Reportage: Hart an der Grenze, Tag 3

neiße oberlauf paddelnAuf der Neiße: Zurück in Deutschland

Der Morgen ist warm und wir wechseln aus unserer morgendlichen Müdigkeit allmählich in einen Zustand der Trägheit. Fast können wir nicht unterscheiden, was es ist. Der Übergang von einem zum anderen vollzieht sich fast unmerklich.

Der gestrige Tag sitzt noch in unseren Knochen und wir tun uns schwer dabei, unsere Glieder wieder zurechtzubiegen. Der warme freundliche Morgen verwandelt sich schnell in einen heißen, drückenden Vormittag. Wir hören unentwegt die rauschenden Stromschnellen hinter uns in der Flussbiegung, was unserem Frühstück einen bitteren Geschmack von Mutlosigkeit beimischt. Nach dem Frühstück entscheiden wir uns dazu, quer über den Dorfplatz ans andere Ende der Flussbiegung umzutragen, damit wir dort an einem ruhigeren Abschnitt einsetzen können. Als wir bereits mit Sack und Pack über die Dorfwiese tingeln, erwacht in den umliegenden Straßen das Leben und wir treffen auf vereinzelte Menschen und Hunde.

Wieder wild

Schon wieder der ersten Erschöpfung des Tages nahe, können wir endlich das Boot auf einer ins Wasser reichenden Kiesschüttung beladen. In der übersichtlichen Situation gelingt der Start gut und die schnelle Strömung trägt uns in wenigen Minuten aus dem gastlichen Dorf heraus. Gleich dahinter ist die Umgebung des Flusstals wieder wild. Bis auf wenige Äcker ist nichts von der Zivilisation zu bemerken. Wo die Wildnis regiert, fehlt es bald wieder an Wasser und wir müssen aus dem Boot steigen, um vorwärts zu kommen.

Watscheln auf Socken

Unsere Füße haben sich noch nicht an das steinige Flussbett gewöhnt. Daher sind wir froh, genügend Socken dabeizuhaben, von denen wir uns gleich mehrere Paar über die geschundenen Füße ziehen. So watscheln wir unbeholfen in unseren dicken Baumwollmokassins den Fluss hinab. Der Eindruck des Watschelns wird dadurch verstärkt, dass die Socken immer wieder vom Knöchel rutschen und wie lange Lappen an den Füßen hängen. In dieser Manier passieren wir Schwelle um Schwelle. Dazwischen befinden sich Schrägen, auf denen das Wasser wie auf einer steinigen Rutsche heruntergleitet. An diesen Stellen ist der Fluss lediglich knöcheltief und gleicht einem nicht enden wollenden Nichtschwimmerbereich. Einmal versuchen wir, eine solche Schräge als Bootsrutsche zu nutzen und laufen mit dem Bug auf Grund, woraufhin das Boot sofort querläuft und beinahe kentert.

Mit scharfen Zähnen

Gegen Mittag erreichen wir das letzte Wehr vor der tschechischen Staatsgrenze. Es ist wenig schmuckvoll und mit hässlichen Spundwänden in den Fluss gerammt. Die umliegende Landschaft hingegen ist pittoresk anzuschauen. Das Tal tritt auseinander und gibt vereinzelt den Blick auf ein Panorama von entfernten Bergen frei. Wie die Berge dort grau im Dunst stehen, wirken sie fast unwirklich wie eine plötzliche Erscheinung. Ganz real hingegen wirken die beiden Reihen von Spundwänden, die sich vor uns mit ihren scharfen Zähnen emporrecken. Das Wasser stürzt weiß aufgeschäumt über die Kanten und treibt brodelnd mit Schaumflocken davon.

