Riesengebirge Archive - WildWeitWeg https://wildweitweg.de/tag/riesengebirge/ Wildweit unterwegs mit Rad, Bus und Kanu. Thu, 31 Mar 2022 08:36:04 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.4.14 https://i0.wp.com/wildweitweg.de/wp-content/uploads/2021/02/cropped-Logo1-2.jpg?fit=32%2C32&ssl=1 Riesengebirge Archive - WildWeitWeg https://wildweitweg.de/tag/riesengebirge/ 32 32 122654468 Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 7 https://wildweitweg.de/reportage-schlesische-abenteuer-tag-7/ https://wildweitweg.de/reportage-schlesische-abenteuer-tag-7/#respond Thu, 31 Mar 2022 08:32:31 +0000 https://wildweitweg.de/?p=3315 Als Wehrwolf auf dem Bober: Die Pforte Die Sonne lässt sich an diesem Morgen noch etwas bitten. Wir sitzen schon eine Weile beim Frühstück im taunassen Gras, als die ersten Strahlen über die Baumkronen hinwegstreichen und warm den Boden berühren. Um unser Zeitfenster nicht weiter zu strapazieren, packen wir heute nass ein und legen bald …

Der Beitrag Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 7 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>

Als Wehrwolf auf dem Bober: Die Pforte

Die Sonne lässt sich an diesem Morgen noch etwas bitten. Wir sitzen schon eine Weile beim Frühstück im taunassen Gras, als die ersten Strahlen über die Baumkronen hinwegstreichen und warm den Boden berühren. Um unser Zeitfenster nicht weiter zu strapazieren, packen wir heute nass ein und legen bald ab.

Ausstiege

Auf dem Wasser herrscht bereits eine schattenlos sonnige Idylle und wir können bald unsere Jacken, die wir wegen der Morgenkühle noch anhatten, ausziehen und hinter die Sitze stopfen. Die langen Hosen haben wir bereits vor dem Ablegen ausgezogen, weil wir wissen, dass auch heute der nächste Ausstieg sicher nicht lange auf sich warten lassen würde.

Hindernisparcours für Binsenbummler

Und richtig: Hinter der nächsten Flussbiegung setzt sich der Hindernisparcours von gestern fort. Weiterhin im Abstand von 500 Metern folgt eine Staustufe nach der anderen. Neu ist heute, dass sie auch aus betonierten Barrieren bestehen, auf denen das Laufen und Übertragen so komfortabel wie an einem nicht-polnischen Fußgängerüberweg vonstatten geht. An jenen Stellen fühlen wir uns immer ein bisschen wie Mecklenburger Binsenbummler, für die bei jedem Landgang schon alles vorbereitet ist. Mit derartigen Annehmlichkeiten haben wir nicht gerechnet. Die algenbewachsenen Stufen nötigen uns zwar zur Vorsicht, weil sie nicht rutschfest sind, aber mit den schweren Booten geht es auf dem glitschigen Untergrund umso bequemer abwärts.

Boot trifft Fahrrad

Wir sind gerade auf einer dieser Staustufen ins Umtragen vertieft, da werden wir plötzlich Zeugen von etwas Sonderbarem: Querverkehr. Wir trauen unseren Augen kaum, doch es ist so: „Boot trifft Fahrrad“. Zwei Radfahrer fahren knapp an der Sturzkante entlang und überqueren dabei trockenen Fußes den Fluss. Wir gewähren verdutzt Vorfahrt und staunen über die artistische Sicherheit, mit der die Radfahrer in graziler Seiltänzer-Manier auf dünnen Reifen von einem Ufer zum anderen balancieren, ohne dabei auf dem glitschigen Algenteppich wegzurutschen. Sie können hier besser fahren, als wir laufen.

Furten

Zwar haben wir immer wieder kleinere Ortschaften in der Nähe des Flusses bemerkt, aber uns ist nicht aufgefallen, dass wir schon seit geraumer Zeit keine Brücke mehr unterquert haben. Hier im Auwald hat man eine ökonomischere Lösung dafür gefunden, wie wir erst in diesem Augenblick erkennen. Jede Staustufe ist gleichzeitig eine Furt, die je nach Jahreszeit und Wasserstand benutzt werden kann. Erst jetzt fällt uns auf, dass der breite Mittelteil der Stufe und die abgeflachte Böschung auf beiden Seiten des Ufers genügend Raum bietet, den Fluss mit Traktoren oder auch einem Fiat-Polski zu überqueren. Uns kann das nur recht sein, denn am unteren Ende einer jeden Furt können wir bequem von der Betonkante oder einer angespülten Sandbank ablegen.

Staustufen

Ab und zu kommt es vor, dass zwischen zwei Betonfurten auch noch eine hölzerne Staustufe auftritt. Bei denen sind die Holzbohlen aber meist schon so brüchig, dass wir einen schmalen Durchlass finden können; und wenn der einmal sehr eng ist, dann sitzen wir mit unseren Booten so lange dort fest, bis sich genug Wasser hinter uns angestaut hat, um uns mitsamt den Booten durchzudrücken. So kommen wir gut voran und bekommen jede Menge Abwechslung geboten.

Siesta mit lauter Musik

Eine zeitlang ist der Fluss und die Umgebung ungewohnt belebt. Wir treffen auf Ausflügler mit Hunden und ein in die Jahre gekommenes angelndes Ehepaar mit Lagerfeuer am Ufer. Wir überraschen campende Sportwagenfahrer bei ihrer Siesta mit lauter Musik und an den Furten begegnen wir noch einige Male Radfahrern. Eine Stunde später sind wir wieder allein mit einer alles dominierenden Stille, die nur einmal sanft von einem Fischotter unterbrochen wird, der sich vor uns mit leisem Geräusch ins Wasser gleiten lässt. Gleich darauf ist er weg und wir sehen nichts weiter als unruhige Wellen auf der Wasseroberfläche, die noch etwas nachschaukeln.

Die eine Hälfte der Zeit verbringen wir in den Booten und die andere auf den Staumauern. Dabei kommen wir zur frühen Nachmittagszeit einem weithin sichtbaren Höhenzug am Horizont näher. Er ist blassgrün und von brachliegenden Wiesen und Feldern bedeckt. Die Sonne spielt darauf mit Licht und Schatten.

Abschied vom Auwald

Bald darauf erreichen wir die ausgedehnte Anhöhe und der Fluss drückt sich mit einer ausschweifenden Linkskurve dicht an den Hang heran. Auf einer breiten Wasserfläche wandern wir nun dicht neben dem Berg entlang, an dessen Fuße sich Bäume aneinander reihen. Dahinter vermuten wir den Staussee vor Krossen und das Odertal. Der Fluss, wenn auch wasserarm, hat jetzt wieder annähernd das Angesicht eines Stroms. Nur ein paar Stauwerke reichen noch über die gesamte Flussbreite; später sind es nur noch Überbleibsel alter Staustufen, die einen beschleunigten Durchlass erzeugen. Der Berg neben uns schrumpft allmählich zu einem Hügel zusammen. Es ist an der Zeit sich vom Auwald zu verabschieden, der uns am linken Ufer noch ein Stück weit begleitet.

Dorfbesuch

An der Kuhweide eines nahen Dorfes legen wir eine Mittagspause ein. Diese Gelegenheit nutze ich, um meine gestrige Absicht heute zur Tat werden zu lassen, und mache mich mit unseren wenigen Zlotys auf, einen Laden zu suchen. Ich erreiche das Dorf über einen schmalen Pfad, der zwischen zwei Gartenzäunen auf eine unbefestigte Straße führt. Als ich sie betrete und mich umschaue, scheint das kleine Dorf menschenleer zu sein. Alles ist still und niemand ist zu sehen.

Wegweiser

Am Ende der Straße, sie ist dort tatsächlich zu Ende, steht ein frischgeweißtes Gutshaus. Also entscheide ich mich dafür, in die andere Richtung zu gehen. Nach hundert Metern erreiche ich eine asphaltierte Straße, die in beiden Richtungen zum Dorf hinausführt. Ich gehe ein kurzes Stück gen Osten, besinne mich aber kurz darauf und laufe zurück zu einem alten Ahornbaum, der an der Wegeskreuzung steht. Ein altes Schild dort hat mein Interesse erweckt, welches ich beim Vorbeigehen nur flüchtig wahrgenommen habe. Erst jetzt beim Zurückblicken scheint es mir doch wichtig zu sein. Nachdem ich mich unter den schattigen Baum gestellt habe, kann ich in seinem Blätterdach den Hinweis „Sklep“ erkennen, der in Polen für gewöhnlich auf einen Laden hindeutet. Ein Pfeil weist in die Straße, aus der ich eben gekommen bin.

Sklep

Beim Zurückgehen erinnere ich mich daran, dass ich vorhin zwei biertrinkende Männer auf einer Veranda vor einem unscheinbaren Backsteinhaus gesehen habe. Dort gehe ich jetzt hin und steige die Treppen zum Hauseingang empor. Die beiden Männer sitzen noch immer auf der kleinen Bank und bemühen sich darum, mich mit keinem Blick zu beachten. Wie allein stehe ich vor dem Hauseingang und kann nichts entdecken, was auf einen Laden schließen ließe. Es flattern die Streifen eines Insektenschutzes vor der Tür. Sie sind bunt und schmierig. Ich schiebe sie zur Seite und trete ein. Im Schummerlicht erkenne ich einen engen Raum mit einer Ladentheke. Eine Frau mittleren Alters steht dahinter und mustert mich mit kritischem Blick. Ihre Gesichtszüge verraten noch etwas von der jugendlichen Schönheit, die sie mit Schminke festzuhalten versucht. Aber ihr Gesicht hat schon verhärmte Züge angenommen und die Unbekümmertheit der Jugend ist aus ihrem Antlitz gewichen.

