noch gesagt: Wir haben hier wirklich nichts gefunden, was auch nur im Entferntesten mit Wanderpaddeln zu tun hat!

Auf löchrigen Socken

Zuletzt liegt Stille über dem Flussbett. Wo sonst das kalte Wasser plätschert, glühen jetzt runde Kiesel in der Abendsonne. Der Sommer hat dem Fluss eine ungewohnte Ruhe verliehen. Kein Rauschen und nur die Laute von Vögeln und anderem Kleingetier erfüllen die Luft. Darunter mischt sich unser Kichern, denn wir können es nicht fassen, wie wir hier am frühen Abend mit unserem Interieur auf löchrigen Socken über das Geröll stolpern. Wir vermissen ungemein unsere Schuhe. Die Füße brennen trotz des kühlenden Wasserrinnsals.

Mit letzter Kraft

Kurz vor der Ortschaft Billy nad Kostel ist es mit der Ruhe plötzlich vorbei. Ein rechtsseitiger Ablauf einer Wassermühle bringt uns das Wasser zurück und beendet unsere Plackerei. Nun haben wir wieder ausreichend Wasser unterm Kiel und Wellen schlagen ums Boot. Die Stromschnellen und das ständige Seitenwechseln zerrt an den Nerven und der Kondition. Serienweise folgen enge Mäander aufeinander und bei jeder Stromschnelle tauchen wir bis zu den Achseln ins Wasser. Mit Schwung schießen wir durch die Schaumkronen und das Adrenalin durch unsere Adern. Doch dieser Kick kommt zu spät für diesen Tag. Es dämmert bereits und meine Arme fühlen sich schlaff wie Pudding an. Das muss bald aufhören und ich drehe das Boot vor einer großen Flussbiegung mit der letzten Kraft aus der Strömung.

Gestrandet

Ein kleines Kehrwasser bietet eine Möglichkeit zum Anlanden. Ans Weiterfahren ist nicht mehr zu denken. Als wir die Böschung hinaufklettern, stehen wir am Rande eines Sportplatzes, umgeben von Straßen und Häusern. Wir sind mitten in einem tschechischen Dorf gestrandet und fühlen uns ein bisschen wie Schiffbrüchige, als wir unser Nachtlager aufschlagen. Noch ein bisschen verschämt, suchen wir Feuerholz. Doch darum ist es gut bestellt und wir bedienen uns bei einigen nahen Reisighaufen. Im Laufe des Abends gehören wir bald schon zur Ausstattung des Dorfplatzes. Im Hintergrund spielen noch einige Kinder Fußball, während bei uns bereits die allabendliche Gemütlichkeit mit Lagerfeuer und Grillfleisch eingezogen ist.

Inmitten des dörflichen Nachtlebens

Dass wir unser Tagesziel Zittau nicht erreicht haben, stört uns jetzt nur noch wenig – doch die Tragik liegt im Detail, denn unsere Grenzgenehmigung für die Neiße läuft heute ab. Während sich das Zeitfenster für den Grenzübertritt schließt, vertreiben wir uns mit Wonne den Abend an einem Bilderbuch-Lagerfeuer und sind dabei vom dörflichen Nachtleben eines lebendigen tschechischen Dorfes umgeben. Die rege Geräuschkulisse stört uns nicht weiter. Viel mehr als den Schmerz in den Gliedern fühlen wir an diesem Abend nicht, und auch dafür sind wir beinahe zu erschöpft. Bleiben wir still sitzen, fühlt sich alles nur taub an, aber bewegen wir uns, dann zieht der Schmerz in allen Gliedern. Die milde Abendluft macht uns schläfrig und wir kriechen bald ins Zelt. Um uns herum existiert nur noch das stete Rauschen des Wassers, mit dem uns der Fluss noch leise seine Geschichten zuflüstert.

Hart an der Grenze, Tag 1  <<< >>> Hart an der Grenze, Tag 3

Mehr über die Neiße

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