Logistische Raffinessen

Beim Umtragen bemerken wir die herannahenden Wolken nicht, die uns mit einem leichten Sommerregen überraschen. Wir nehmen diese unerwartete Wetterwende zum Anlass, ein gemütliches Mittagsmahl unterm Regenschirm abzuhalten. Die Ravioli und Spaghetti aus der Büchse machen uns zwar nicht zu Gourmets, aber wir sind wenigstens zu echten Experten der pragmatischen Gemütlichkeit geworden. Zwischen den einzelnen Gepäckhaufen, die wir in regelmäßigen Abständen in der Landschaft verteilt haben, sitzen wir auf Hockern unter unseren Regenschirmen. Der Kocher zwischen uns verströmt seine wohlige Wärme. Pünktlich mit dem Ende des Mittagessens hört es auf zu Prasseln und es ist an der Zeit, unsere logistischen Raffinessen mit den verstreuten Gepäckhaufen zu einem brauchbaren Ergebnis zu führen.

Zittauer Becken

Kaum sind wir wieder auf dem Wasser und hinter der nächsten Flussbiegung verschwunden, da tritt das Tal vor uns in voller Breite auseinander. Das muss das Zittauer Becken sein. Der Fluss zeigt sich hier erstmals paddlerfreundlich und mäandert zaghaft unter freiem Himmel. Den Wald lassen wir hinter uns. Eilige Wolkenfetzen treiben über uns dahin.

Eine Ecke, drei Länder

Über kleinere Sohlschwellen und Untiefen schrammend, erreichen wir die Grenze. Dort empfängt uns das Zittauer Dreiländereck mit einem rauschenden Fallwehr. Es liegt abgeschieden zwischen gemähten Wiesen und zeigt sich herausgeputzt mit einer dreifachen Beflaggung. Links vom Fluss liegt Deutschland und das rechte Ufer teilen sich die Tschechei und Polen. Eine unauffällige Weiterfahrt durch dieses internationale Territorium wäre uns durchaus lieber gewesen, doch das Wehr zwingt uns zum Anlanden.

Das normalste der Welt

Verstohlen dreinblickend legen wir am rechten Ufer an. Wir fühlen uns dabei nicht wohl, denn unsere Grenzgenehmigung ist nur für gestern gültig gewesen. Dieses Dilemma aufwendig zu kaschieren, halten wir für vergebliche Mühe. Also tun wir so, als wäre es das Normalste der Welt, hier, aus Böhmischen Dörfern kommend, mit Boot und Paddel aufzukreuzen und den Weg Richtung Zittau einzuschlagen.

Strenge Blicke

Wir sind gerade dabei, mit betonter Souveränität den dazugekommenen Zuschauern unser logistisches Hin und Her vorzuführen, als wir dabei jäh von einer uniformierten tschechisch-polnischen Delegation unterbrochen werden. Sie kommt plötzlich mit einem Geländewagen wie aus dem Nichts aus dem Wald herangefahren. Sie steigen aus und kommen mit triumphierendem Gesichtsausdruck auf uns zu. Unsere aufgesetzte Lässigkeit verfliegt für Momente unter den strengen Blicken der wachhabenden Jury. Ich beeile mich, das abgelaufene Dokument hervorzukramen und reiche es ihnen mit einer bedeutenden Geste. Leider bemerken die Herren schnell, dass gestern nicht heute ist, und bringen ihr Unverständnis darüber zum Ausdruck. Damit ist unser bester Trumpf verspielt.

Ermahnungen

Wir verstehen nichts von dem, was sie da mit forderndem Ton zu uns sprechen, doch wir bemerken die finsteren Mienen und die aufgebrachten Gebärden der Grenzer. Schnell ergreifen wir das Wort um Schlimmeres zu vermeiden. Wir wollen unter allen Umständen an unserem Vorhaben festhalten und tragen mit Händen und Füßen unser grenzüberschreitendes Anliegen vor. Trotz aller respektablen Sprachfertigkeiten kann uns aber nur das abgelaufene Genehmigungsschreiben vor Schlimmerem bewahren, auf das wir immer wieder verweisen. Wir dürfen unsere Fahrt unter eindringlichen Ermahnungen fortsetzen.