Begegnung mit einem Fremden

Hinter der Frau ragen Regale bis zur Decke hinauf, an der unzählige Fliegen wie bewegliche, schwarze Flecken umher sirren. In den Regalfächern stauen sich bergeweise bunte Verpackungen von Schokoriegeln, Waffeln und Bonbons. Der Raum wirkt angesichts der Fülle mehr hoch als breit. Demütig bitte ich um Brot, Milch, Kakao und Bier, bezahle mit der Landeswährung aus meinem kleinen Portemonnaie und verabschiede mich schnell wieder. Beim Hinausgehen scheint es mir so, als wäre die Frau hinter der Ladentheke verwundert. Diese Begegnung mit einem Fremden ist ihr vielleicht nicht geheuer, oder vielleicht erinnert sie sich auch wieder daran, dass sie einmal in einer großen Stadt unter Fremden leben wollte, stattdessen aber jetzt diesen Dorfladen mit den Männern auf der Treppe führt.

Der Weg führt mich zwischen Gartenzäunen zurück ins freie Feld. Ein Hobbygärtner am Wegesrand nimmt nicht weiter Notiz von mir – trotz aller Abgeschiedenheit scheint man hier nicht sonderlich beeindruckt von landstreichenden Gestalten zu sein, die plötzlich übers Feld kommen und ebenso schnell wieder dort verschwinden.

Ich schlendere noch um ein paar Sumpflöcher herum und stehe wieder am Fluss. Auch heute werde ich wieder mit einem fertigen Mittagsmahl aus der Dose empfangen. Trotzdem ist die Freude über frische Milch und die extragroße Vorratspackung Kakao groß und alles wird sogleich als willkommene Abwechslung ins Nahrungssortiment aufgenommen.

Freier Himmel

Flussabwärts regiert nun freier Himmel. Der enge Auwald liegt hinter uns und die Wolkenfelder haben sich zunehmend aufgelockert. Als wir die Boote an der Kuhtränke zwischen ein paar Felsen wieder ins Wasser schieben und ablegen, kommt die Sonne hervor, um für den weiteren Tag zu bleiben. Die nächste Flussbiegung führt in einem weiten Bogen um den Bergrücken herum, so dass wir den Auwald endgültig aus den Augen verlieren. Wir gleiten an den sanft aufsteigenden Flächen entlang und erkennen, dass das eben besuchte Dorf viel größer ist, als wir zuvor angenommen haben. Es folgt der Biegung in sanfter Hanglage.

Vermodertes Holz

Davon hatte ich auch bei meinem kurzen Einkaufsbesuch nichts geahnt, als ich auf stillen Sandwegen stand und das Dorfleben um mich herum schlummerte. Wir erreichen eine langgezogene Gerade, mit der sich der Fluss noch immer am Berghang entlang drückt. Links davon erstreckt sich zunehmend ebenes Land. Die letzten Staustufen sind nichts weiter als vermoderte Holzbarrieren, von denen uns jede einen Durchlass bietet. So kommen wir schnell voran. An den Ufern prangt ein letztes Mal der Hopfen mit prallen Dolden an den Bäumen.

Die letzte Staustufe

Wir erreichen die letzte Staustufe – Es ist die Sechszehnte des Tages, und sie ist eine Baustelle. Der Flusslauf ist mit Geröll- und Schutthaufen abgeriegelt und gibt ein trauriges Bild ab. Nach mehr als 35 Staustufen haben wir unsere Boote nun erstmals über ein Gewirr von Betonrudimenten und halbfertigen Stahlgeflechten zu hieven. Während der zeitaufwändigen Prozedur klappert über unseren Köpfen ein ungewohnt belebter Verkehr von Fahrrädern und Kleintransportern auf den leichten Brettern einer hölzernen Behelfsbrücke, die wenig vertrauenserweckend aussieht.

Am Ausgang des Auwalds

Wir sind froh darüber, dass heute Wochenende ist und nicht gebaut wird. Angesichts des wüsten Umfelds muss es hier erst gestern noch sehr viel lauter und ungemütlicher zugegangen sein. Trotzdem sind wir enttäuscht, denn wie es gestern Mittag am Kanalabzweig begonnen hatte, so trostlos endet es auch hier am Ausgang des Auwalds. Der Mensch maßt sich an, den Fluss zu beherrschen, einzuengen und zu kontrollieren, indem er ihm Unrat in die lebendige Mitte schüttet. Dabei könnte der jederzeit wieder aufstehen und neue Hochwasser heranschieben und alles fortspülen, wie zuletzt vor drei Wochen.

 

Ein alter, von der Zivilisation bedrängter Fluss liegt hinter uns. Vor uns breitet sich ein neues Bild aus. Der Bober entfaltet noch einmal seine ganze majestätische Größe. Er ist jetzt breit und glatt wie ein Strom, und alte Weiden ragen von seinen wurzelgesäumten Ufern ins Wasser.

Leblose Fassade

Wir bewegen uns in einer gewaltigen Flussrinne, die scheinbar strömungsfrei ist. Wir paddeln an den Wasserkraftwerksanlagen vorbei, die das Wasser links in den Fluss einspeisen, das sie zuvor dem Auwald geraubt haben. Das Kraftwerksgebäude ist groß und wirkt mit seinen hohen Fenstern kalt und überdimensioniert. Es ist ein typischer Bau der fortgeschrittenen Industrialisierung, der mit seinen glatten Backsteinwänden und der strengen Fugenstruktur in einer leblosen Fassade steckt.

Neue Brücken

Wir wenden den Blick nach vorne und erreichen eine große, neue Straßenbrücke, die den Beginn des Stausees markiert, der sich vor uns in einem breiten, herabsteigenden Tal ausbreitet. Am Horizont sind bereits die Höhen des Odertals bei Krossen zu erkennen, die sich dem Boberlauf entgegenstellen und sein Ende ankündigen. Uns weht eine leichte Brise um die Nase und das Wasser türmt sich zu kleinen Wellen auf. Es riecht frisch nach Feldern und Landwirtschaft, obschon die Ufer auf beiden Seiten schon weit zurückgewichen sind.

Ein verwegener Plan

Auf der weiten Wasserfläche vor uns sehen wir etwas Dunkles schwimmen. Es kann kein Treibholz sein, denn der Fleck bewegt sich vorwärts. Wir paddeln näher und erkennen einen Mink, der sich hektisch darum bemüht, uns davonzuschwimmen. Er schaut ängstlich zu unseren Booten. In seinen Augen ist Panik zu lesen und er versucht sich mit schnellem Strampeln vor uns zu retten. Aber er hat Glück, denn Mink gehört nicht auf unsere Speisekarte. Wir drehen bei und lassen ihn ziehen. Er wird schnell wieder zu dem dunklen, unscheinbaren Flecken auf dem Wasser, wie er sich das wohl auch vorgestellt hatte, als er sich an diesem Nachmittag zu dem verwegenen Plan hinreißen ließ, über den See zu schwimmen. Er wird wohl seine Gründe für diesen Wagemut haben und hätte sich wahrscheinlich nicht weniger über uns gewundert, wenn er erfahren hätte, was wir schon seit einer Woche auf dem Bober treiben.

Eingedeicht

Am unteren Ende des Sees pellt sich ein weiterer Industriebau aus dem Dunst. Es ist das letzte Wasserkraftwerk am Bober, wo der Mensch noch einmal den Fluss in einem gewaltigen Kraftakt durch Turbinen drängt. Zu diesem Zweck hat er diesen Staussee inmitten von Feldern angelegt. Die Ufer sind eingedeicht und sehen wenig spektakulär aus. Dahinter erstrecken sich weite Felder und die Stahlskelette alter Überlandleitungen führen darüber hinweg in die Ferne.

Die letzten Meter

Am halbrundförmigen Ende des Sees befindet sich die Wehrmauer. Wir legen rechts vom Durchlass an und steigen auf einen Erdwall. Dahinter liegt unten im Tiefland des Oderstromtals wieder ein richtiger Fluss. Es sind die letzten Meter vor seiner Mündung, wo sich der Bober, begleitet von einem Weidenspalier, noch einmal von seiner schönsten Seite zeigt.

Beim Umtragen sind wir gezwungen, den steilen Abstieg über einen kleinen Bach zu nehmen. Beim Boottragen rutscht Mark auf den klitschigen Steinen aus und… er bleibt Bademeister!

Da können wir ihm gratulieren; vor allem, weil er sich im klobigen Bachbett nicht den Steiß verbogen hat, denn mit diesem spektakulären Sturz auf den letzten Metern vor der Mündung hat Mark zweifellos seinen riskantesten Stunt der Woche hingelegt.

Erkundungen

Wohlbehalten unten am Fluss angekommen, legen wir die Boote auf einem Feldweg ab. Im Alleingang unternehme ich eine kleine Erkundungstour stromabwärts, um in Erfahrung zu bringen, wie die Stromschnellen stromabwärts einzuschätzen sind, die schon mit furchteinflössendem Getöse auf sich aufmerksam machen. Sie sind so laut, dass ich erst einmal wenig Hoffnung habe. Mein Weg führt an ganzen Anglergemeinschaften vorbei und unter einer alten Eisenbahnbrücke hindurch. Das Land um mich herum ist wild, buschig und verwachsen.

Geheimnisse

Im glühenden Abendlicht entfaltet das Auenland einen Reiz, dem man sich kaum entziehen kann. Alles ist spannend und verwunschen. Jedes Ding scheint ein Geheimnis aufzubewahren. Weiter abgelegen, bemerke ich zahlreiche Jugendliche, die sich mit ihren Autos auf einer alten Betonfläche versammelt haben. Vermutlich sind das die alten Fundamente eines ehemaligen Stadtteils von Krossen, der durch Krieg und Zeit hier versunken ist. Als ich das begreife und um mich herum immer neue Bruchstücke einer vergangenen Siedlung zu erkennen meine, gesellt sich zum abendlichen Flussauenzauber noch eine unruhestiftende Neugier, wie sie vermutlich jene rastlose Archäologen befällt, die sich einer Entdeckung zufolge auf geschichtsträchtigem Boden wähnen.

Abendlichter

An den Sohlschwellen kann ich zu meiner Überraschung nichts Verdächtiges finden. Sie sind zwar schroff, aber scheinen befahrbar zu sein. Daher reift in mir der Entschluss zu einer letzten spektakulären Abfahrt vor der großen Ruhe des Oderflusses. Ich präge mir die verschiedenen Strömungsmuster ein. Wie abwesend kehre ich zurück. Ganz in mich gekehrt, bin ich auf dem Rückmarsch damit beschäftigt, kein Detail der Strömung zu vergessen. Die Angler wundern sich nun nicht mehr über mich. Sie angeln entweder weiter oder liebkosen ihre kleinen und großen Autos, mit denen sie scheinbar überall hinkommen. Das ist hier nicht anders als im übrigen Polen, wo die Menschen diese ganz besondere Art besitzen, mit ihren Fahrzeugen bis in den letzten Winkel der Natur vorzudringen. Aber sie lieben ihre Natur und ebenso wie ich verwunschene Flusslandschaften im Abendlicht.

Entscheidungen

Nach einer kurzen Besprechung entscheiden wir an Ort und Stelle einzusetzen und die vier Stromschnellen zu befahren. Sie sind alle vier sehr kabbelig und sehen wenig überschaubar aus, aber sie bilden nur an wenigen Stellen eine Walze. Wir besprechen kurz die Linie, die ich mir eingeprägt habe und vereinbaren, dass René und Mark mir im Zweier folgen. Ich würde ihnen gegebenenfalls die nötigen Handzeichen zuwerfen, um meine Linie für den Zweier zu korrigieren. Wir sind froh über diese Entscheidung und wollen nicht weiter über die Risiken dieser letzten Aktion nachdenken. Alle unsere Aufmerksamkeit richtet sich nur nach vorne flussabwärts. Unwiderstehlich lockt uns die Erwartung auf jenes erhebende Gefühl, dass wir mit diesem Wildwasser-Rodeo zum Abschied noch einmal etwas ganz Besonderes auf dem Bober erlebt haben, wenn wir heute Abend an der Mündung des Bobers lagern.

„An nichts mehr Denken“, sage ich zu mir selbst, als ich die Spritzdecke und das Obergepäck fest verzurrt habe und ablege. Ich taste mich zur ersten Kante vor, stoße das Paddel ins Wasser und schieße ins tosende Weiß hinab.

Nichts geht mehr

Die Angler stehen auf und schreien mir etwas zu. Ich verstehe sie nicht und ich deute es so, dass sie mir zujubeln. Kaum bin ich im Unterwasser wieder aufgetaucht, legen Mark und René ebenfalls ab. Jetzt ist es soweit: Der Zweier steht an der Kante und nichts geht mehr. Die Würfel sind gefallen, das Rad dreht sich. Jetzt sind wir alle auf Fahrt. Der massive Zweier plumpst mit ordentlicher Fahrt ins Unterwasser und läuft wie am ersten Tag gleich einer Dampfwalze vorwärts. Heute ist das gut so. Ich drehe den Einer mit dem Bug stromabwärts der nächsten Schwelle entgegen.

Weißes Wasser

René und Mark sind wohlauf und folgen mir mit knappen 50 Meter Abstand. Das ist nicht viel weniger als die Strecke bis zur nächsten Schwelle. Mit gebetsartigem Gemurmel und Beschwörungen meines Talismans, wie es in dieser zurückliegenden Woche meine Art geworden ist, stoße ich das Paddel ins Wasser und treibe das Boot voran. Kurz vor der Kante sehe ich nur noch diese kleine Gerade, die sich immer kurz vor dem Abgrund fast undurchsichtig über den Fluss spannt und das trügerische Bild einer fortführenden Wasserfläche schafft. Tatsächlich klafft an dieser Stelle aber ein erheblicher Höhenunterschied, und einen Augenblick später sehe ich das weiße Wasser unter mir und das Rauschen ist so nah wie nie zuvor. Ich bin nicht unruhiger als bei der ersten Schwelle, aber irgendetwas ist jetzt anders. Ich sehe kein Ufer mehr. Um mich herum ist nur noch Wasser. Ich ahne, dass ich mich ganz tief unten in einem Wellental befinde. Dann wird es still…

Wasser im Gesicht

Wie in Zeitlupe sehe ich die Wellen zweier Schweife, die sich vor mir zu einem hohen Kreuzwasser auftürmen. Eine Wasserwand steht vor dem Bug. Ich atme noch einmal tief ein und halte die Luft an. Einen Augenblick später bricht das Wasser tosend über mich herein und klatscht mir ins Gesicht. Erst jetzt bemerke ich, dass ich das Paddel reflexartig in die Höhe gerissen habe. Es ist vermutlich das Einzige in diesem Augenblick, was von mir über dem Wasser zu sehen ist. Als ich endlich zwischen den Wellen wieder die Umrisse des Ufers erkennen kann, orientiere ich mich neu und halte das Boot weiterhin auf Kurs. Die Wellen werden niedriger und ich beginne wie ein Berserker zu paddeln, um nicht in einen Rücksog zu geraten. Kurz darauf schaukelt sich das Boot auf kleinen Wellen aus. Ich bin tatsächlich durch. Ein Blick zurück und ich sehe zwei Paddel an ausgestreckten Armen, die über dem tosenden Wasser schweben. Kurz darauf sind auch Mark und René wieder zu sehen, und unter ihnen taucht der dicke Zweier wieder auf.

Halbzeit

Puh, Halbzeit! Wir sitzen alle noch in unseren Booten und der Bober schiebt uns mit aller Gewalt weiter. Meinen anfänglichen Hochmut nach der ersten Schwelle hat mir das zurückliegende Kreuzwasser-Ballet abgespült. Nun bin ich wieder verhältnismäßig beunruhigt, was mit den beiden kommenden Stromschnellen noch folgen wird. Doch der Bober hat den Schonwaschgang eingelegt. Die vorletzte Schwelle links unter der Eisenbahnbrücke hindurch, erwische ich einen weichen Schweif und dann kommt – plumps – die letzte Sohlschwelle und es ist vorbei. Der Bober hat noch einmal alles gegeben und verabschiedet uns mit einem ausklingenden Rauschen. Dieser letzte Eindruck macht unvergessen, was dieser Fluss wirklich ist – keines der vielen Wasserkraftwerke kann darüber hinwegtäuschen – der Bober ist ein wilder Fluss mit scharfen Krallen.

 

Schon längst ist der Bober unser Freund geworden. Sein austrudelndes Wasser trägt uns auf einen trägen Fluss hinaus. Jetzt können wir noch einmal den Ausblick genießen. Ringsumher ist das Ufer von hohen Weiden gesäumt, hinter denen flache Wiesen im letzten Sonnenlicht schimmern. Es hat sich bereits ein prächtiger Sommerabend entfaltet.

Die Silhouette von Krosno Odranzski

Nach einer sanft geschwungenen Rechtsbiegung erreicht der Bober seine Mündung. Rechts erstrahlt am jenseitigen Ufer der Oder an den Höhen eines aufsteigenden Bergrückens die Silhouette von Krosno Odranzski. Stromaufwärts führt noch immer die alte Straßenbrücke mit ihrer markanten Stahlkonstruktion über die Oder, wie sie bereits auf alten Ansichtskarten abgebildet ist. In der Flussniederung zwischen Oder und Bober hat sich die Natur hingegen das Meiste wieder zurückgeholt und auf alten Fundamentresten thront wildes Busch- und Strauchwerk.

Unter rosagetünchtem Abendhimmel

Von der schmalen Landzunge zwischen Bober und Oder aus fotografiere ich die Stadt unter rosagetünchtem Abendhimmel, während René und Mark am gegenüberliegenden Ufer das Lager herrichten. Wieder zurück im Lager, ist für mich nicht viel zu tun geblieben, doch weil das Grillfleisch aufgebraucht ist, wird mir bereitwillig die Verantwortung für das Abendessen übergeben. Mit zwei Kochern mache ich mich an die große Aufgabe und habe dabei Spaghetti mit Tomatensoße im Sinn.

In die Walachei springen

Trotz der aufwendigen Prozedur kann ich es mir angesichts des prächtigen Mondaufgangs nicht verkneifen, ab und zu für ein paar Fotos die behütete Kochstelle zu verlassen und in die Walachei zu springen. Erst als das Rumfingern am Auslöser im Finstern beinahe mit einem Sturz im Wasser endet, besinne ich mich meiner Kochakrobatik und kehre an den Herd zurück. Was ich schließlich serviere, ist eine breiähnliche Substanz aus zerkochten Nudeln. Aber es schmeckt trotzdem, und am Ende des Abends sitzen wir satt und zufrieden am Rande der Bobermündung und schauen grinsend auf die breite Oder.