Die Grenzwacht „is watching you“

Jetzt wissen wir, dass es immer gut ist, ein abgestempeltes Papier bei sich zu haben, auch wenn der Inhalt zweifelhaft sein mag – Eine Feststellung, die wir hier nicht zum ersten Mal machen. Das Folgende kennen wir schon: Die Grenzwacht „is watching you“ – Und wehe, wir legen noch einmal am polnischen Ufer an! Darauf lauert der pflichtbewusste Grenzer hier nur, doch wir werden ihm ein solches Vergehen nicht bieten; das haben wir uns fest vorgenommen.

Grenzfluss

Die Strecke bis Zittau führt parallel zum Oder-Neiße-Radweg an einer Menge Schrott vorbei, der, wenig zur Zierde der Neiße, im Flussbett vor sich hin modert. Wahrscheinlich darf den hier keiner wegräumen, ohne eine der seltenen Genehmigungen dazu erhalten zu haben. Zittau ist schnell erreicht. Dort empfängt den nichtsahnenden Paddler eine lang auslaufende Sohlschwelle von unfreundlicher Beschaffenheit. Die unkomfortablen Überreste eines demontierten Walzenwehrs, wie wir auf einem Schild lesen können, zwingen uns zu einem weiteren Zwischenstopp.

Ein gutes Wehr

Ein abgerissenes Wehr ist zwar ein gutes Wehr, so ist unsere Meinung, aber das sommerliche Niedrigwasser erlaubt es hier nicht, mit unserem Tieflader schadlos über die klaffenden Verblockungen ins Unterwasser zu rutschen. Das ist ein etwas kühler Empfang an diesem warmen Nachmittag, den Zittau da seinen Gästen bereitet. Doch die vorbeischlendernden Einwohner, die wir auf dem Deich treffen, kommentieren unsere Beschäftigung zwar ein bisschen ungläubig, aber sie sind uns allesamt herzlich wohlgesonnen. Wir müssen über einen steilen Parcours und ein umständliches Durcheinander von Stein und Beton umsetzen. Die klobig gestaltete Uferbefestigung beschäftigt uns bis in den Abend hinein. Ab und zu bleibt ein Spaziergänger auf dem Deich stehen und betrachtet eine Zeit lang das Schauspiel, wie zwei barfüssige Wilde ihre Habe über die herbe Böschung balancieren. Manchmal gesellen sich die weniger Scheuen auch für ein Weilchen zu uns und verwickeln uns in ein kleines Gespräch.

Besorgte Anwohner

Als unser Boot bereits wieder versteckt im unteren Flussbett liegt, befragt uns eine herbeizitierte Polizeistreife danach, ob wir zwei Paddlern gesehen hätten; besorgte Anwohner hätten sich ihretwegen bei den Behörden gemeldet. Zuerst bleiben wir ernst und zögern mit einer Antwort, doch dann geben wir uns zu erkennen und müssen lachen. Glücklicherweise finden auch die Polizisten diese Begegnung komisch und bleiben entspannt. Nachdem wir unsere fragwürdigen Absichten aufgeklärt haben, legen wir mit den besten Wünschen ab und lassen uns durchs abendliche Zittau treiben. Die Stadt reicht bis auf den Grenzübergang kaum ans Wasser. Wegen der umliegenden Wiesen wähnen wir uns vielmehr in der Nähe eines Dorfes.

Eine Insel

Wir sind noch nicht weit gepaddelt, als wir eine Insel im Flussbett entdecken. Sie liegt einladend in rotes Abendlicht getaucht am Fuße einer alten Eisenbahnbrücke und zieht uns unwiderstehlich an. Ein Brückenpfeiler steht mitten im Flussbett. In seinem Schatten bauen wir unser Nachtlager auf. Unser Zelt sieht neben der imposanten Bogenbrücke wie eine Miniatur aus. Wir sind glücklich über unsere kleine Lagerstatt inmitten der Neiße, die schöner nicht sein konnte. Umgeben von glucksendem Wasser, fühlen wir uns an diesem Abend wie Könige, oder zumindest wie Flusspiraten.