Kontrastprogramm

Wir sind saufroh darüber, hier zu sein, und passend zu unserer Stimmung hat am gegenüberliegenden Ufer bereits eine Party begonnen. Nun hämmern derbe Euro-Dance-Beats über die Oder zu uns herüber und dazwischen heult eine euphorisierte Feiermeute mit immer neuen Jubelschreien auf. Das ist das denkbar schrillste Kontrastprogramm zur letzten Woche. Allerdings ist uns das – gelinde ausgedrückt – scheißegal, denn die Tatsache, dass wir die Oder tatsächlich erreicht haben, ist ein Triumph, den wir heute Abend voll auskosten.

Rheinische Oder

Wir sind am Rande jener Stadt angekommen, wo die Oder angeblich am rheinischsten ist. Letztes Jahr feierte Krosno Odranszki seine erste urkundliche Erwähnung vor tausend Jahren. Stromaufwärts in der Dunkelheit spannt sich die alte Stahlbrücke über den Fluss, die nun schon seit 101 Jahren das Wahrzeichen von Krossen ist. Ihre Lichter glänzen auf der Oder, wie sie es wahrscheinlich auch schon vor hundert Jahren getan haben. Vor uns im Dunkeln liegt die glatte Wasserfläche von Bober und Oder, jene Stelle der Vereinigung, von der der Literat Klabund einst schrieb, dass hier „die Zeit mündet in die Ewigkeit“. In der Flussebene ist an diesem Abend nichts davon zu spüren und erst gegen morgen hört die Musik auf zu wummern. Aber da schlafen wir schon tief und fest.

< < Tag 6

Mehr über den Bober

Mit Paddel & Pedale – Mehr erleben auf Radwegen & Flüssen.
Du bist gerne wildweit unterwegs? Du möchtest flexibel reisen? Dabei auch mal Rucksack oder Fahrrad gegen ein Kanu tauschen? Die neuen Wildweitweg-Services – gemacht für dein nächstes Abenteuer.

Der Beitrag Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 7 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>
https://wildweitweg.de/reportage-schlesische-abenteuer-tag-7/feed/ 0 3315
Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 6 https://wildweitweg.de/reportage-bober-paddeln-tag-6/ https://wildweitweg.de/reportage-bober-paddeln-tag-6/#comments Wed, 16 Mar 2022 08:15:52 +0000 https://wildweitweg.de/?p=3299 Als Wehrwolf auf dem Bober: Ankunft im Auwald Obwohl wir uns vorgenommen haben, früh aufzustehen, um diesen Ort möglichst bald zu verlassen und Strecke aufzuholen, ist es doch schon um acht, als wir die Plane beiseite schlagen. René hat der lange Schlaf gut getan. Ihm geht es heute besser. So schaffen wir es trotz der …

Der Beitrag Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 6 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>

Als Wehrwolf auf dem Bober: Ankunft im Auwald

Obwohl wir uns vorgenommen haben, früh aufzustehen, um diesen Ort möglichst bald zu verlassen und Strecke aufzuholen, ist es doch schon um acht, als wir die Plane beiseite schlagen.

René hat der lange Schlaf gut getan. Ihm geht es heute besser. So schaffen wir es trotz der Verspätung noch, um zehn Uhr abzulegen.

Gischt im Gesicht

Das Wetter ist wankelmütig. Kaum sind wir auf dem Wasser, beginnt es zu regnen. Wieder prägen alte Eichen und frischer Hopfen das Bild am Uferrand, doch sie heben sich an diesem Vormittag nur farblos von einem tristen Himmelgrau ab. Das Flussbett ist weiterhin breit und meist eingedeicht. Oft zweigen kleine Nebenarme vom Hauptlauf ab und führen ins Land hinein. Nichts bietet in dieser Umgebung Schutz vor dem Wetter. Der Wind peitscht das Wasser vor den Booten auf und bläst uns die Gischt ins Gesicht.

Ende

Wir haben uns an diesem Vormittag schon eine ganze Weile stur gegen die Elemente voran gekämpft, als wir ein hohes bewaldetes Ufer an der Außenseite einer langgestreckten Flussbiegung erreichen. An der Böschung im Schutz der Bäume sehen wir überall Angler in bunten Regensachen stehen und sitzen. Der Fluss hat sich in einen kleinen See verwandelt und am Rand zieht sich ein grüner Schilfgürtel entlang, der abrupt vor einer großen, aber trockenen Wehranlage endet.

Im Windschatten

Im Windschatten der hohen Schließtore legen wir an, um die vorhandenen Gegebenheiten zu erkunden. Wehre von dieser Größe sind oft kritische Stellen, und so teilen wir uns auf. René und Mark besuchen das linksseitige Betriebsgelände eines Wasserkraftwerks, während ich am rechten Ufer im unteren Flussbett herumturne, das ich fast trockenen Fußes durchqueren kann.

Wasser weg

Kurz darauf stehen wir uns an zwei Ufern gegenüber. Zwischen uns liegt ein enger, tiefer und schnellfließender Kanal, der das Boberwasser auf einer erhöhten Trasse über das ebene Land wegleitet. Wir sind irritiert, denn hinter mir befindet sich ein breites trockenes Flussbett, doch alles Wasser fließt über diesen Kanal weg.

   

Ich überprüfe die Karte, und was ich sehe, ist nicht richtig. Laut Karte gibt es zwar diesen Kanal als dünnen, fast nicht wahrnehmbaren, geraden Strich auf der Landkarte, aber der natürliche Flusslauf, der tatsächlich im Trockenen liegt, ist dick und fett in Blau mit weitläufigen Schlenkern eingezeichnet.

Hinter den Schließtoren

Auf diese Abbildung haben wir uns bisher verlassen. Die Karte ist auch nicht sonderlich alt, doch die Realität ist schon längst eine andere geworden. Nun stehen wir auf dem hohen Wall einer Kanaltrasse. Hinter den Schließtoren des Wehrs herrscht die Ruhe eines trockenen Flussbettes. Nur ein kleiner Bach am Rande des Waldes, den man ohne Mühe mit einem Sprung aus dem Stand überwinden kann, ergießt sich in das breite Flussbett des Bobers und verliert sich zwischen den Kieseln.

Im Sog des Elektrownia Woda

René und Mark geben mir mit Handzeichen zu verstehen, dass sie zu mir hinüberkommen würden. Bei mir angelangt, erzählen sie, wie ein Arbeiter vom gegenüberliegenden Wasserkraftbetrieb lebhaft auf sie eingeredet hatte. Eine Weiterfahrt auf dem Kanal würde unser blutiges Ende bedeuten, meinte er. Chancenlos würden wir vom Sog eines nahen „Elektrownia Woda“ angezogen werden, woraufhin wir zerfetzt und zerfleischt würden, wie der Arbeiter drastisch mit eindrücklichen Handbewegungen versicherte. Darauf wollen wir es nicht ankommen lassen. Damit bleibt uns nur der Weg über das trockene Flussbett.

Neue Welt

Nach einem steilen Abstieg hinter dem Wehr erreichen wir eine ungewohnt neue Welt. Halb tragend, ziehen wir die Boote im flachen Wasser hinter uns her. Immer wieder versinken wir bis zu den Knien im lockeren Sand. An unseren Beinen klebt rostbrauner Schaum, der sich auf den stehenden Wasserpfützen abgesetzt hat. Um uns herum ragen kahle Böschungswände auf. Wir haben das Gefühl, in einer leeren Badewanne festzusitzen.

Die Karte lügt

Mit jedem mühsamen Meter geraten wir weiter in ein stilles Auengebiet. Ab und zu trifft von rechts ein kleines Rinnsal auf den Fluss. Das Wasser wird davon allmählich sauberer und beginnt mit der Zeit tatsächlich wieder in ein sachtes Fließen überzugehen. Doch nichts kann darüber hinwegtrösten: Die Karte lügt und deckt eine Tragödie. Der Bober ist entmannt. Er ist gebändigt und seine Kraft wird über eine Wasserschnellstraße zu Wasserkraftturbinen abgeleitet, um von dort seine Energie in Kabeln wegzutransportieren.

Dornröschenschlaf

Hier im natürlichen Flussbett fehlt seine Kraft. Um uns herum befindet sich alles in einem Dornröschenschlaf. Die abzweigenden Altarme und die alten Auwälder sind halbtrocken und versumpft. Noch hat das Gebiet nicht seine ganze Schönheit eingebüßt, doch diese Welt beginnt schon zu welken und dürstet nach frischem Wasser. Bald würden wohl zu viele der Tage vergangen sein, an denen kein Bober ihre Lebensadern durchflutete. Der Untergang ist schon längst in Sichtweite.

Wir nähern uns einem Fischreiher. Er nimmt uns wahr, aber kann dieses Bild von vollbepackten Booten und Paddlern nicht einordnen. Er kennt so etwas nicht in seiner unschuldigen Welt und bleibt verdutzt stehen. Ich kann ihn aus nächster Nähe „abschießen“ bzw. fotografieren, und erst, als wir schon längst vorbei waren, entscheidet er sich endlich, zu fliehen.

Modriger Geruch

Der Bober schleicht jetzt von Staustufe zu Staustufe – zu mehr Geplänkel reicht das Wasser nicht aus. Am Himmel ziehen noch immer dieselben tiefhängenden Wolken übers Land und tauchen den Auwald in ein tristes Licht. Die Vertiefung des Flussbetts hält den Wind von uns fern, und wir spüren nichts vom ungemütlichen Wetter über unseren Köpfen. Nur der modrige Geruch von abgestandenem Wasser bleibt. Oft wirkt der ganze Flusslauf vor uns wie ein verlassener Altarm.

Im Fünf-Minuten-Takt

Allmählich wird das Wasser klarer und plätschert in munteren Kaskaden von den Staustufen. Im Fünf-Minuten-Takt geht es von einer Halb-Meter-Stufe zur Nächsten. Dort müssen wir unsere Boote über die Hürden ziehen. Oft ist das umständlich und aus dem Ziehen wird schnell ein Zerren. Alles in allem aber können wir froh darüber sein, denn ohne diese Staustufen würde uns auch dieses restliche Wasser davonfließen.

Ehrgeiz über Bord

Nichtsdestotrotz machen sich die kleinen Staustufen in ihrer Eigenschaft, regelmäßig in Abständen von 500 Metern aufzutreten, deutlich in unserem Zeitplan bemerkbar. Unsere Planung ist wieder einmal futsch, und als wir das endlich eingesehen haben – dafür brauchte es ein wenig – werfen wir endlich allen Ehrgeiz über Bord und freuen uns einfach über die immer neuen spannenden Aufgaben, die uns der alte Bober noch zu bieten hat.

Tragen, Zerren, Balancieren

Wir tragen, zerren und balancieren. Manchmal sind die Staustufen so marode, dass wir nur ein wenig nachhelfen müssen, damit für uns ein neuer sprudelnder Durchlass frei wird – in diesen Fällen bedienen wir uns sozusagen des Wasserbaus in seiner praxisnahsten Variante. Plötzlich ist auch die Sonne wieder da und taucht alles um uns herum in eine fröhliche Stimmung. Das Wasser spiegelt den Himmel blau mit weißen Wattebällchen, und nur gelegentlich verwandelt es sich in ein Grau aus vorüberziehenden Wolkenschleiern.

Labyrinth

Der Fluss ist wieder zu Leben erwacht. Mal ist er tief und breit, und dann wieder nach einer Staustufe flach und eng. Oft liegen kleine Inseln im Fluss und teilen das Bett in mehrere Arme, die zusammen mit den naturbelassenen Mäandern den Eindruck verstärken, dass wir in ein wirres, unüberschaubares Labyrinth geraten sind. Immer wieder sitzen wir mit langen Hälsen in unseren Booten und suchen nach einer passenden Durchfahrt. Das gelingt uns nicht immer, weshalb die Boote des Öfteren knirschend auf einer Kiesbank auflaufen.

In der Nähe eines Dorfes machen wir Mittag. Während René und Mark im Windschatten einer Staustufe auf einer Sandbank Dosenfutter erwärmen, gehe ich ins nahe Dorf, um Brötchen und andere Lebensmittel einzukaufen. Die ersten Einwohner, die ich treffe, sind eine Kuh und eine nette, junge Familie, die am Rande des Dörfchens wohnt.

Familie mit Fiat-Polski

Auf mein Nachfragen versichern mir Mann und Frau einhellig, dass es keinen Laden in ihrem Dorf gäbe – doch im gleichen Atemzug bieten sie mir an, ihren kleinen Fiat-Polski anzuwerfen und mich zum Einkaufen in die nächstgrößere Ortschaft zu fahren. Mit soviel Hilfsbereitschaft habe ich nicht gerechnet. Allerdings hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt, dieses Angebot anzunehmen, denn allein für frische Brötchen… – so dekadent ist doch kein Paddler – wäre dieser Aufwand nicht zu rechtfertigen.

Hinten aus dem Dorf hinaus

Und so lehne ich wohlwissend, dass unsere Nahrungsmittelsituation nicht akut bedrohlich ist und noch einige Konserven in den Bootsluken schlummern, vehement ab. Daraufhin habe ich große Mühe, die erneuten Aufforderungen zur Einkaufsfahrt abzuwehren. Nach einer herzlichen Verabschiedung schleiche ich mich wieder um die Kuh herum, die noch immer wiederkäuend am Wegesrand grast, nach hinten über die Wiesen aus dem Dorf hinaus.

Keine Leckerlis

Zurück bei meinen Outdoor-Köchen, die inzwischen ganze Arbeit an den Gasbrennern geleistet haben, können die es gut wegstecken, dass ich keine Leckerlis mitgebracht habe. Beim Essen denken wir über die kuriose Tatsache nach, dass wir nun auf einer Sandinsel inmitten eines kleinen Rinnsales sitzen, das kaum Ähnlichkeiten mit dem Bober vor fünf Tagen an der Stelle hat, wo wir unsere Wasserwanderung begonnen haben. Wir schauen auf die Karte, die mit einem dicken, blau geschlängelten Strich das alte Flussbett des Bobers darstellt. Das spottet jeder Wirklichkeit.

Rumtrödeln von Stufe zu Stufe

Trotzdem ist zweifelsfrei zu erkennen, dass noch eine große Strecke auf diesem fett eingezeichneten Rinnsal vor uns liegt. Dieses Rumtrödeln von Stufe zu Stufe wird noch eine Weile so weitergehen, denn der Kanal stößt laut Karte erst vor dem Staussee bei Krossen kurz vor der Flussmündung in die Oder wieder ins alte Flussbett. Bis dahin gilt es, noch viele Höhenmeter hinabzuklettern. Wir rechnen mit einem durchschnittlichen Maß von einem halben Meter pro Staustufe. Diese Pauschal-Berechnung lässt nichts Gutes für den Nachmittag hoffen. Unser Zeitplan ist endgültig dahin, doch das träge Wasser beruhigt ungemein nach den hektischen Zeiten der letzten Paddeltage. Da fällt es uns leicht, die Boote über harmlose Staustufen zu schieben.

Die große Treppe

Neue Wolken sind heraufgezogen. Kurz bevor es zu regnen beginnt, legen wir wieder ab. Es bleibt dabei – alle 500 Meter eine Staustufe. In uns kommt der Eindruck auf, dass wir eine überdimensionalen Treppe hinabsteigen, die sich mitten durchs Land zieht. Mit jeder Stufe nähern wir uns dem Höhenniveau der Oder um einen halben Meter. Das ist ein Meter pro Kilometer und anderthalb Meter pro Stunde. Da können wir sozusagen mitzählen, wann wir die Oder erreichen würden. Das hilft unsere Moral aufrechtzuerhalten.

Stufe Nummer Neun

Bald erreichen wir Staustufe Nummer Neun. Es gibt hier zwar keine nummerierten Schilder, aber René hat bis hierhin mitgezählt. Von jetzt an würde aber auch jede weitere Staustufe die Nummer Neun sein, denn keiner von uns ist bereit anzuerkennen, dass wir jetzt in den zweistelligen Bereich vordringen. So weigern wir uns vorerst, weiterzuzählen.

 

Der Nachmittag verläuft sich zwischen Paddeln und auf Staustufen Rumturnen. Bald sind wir darin so geübt, dass wir mit den Booten gefahrlos an der Kante entlang paddeln können, um die beste Stelle zum Übertragen zu finden. Bald brauchen wir auch das nicht mehr tun, denn wir erkennen nun bereits beim Heranpaddeln, wo sich der geeignetste Durchlass befindet.

Ins Land hinabsteigen

Immer mehr Staustufen sind aus Stein. Das macht vieles bequemer, weil die Füße dort angenehmen Halt finden und nicht mehr auf schmalen Holzpfeilern und weichem Reisig balancieren müssen. Mit jeder Staustufe, die wir tiefer ins Land hinabsteigen, wird der Fluss breiter. Immer öfter zieht die Sonne ihr blankes Strahlenschwert übers Wasser und taucht die Welt in grelle Farben.

Treibjagd

Als sich der Sonnenball schon gegen den Horizont neigt, packt uns überraschend der Ehrgeiz. Wir wollen noch diese und dann jene Staustufe überwinden. Immer wieder taucht eine neue Staustufe vor uns auf, die unseren Willen herausfordert. Dadurch steigert sich alles zu einem klar strukturierten Manöver, bei dem jeder seine Aufgabe hat und zügig zu verrichten weiß. Diese Jagd treibt uns an diesem Abend noch bis zum Wehr Nummer 20 ½. Ja, Nummer 20 ½! – ich habe heimlich weitergezählt. Der Zwang war immens, ich konnte mich nicht dagegen wehren und ritzte den ganzen Nachmittag imaginäre Kerben ins Paddelschaft.

Nichts Halbes, nichts Ganzes

Deshalb weiß ich auch, dass wir seit der Mittagsrast mehr als zehn Höhenmeter überwunden haben; und die ½ kommt nicht etwa daher, weil ich beim Zählen durcheinander gekommen wäre, sondern weil die letzte Staustufe dieses Tages nichts Halbes und nichts Ganzes ist. Sie besteht lediglich aus einem aufgeschütteten Steinwall, der das Wasser zwar staut, es aber gleichzeitig auch zwischen seinen Felsen hindurchgleiten lässt.

Perfekter Ausstieg

Hätten wir es nicht besser gewusst, so hätten wir meinen müssen, dass es sich dabei um eine ganz normale Stromschnelle handelt, die bei mehr Wasser sicherlich befahrbar gewesen wäre. An diesem Abend aber lockt sie mit einem perfekten Ausstieg am rechten Ufer und einem idealen Lagerplatz dazu. Der besteht aus einem Streifen Wiese mit einem Weg darauf. Rundherum liegt Wald. Der verwachsene Weg führt vermutlich in das kleine Dorf, an welchem wir kurz zuvor etwas weiter stromaufwärts noch vorbeigekommen sind.