Es hätte…

… ein schöner Abend werden können – doch hier schleicht sich schon wieder der Konjunktiv ein und deutet auf ein anderes Ende dieses Tages hin: Wir bekommen Besuch. Zwei eifrige Grenzschutzbeamte sehen sich durch unser nomadisches Treiben dazu veranlasst, ihre Grenze zu schützen. Zu diesem Zweck verweisen sie auf ihre staatlich zugewiesene Autorität und verlangen, dass wir unser Paradies verlassen und uns ein paar läppische Meter weiter westlich auf dem deutschen Ufer niederlassen.

Der Traum von Tom Sawyer und Huck Finn

Das hat jedoch in seiner schnöden Kargheit nichts für uns zu bieten. Wir wollen hier bleiben. Allein schon der Gedanke an diese nächtliche Vertreibung ist völlig unmöglich. Also bemühen wir uns entsprechend, um unsere Argumentation mit Witz und Vernunft zu gestalten. Unser Einfallsreichtum wird aber nicht honoriert. Wenigstens können wir erreichen, dass die beiden Herren Grenzschützer telefonisch ihre Vorgesetzten zurate ziehen. Doch unsere Anwesenheit im Grenzzwischenraum wird von den höheren Instanzen als Provokation aufgefasst und es heißt von dort wortwörtlich: „Da kommt doch keine Ruhe rein!“ Müde und traurig müssen wir unser geliebtes Flussbett verlassen. Die Insel bleibt weiterhin, wie schon in den letzten sechzig Jahren, ihrer unberührten Einsamkeit überlassen, und wir lassen den Traum von Tom Sawyer und Huckleberry Finn hinter uns in der Dunkelheit zurück.

Schmucklos

Über die Zeit ist es bereits dunkel geworden. Es wird nun nicht mehr so leicht sein, ein geeignetes Plätzchen zum Anlanden zu finden. Zudem kann uns die schlechte Sicht auf dem schnellen Wasser leicht in kritische Situationen bringen. Bereits nach wenigen hundert Metern stromabwärts legen wir vorsichtshalber am rechten Ufer an. Unser Paradies haben wir damit gegen ein Moloch eingetauscht. Jetzt haben wir zwar das große Blätterdach einer alten Eiche über uns, doch der Lagerplatz ist schmucklos.

Disziplin und Ordnung

Vor uns liegt der Deich wie eine dunkle Wand, und neben uns ergießt sich ein einbetoniertes Rinnsal in den Fluss und bildet verdächtige Schaumkronen auf dem Wasser. Das obligatorische Grillen wagen wir heute nicht mehr, denn, wieder im Hoheitsgebiet von Disziplin und Ordnung angelangt, fürchten wir dadurch nur weitere Repressalien. Also sitzen wir unter einem mondlosen Sternenhimmel und dünsten unsere letzte Ration Grillfleisch im Kochtopf. Wenigstens stellt sich diese Grillersatzvariante als echter Glücksfall heraus. Unser Grillfleischragout mit Trocken-Brot schmeckt vorzüglich.

Grenzpatrouille

Bald darauf treiben uns Müdigkeit und Taunässe ins Zelt. Das weitere Nachtprogramm sieht neben dem allabendlichen Logbucheintrag jedoch noch eine Personalkontrolle vor. Schon halb im Schlaf, werden wir von einer Grenzpatrouille geweckt – Zelt- und Ausweiskontrolle. Der Schikanen überdrüssig, lassen wir diese grenzschützende Maßnahme in Demut über uns ergehen. Zuletzt wünscht man uns noch eine Gute Nacht. Diese fürsorgliche Betreuung macht uns neugierig: Was sich die staatlichen Animateure wohl morgen für uns ausdenken werden? Als wir einschlafen, hören wir nur noch den Wind im Eichenlaub rascheln und nehmen am Rande wahr, dass manchmal die Briese eines absonderlichen Dufts die Zelthaut streift.

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Diese Reportage von Anfang an lesen? Hier geht’s zu: Hart an der Grenze, Tag 1

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