Die Nähe des Menschen

Heute Abend würde von dort wohl niemand mehr hier vorbeikommen. Also bauen wir neben dem Weg unser kleines Lager auf – nah genug neben dem Fluss, dass wir das Plätschern vom Steinwall hören können. Die Wiese ist kniehoch und macht trotzdem einen gepflegten Eindruck. Im zurückliegenden Hochsommer wurde sie vermutlich zur Heuernte genutzt. Das saftige Gras muss ein gutes Futter für den Winter abgeben. Die Nähe des Menschen ist hier zu spüren, aber sie ist keineswegs beunruhigend. Aus irgendeinem Grund erscheint uns das nahe Dorf vielmehr wie ein freundschaftlicher Nachbar, von dem wir nichts zu befürchten haben.

Kleines Lager wohlgeordnet

Am Ende des Tages liegt unser kleines Lager wohlgeordnet neben dem Fluss. Es ist fast ein wenig erwachsen geworden. Die Boote liegen in sinnvoller Anordnung neben dem Zelt, so dass jede Luke problemlos erreichbar ist. Über dem Feuer nahe der Uferböschung garen die letzten Steaks aus unserem Proviant und verbreiten einen köstlichen Duft. Die Mücken sind auch wieder da, und obwohl wir Krossen an der Oder heute nicht erreicht haben, ist die Stimmung gut. Auch der Himmel ist an diesem Abend klar und kein trüber Schatten legt sich über die Sterne.

Eine Grenze

Uns umgibt ein alter Auenwald. Auf unserer Seite sind es große alte Weiden am Rande der kultivierten Wiese, aber auf der anderen Flussseite steht eine scheinbar undurchdringliche Wand aus Bäumen und Dickicht. Im Dunkel der Nacht wirkt das geheimnisvoll und unnahbar. Es ist so, als wenn der Fluss eine Grenze zwischen menschlicher Zivilisation auf unserer Seite und Wildnis auf der anderen Seite bildet. Als wir uns später in die Schlafsäcke verkriechen, ist der Mond schon ans Firmament gestiegen und beleuchtet die feuchte Wiese mit seinem fahlen Licht, das den aufsteigenden Nebel mit alten Geistern belebt.

< < Tag 5 .. Tag 7 > >

Mehr über den Bober

Mit Paddel & Pedale – Mehr erleben auf Radwegen & Flüssen.
Du bist gerne wildweit unterwegs? Du möchtest flexibel reisen? Dabei auch mal Rucksack oder Fahrrad gegen ein Kanu tauschen? Die neuen Wildweitweg-Services – gemacht für dein nächstes Abenteuer.

Der Beitrag Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 6 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>
https://wildweitweg.de/reportage-bober-paddeln-tag-6/feed/ 2 3299
Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 5 https://wildweitweg.de/reportage-bober-paddeln-tag-5/ https://wildweitweg.de/reportage-bober-paddeln-tag-5/#comments Tue, 15 Feb 2022 15:07:50 +0000 https://wildweitweg.de/?p=3254 Als Wehrwolf auf dem Bober: Das Grollen in der Ferne Es ist der bisher schwierigste Tag dieser Tour. René ist krank, Mark zweifelt an der Struktur des Unternehmens und ich mache kleine Fehler mit unangenehmen Folgen. Aber angefangen hat alles ganz anders und noch nichts deutet an diesem Morgen auf jenes Ende des Tages hin.Unsere …

Der Beitrag Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 5 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>

Als Wehrwolf auf dem Bober: Das Grollen in der Ferne


Es ist der bisher schwierigste Tag dieser Tour. René ist krank, Mark zweifelt an der Struktur des Unternehmens und ich mache kleine Fehler mit unangenehmen Folgen. Aber angefangen hat alles ganz anders und noch nichts deutet an diesem Morgen auf jenes Ende des Tages hin.Unsere kleine Wiese steht nasstriefend im Morgentau und die Sonne steigt bereits hinter den Bäumen hervor, als wir aus unseren Schlafsäcken kriechen und die klamme Zeltplane zur Seite schlagen.

Toast und Tee

Für das Frühstück entfachen wir noch einmal das Feuer und bereiten uns warme Toasts zu. Während des Essens steht abwechselnd immer wieder jemand von uns auf, um die Planen zum Trocknen in der Sonne zu wenden. Nach einigen Nutella-Toasts und zwei Tassen heißen Tee ist alles trocken und wir können einpacken. Obwohl sich René unwohl fühlt und es für ihn nur Pfefferminztee und Zwieback gibt, ist die Stimmung an diesem Morgen gut. Doch es liegt ein fernes Grollen in der Luft, aber wir nehmen es nicht weiter ernst und erklären es uns mit der nahen Straße, auf der schon wieder laute Betriebsamkeit herrscht.

Geräuschkulissen

Später spricht René von einem Grollen in seinem Magen – irgendetwas hat ihn verstimmt. Deswegen scheut er aber das Wasser nicht, und als die Sonne schon wieder erbarmungslos auf uns niederbrennt, vertreibt sie uns von der schattenlosen Wiese. Nachdem ich meinen letzten Schluck Morgentee in den Bober geschüttet habe, legen wir ab. Auf dem Wasser bemerken wir bald, dass jenes Grollen zunimmt und sich zu einem Donnern steigert. Laut Karte müssen wir uns allerdings bereits weit abseits der Straße befinden. Etwas verwundert betrachten wir noch einmal genau die Landkarte und entdecken eine große Brachfläche zur Linken des Flusses eingezeichnet. Das lässt auf einen weiteren Militärübungsplatz schließen, was auch diese bedrohliche Geräuschkulisse plausibel erklären könnte.

Kleine und große Donner

Zwischen dem dumpfen Donnern vernehmen wir nun auch deutlich helle Schüsse. Beides verleiht diesem Vormittag eine sonderbare Atmosphäre und mittendrin tönt dazu unser Magen-Darm-Patient seine kleinen Donner in die frische Luft. René und die Militärübung geben ihr Bestes. Mark und ich hingegen lassen uns davon zu einer Art Endzeitfiktion verleiten, die wir in unserer Vorstellung zu einer drastischen „Stell dir vor es ist Krieg und wir paddeln hier rum“-Vision steigern und mit makaberen Szenarien ausmalen. Nach einer Stunde Paddeln ist der Spuk vorbei. Nur die kleinen Donner von Renè sind geblieben.

Elektrisches Wasser

Die Sonne strahlt über dem Fluss, der breit geworden ist und uns mit seiner glitzernden Wasserfläche blendet. Dadurch erkennen wir das nächste Wehr erst spät. Weiterfahren ist wieder einmal unmöglich. Nachdem wir uns umständlich durch einen Schilfgürtel zum Ufer vorgearbeitet haben, können wir in der Nähe einer Wasserkraftanlage anlegen. Nicht weit entfernt führt ein Weg stromabwärts nah genug am Elektrownia Woda vorbei, damit die gutgelaunten Männer hinter dem Zaun des Betriebsgeländes ihre obligatorischen Kommentare – von denen wir allerdings nicht viel verstanden – zu unserer Bootsfahrt zum Besten geben können. Allerdings müssen sie sich dabei beeilen, denn wir kommen mit dem weniger gewordenen Gepäck gut voran. Wir sehen eine weitere Staustufe circa 500 Meter stromabwärts, vor der uns die Männer vom Elektrischen Wasser (freie Übersetzung von Elektrownia Woda) schon gewarnt haben; und das nicht umsonst, denn auf voller Flussbreite stürzt dort das Wasser weiß schäumend über gefährliche Spundwände. Diese Barriere ist unbefahrbar und vollbepackte Wanderpaddler wie wir würden es unter keinen Umständen unbeschadet aus dem Rücksog schaffen.

Dunkle Stuben

Unser Weg führt weiter auf dem Damm neben dem Fluss entlang. Wir ziehen den Bootswagen über eine schmale, löchrige Straße, auf deren linker Seite sich eine handvoll alter Ziegelhäuser aneinander reihen. Sie sehen alle aus wie alte Bahnhofsgebäude und sind nur dadurch zu unterscheiden, dass sie entweder mit einem verblichenen Putz versehen sind oder sich nackt in rotem Backstein zeigen.

Vor den Häusern steht marodes, niedriges Zaunwerk. Alles ist still und regungslos. Einige Fenster stehen offen, so dass wir in dunkle Stuben schauen können. Ihre Ausstattung ist von Haus zu Haus ähnlich; immer steht ein altes, ausladendes Sofa vor einer holzbraunen 60er-Jahre-Schrankwand und dazu hängen biedere Landschaftsgemälde an Wänden mit bemusterter Tapete.

„Van Damme vom Damm“

Plötzlich taucht ein nur mit Shorts bekleideter Muskelmann auf, läuft den Weg entlang und grußlos an uns vorbei. Dabei hat er eine versteinerte Miene wie aus einem dieser Hero-Actionfilme aufgesetzt und vermeidet es angestrengt, uns ins Gesicht zu schauen. Kaum ist „Van Damme vom Damm“ an uns vorbei, bemerken wir hinter einem Gartenzaun eine Frau. Sie ist scheinbar mittleren Alters, was wegen ihres ausgemergelten Gesichts jedoch nur schlecht zu erkennen ist. Mit ihren großen Augen wirkt sie kindlich. Sie verhält sich ganz still und beobachtet uns. Als wir näher kommen, besinnt sie sich und geht eilig Richtung Hofeingang, kehrt daraufhin aber doch zum Zaun zurück, um uns nachzuschauen. Mittlerweile sind wir am letzten Haus der kleinen Siedlung angelangt. Wir haben hier kein einziges Auto gesehen. Nur ein bisschen Federvieh rennt über den Weg. Da wird mir plötzlich klar, warum „Van Damme“ läuft und seinen Körper stählt.

Schwarzer Hund

Vor uns tut sich eine weite Wiese auf. Sie reicht bis zum Fluss hinunter, wo wir bequem einsetzen können. Also wählen wir den vom Deich herabführenden Sandweg. Unten steht ein überdachter Ziehbrunnen. Er ist ganz real, aber zugleich wirkt er so unwirklich, dass ich ihn näher betrachten muss. Er hat einen Eimer am unteren Ende der Leine und scheint des Öfteren benutzt zu werden. Das beeindruckt mich. Als ich mich noch einmal umdrehe, sehe ich einen schwarzen Hund auf dem Deich stehen. Er ist ebenso erstaunt über unsere Erscheinung und blickt neugierig zu uns herunter. Zögerlich beginnt er, den Weg herunterzutrotten. Doch er ist vorsichtig und bleibt immer wieder stehen, um uns genau zu beobachten. Er wagt sich nicht aus dem Schatten der Bäume. Aber seine Neugier hält an und er beobachtet uns, bis wir am Fluss angelangt sind.

Unterspülte Ufer

Unten finden wir ein schmales Stück Sandstrand. René ruht sich dort vom Marsch aus, während Mark und ich noch kurz Baden gehen. Nach einer kurzen Pause legen wir ab. Der Bober ist jetzt so breit, das ihn nichts mehr von einem typischen Mittellandfluss unterscheidet. Zu beiden Seiten ziehen wir an unterspülten Ufern vorbei und bis hart an die Böschung heranreichende Eichen säumen den Weg. Sie stehen schon lange hier und ihre eindrucksvollen Silhouetten zeichnen sich im Schein der Mittagssonne ab. Sie sind alle älter als das nächste Wehr, welches sich herausgeputzt mit weißem Taubenschlag am Rande einer kleinen Siedlung zeigt.

EON-Polska und Preußen-Stuck

Dort ziehen wir die Boote auf einem schmalen Deich am Betriebsgelände eines weiteren Wasserkraftwerks vorbei. Auf unserem Weg stromabwärts erklärt uns EON Polska auf großen Schildern den Fortschritt, den die Nutzung von Wasserkraft bedeutet. Wir erreichen einen Feldweg, an dessen rechter Seite ein paar Bauernhäuser mit altem preußen-typischen Stuck stehen. Wieder rennt Federvieh umher, doch keine Menschenseele ist zu sehen. Daher entscheiden wir uns ohne Anmeldung für den kürzesten Weg zum Fluss hinunter, der durch einen linkseitigen Garten führt. Dazu schieben wir die Boote durch ein enges Gartentor, das wir hinter uns wieder verschließen, und verschwinden unauffällig am anderen Ende des Gartens im Dickicht, als wären wir nie hier gewesen.

Das Flussbett hinter dem Wehr ist breit und flach. Nachdem wir die Boote und das Gepäck hinunter geschafft haben, halten wir ein spätes Mittagessen auf einer Sandbank ab. Wir erfreuen uns an sandigen Brötchen mit Minisalami und für René gibt es weiterhin Schonkost.

Auf dem Lichtstreifen

Wohltuend gesättigt, zerren wir kurz darauf die Boote aus dem Flachwasser in die Strömung des Hauptlaufs und treiben weiter. Der restliche Nachmittag verläuft sorglos gleitend auf dem Fluss, der einem Lichtstreifen gleicht und am Rande von meterhohen Böschungen und Graswäldern begleitet wird. Der Flusslauf wechselt nun ständig sein Gesicht und ist mal breit und dann wieder eng. Hin und wieder reichen zwischen prärieartigen Wiesenflächen bewaldete Hügel bis nah an die Ufer heran, wo sich das Wasser durch losen und sandigen Boden gegraben hat; und immer wieder hängt Hopfen von abgestorbenen Bäumen.

Nervöse Enten

Wir können größtenteils nebeneinander her paddeln, bis wir des Redens überdrüssig werden und uns wieder auf dem Wasser verstreuen. Wir lehnen uns, jeder für sich, zurück und lassen uns treiben. Dabei holen wir eine Entenfamilie ein, die uns nicht bemerkt hat. Wir haben sie schon fast erreicht, da ertönt ein dröhnender Pups von René, der laut im Bootskörper wiederhallt. Sofort ist es vorbei mit der Ruhe und die Enten steigen vor unseren Booten laut quakend mit nervösem Geflatter in die Luft.

Nowogród Bobrzański

Am Spätnachmittag erreichen wir eine Ansammlung großer Villen, die majestätisch von einer Anhöhe auf den Fluss herabschauen. Am Berghang ziehen sich die Ufer plötzlich zusammen. Gleich darauf folgt eine Reihe felsiger Sohlschwellen, die im Unterwasser alter Brücken lauern. Die Brücken machen einen maroden Eindruck und scheinen schon lange nicht mehr benutzt zu werden. Kurz darauf wird die Strömung wieder gleichmäßig und glatt und an den flachen Ufern sind nahe Häuser zu sehen.

Zielona Góra

Am Eingang der Ortschaft liegt ein Baggerschiff im Wasser. Aus der Mitte des Flusses hebt es schaufelweise Sand vom Grunde des Flusses empor. In gleichmäßigen Abständen klatscht das matschige Sand-Wasser-Gemisch auf den Rumpf eines Lastkahns. Über die Schiffsreling fließt trübes Wasser zurück in den Fluss. Wir sind verwundert. Es handelt sich dabei sicher nicht um eine wasserbauliche Maßnahme, denn eine kommerzielle Schifffahrt gibt es hier schon lange nicht mehr. Vermutlich benötigt man den Sand für den Bau der neuen Schnellstraße nach Zielona Góra.

Grüner Wein

Zielona Góra ist die Stadt mit dem ehemals nördlichsten Weinhang Europas, die einst wegen ihres sauren Weißweins berühmtberüchtigt war. Früher trug die Stadt einmal den Namen Grünberg, der schon für sich genommen auf die Qualitäten ihres Weins schließen ließ. Neuerdings aber haben ein paar unverbesserliche Enthusiasten mit der Rekultivierung des Weinbergs begonnen, was dem Rebensaft allerdings nicht unbedingt zum Übel gereichen muss, denn die fortschreitenden Klimaveränderungen lassen auch hier im Norden neue Hoffnungen für den Weinanbau keimen.

Der Ort, den wir erreicht haben, heißt Nowogród Bobrzanski. Vom Wasser aus betrachtet, scheint die westpolnische Kleinstadt nicht mehr als ein großer Verkehrsknotenpunkt zu sein. Ein paar Menschen spazieren am Ufer entlang und am unteren Ende des breiten Flusstals ragt eine große, neugebaute Brücke für die betreffende Straße in die aufstrebende Weinstadt in den Himmel.

Bewegung

Der Fluss zieht sich dort trichterförmig zusammen und das Wasser gerät in Bewegung. Die Strömung drückt uns zwischen den hohen Brückenpfeilern hindurch. Direkt dahinter liegen im Schatten des Brückenmonuments die würdevollen Backsteinfundamente der alten Brücke, die um ein Vielfaches charakterlicher wirken als der glatte Betonriese hinter uns.

Glühender Backstein

Die Brücke ist wie ein Tor, hinter dem der Fluss sofort wieder in ein enges und schattiges Reich tritt. Hohe Weiden recken sich weit aufs Wasser hinaus und zwischen ihnen erhebt sich am rechten Ufer ein alter Industriekomplex, den an diesem Abend die Stimmung eines verlassenen Schlosses umgibt. Wieder ist die Mischung aus althergebrachtem Herrschafts- und Funktionsbau frappierend. Die Außenwände der hohen Fabrikhalle sind glatt und kahl, aber ein angeschlossener Turmbau ist mit einer prunkvollen Stuckfassade ausgeschmückt. Mit seinem in der Abendsonne glühenden Backstein hebt sich der Bau zwischen den schattigen Baumkronen wie die visionäre Erscheinung eines vergangenen Jahrhunderts hervor.

Anlegen

Kurz darauf erreichen wir eine alte Eisenbahnbrücke. Ihre Eisenträger sind verwittert und rostig, und tragen schon lange keine Züge mehr. Lediglich ein paar Angler aus der nahen Stadt nutzen die Brücke, um auf dem Gittergeflecht jonglierend über den Fluss zu gelangen. Weil uns eine kleine Staustufe aus scharfkantigen Spundwänden etwa hundert Meter unterhalb der Brücke mit alarmierendem Rauschen droht, legen wir neben der alten Brücke an.

Brennnesseln und Mücken

Es ist fraglich, ob unsere Boote die Spundwände unbeschadet überfahren können. Deshalb entscheiden wir uns gegen dieses Risiko und beginnen mit dem Umtragen. Der Weg ist beschwerlich. Auf dem schmalen Pfad flussabwärts bleibt der Bootswagen immer wieder im Dickicht hängen und erst nach einem langen und mühseligen Landgang erreichen am Ende des Weges eine kleine Wiese, die einen kleinen Zugang zum Wasser bietet. Brennnesseln und Mücken haben uns heftig zugesetzt. Unsere nackten Beine brennen und juckten jetzt.

Wir haben wenig Lust, den Landgang weiter als nötig auszudehnen und beeilen uns damit, wieder aufs Wasser zu kommen. Der Bober liegt hier breit und seeartig vor uns. Die Sonne wirft im Untergehen ein magisches Licht aufs Wasser, was der Weiterfahrt eine sonderbare Stimmung verleiht.

Ruhe vor dem Sturm

Irgendetwas liegt in der Luft. Wir sind ganz still und halten Ausschau nach einem Lagerplatz für die hereinbrechende Nacht. Dann zieht ein Wind auf und fegt drohend übers Wasser. Es ist an der Zeit, an Land zu gehen. Den passenden Lagerplatz dazu finden wir auf einer Anhöhe am linken Ufer, wo eine Gruppe von Fichten und stämmigen Eichen bescheidenen Schutz vor dem aufziehenden Sturm verspricht.

Problematisch

Der Lageraufbau mit Zelt, Muschel und Schutzplane funktioniert gewohnt gut und bald ist alles hergerichtet. Doch den Zugang zum Wasser haben wir zu wenig beachtet. Nun stellte er sich als problematisch heraus und ich falle zweimal hintereinander der Länge nach auf dem glitschigen Boden hin. Das zweite Mal lande ich halb im Wasser. Da ich und meine Sachen nun vollkommen verdreckt sind, entscheide ich mich spontan dazu, die kleine Lücke zwischen restlichem Tageslicht und Unwetter zum Waschen und Baden zu nutzen.

Problematischer

Doch alles sollte noch viel problematischer werden: Während René und Mark mit dem alltäglichen Lagerbetrieb und den Vorbereitungen für ein Feuer beschäftigt sind, suche ich mir hektisch frische Sachen zusammen. Dabei stelle ich erschrocken fest, dass mein wasserdichter Packsack mit den persönlichen Utensilien im Innern mit einer klebrigen Substanz kontaminiert ist. Ich mache mir ernsthaft Sorgen und schütte meine gesamte Habe auf die Erde. Das Duschgel ist ausgelaufen und hat einige meiner wichtigsten Mitbringsel besudelt.

Laune am Tiefpunkt

Was für ein bescheuertes Missgeschick. Das Tragische daran ist, dass ich schon mehrmals in den letzten Tagen darüber nachgedacht hatte, das Duschgel wegen der unsanften Handhabe der Packsäcke umzupacken. Das macht meinen Ärger in diesem Moment umso größer und ich kann angesichts meiner Ignoranz nur noch den Kopf schütteln. Der entstandene Schaden ist zum Teil irreparabel. Meine Laune hat ihren Tiefpunkt erreicht.

Keine weiteren Ausrutscher

An anderer Stelle hätte ein solcher Fehler zwar schlimmere Folgen haben können, aber an diesem Abend bedeutet das für mich, halb im Schlamm versunken und frierend mich selbst und meine Sachen zu waschen, ohne mir dabei weitere Ausrutscher auf dem glitschigen Ufer erlauben zu dürfen. Das war mir ja bisher leider nicht so gut geglückt. Nachdem ich diese Geschicklichkeitsübung mit leidlichem Erfolg abgeschlossen habe, bleibt mir nichts weiter übrig, als mir etwas von meinen nassen Sachen überzuziehen, denn was anderes besitze ich in diesem Moment nicht mehr.

Als mir in den nassklammen Sachen allmählich wieder warm wird, bemerke ich, dass es auch um die Laune meiner beiden Begleiter nicht gut bestellt ist. René fühlt sich kränker als noch heute Morgen und Mark ist still geworden. Um die Stimmung nicht weiter zu belasten, verkrieche ich mich mit meiner Griesgrämigkeit unter die Regenplane und ordne meine Angelegenheiten neu – vor allem meine persönlichen Gegenstände, wie Schreibzeug, Wörterbuch und Reisepass, die ich sorgfältig auf meinem Schlafsack in der Muschel zum Trocknen auslege.

Lager in Zaum halten

Draußen fegen immer neue Windböen durch unser kleines Lager und bringen unsere Ordnung durcheinander. Wiederholt fliegen einzelne Dinge fast aufs Wasser hinaus, wenn nicht jemand noch im letzten Moment beherzt nach ihnen gegriffen hätte. Wir bemühen uns redlich darum, das Lager in Zaum zu halten. Um uns herum ist es laut, aber unser Abendbrot fällt dafür heute stiller als gewöhnlich aus. René legt sich bald zum Auskurieren ins Zelt. Mark und ich hingegen kauern weiter an einem leidlich windgeschützten Plätzchen zwischen Bäumen an einem spärlichen Feuer. Darüber grillen wir gepfefferte Putensteaks, die vortrefflich den Frust aus unseren Bäuchen vertreiben können; doch der größte von unseren Bäuchen liegt an diesem Abend schon im Zelt.

Nachrichten in die Heimat

Als ich allein bin und ein letztes Nachtfoto machen möchte, finde ich mein Stativ wieder. Es ist das Opfer stürmisch-chaotischer Lagerverhältnisse geworden und hat ein Bein verloren. Das stimmt mich traurig und der Ärger über meine Missgeschicke weicht nun einer tiefen Niedergeschlagenheit. Per Handy versuche ich noch, eine wehmütige Nachricht in die Heimat abzusetzen, von der ich nicht weiß, ob sie jemals ankommen würde. Zuletzt mache ich noch ein Foto vom Bober bei Nacht mit aufgepeitschtem Wasser.

Salz in der Suppe

Der Apparat ist noch nicht ganz fertig mit der Belichtung, als unvermittelt ein lauter Platzregen über mich hereinbricht. Ich türme mit Apparat und Bierflasche unter die Plane, wo der Regen noch lange gegen die dünne Plastikhaut trommelt. Im flackernden Kerzenschein schreibe ich noch eine Weile im Reisetagebuch und verkrieche mich dann in meinen klammen Schlafsack. Von den Mücken ist in der Strandmuschel heute nur wenig zu spüren. Der Sturm hält sie mir vom Leib. Ich falle in einen tiefen traumlosen Schlaf, wobei ich zuletzt noch versöhnlich daran denke, dass es unterwegs auch Tage wie diese geben sollte, denn sie sind vielleicht das Salz, welches einem Abenteuer erst jene Würze verleiht, die es unvergesslich macht.

< < Tag 4 .. Tag 6 > >

Mehr über den Bober

Mit Paddel & Pedale – Mehr erleben auf Radwegen & Flüssen.
Du bist gerne wildweit unterwegs? Du möchtest flexibel reisen? Dabei auch mal Rucksack oder Fahrrad gegen ein Kanu tauschen? Die neuen Wildweitweg-Services – gemacht für dein nächstes Abenteuer.

Der Beitrag Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 5 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>
https://wildweitweg.de/reportage-bober-paddeln-tag-5/feed/ 1 3254
Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 4 https://wildweitweg.de/reportage-bober-paddeln-tag-4/ https://wildweitweg.de/reportage-bober-paddeln-tag-4/#comments Fri, 28 Jan 2022 08:44:18 +0000 https://wildweitweg.de/?p=3233 Als Wehrwolf auf dem Bober: Sagan 1851 / Zagan 2005 Der Tag beginnt trist. Stille hüllt unser kleines Lager ein. Über Wiese und Fluss schwebt ein dichter Nebelschleier, der alles in Nässe taucht.Das gefällt den Mücken und sie fallen trotz des feinen Sprühregens stumm und in noch größeren Massen als gestern Abend über uns her. …

Der Beitrag Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 4 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>

Als Wehrwolf auf dem Bober: Sagan 1851 / Zagan 2005

Der Tag beginnt trist. Stille hüllt unser kleines Lager ein. Über Wiese und Fluss schwebt ein dichter Nebelschleier, der alles in Nässe taucht.Das gefällt den Mücken und sie fallen trotz des feinen Sprühregens stumm und in noch größeren Massen als gestern Abend über uns her.

Im Nebel

Unsere Sachen packen wir im Schutz von Zelt und Strandmuschel ein. Zuletzt stopfen wir die klammen Nylonhäute in einen separaten Packsack. Nach dem Frühstück haben sich die Wolken noch dichter zusammengezogen und als wir ablegen, beginnt es zu regnen. In steifer Regenmontur lenken wir die Boote auf die schnellströmende Flussmitte. Das grüne Auenland, triefend nass und in keiner Weise an den gestrigen Sommerabend unter sternenklarem Himmel erinnernd, verschwindet hinter uns im Nebel.

Nasse Welt

Auf dem Wasser ist es angenehm. Der feine Sprühregen legt sich auf alles, was nicht in den Booten verstaut ist, aber in den Booten ist es warm und gemütlich. Die Welt um uns herum trieft vor Nässe. Es tropft von den umstehenden Erlen herab. Auf der Wasseroberfläche bilden sich faszinierende Muster von den feinen Wassertropfen und der Wasserspiegel ist in den unterschiedlichsten Facetten aufgeraut. Das ergibt ein fortwährendes Wechselspiel von hellen und dunklen Flecken auf dem Wasser, die mit uns von der Strömung getrieben werden.

River-Road

Der Fluss hat sich in einen helldunklen Fleckenteppich ohne Spiegelbild verwandelt. Er gleicht dadurch einer von Teerflicken übersäten Asphaltstraße, die durch den wilden Auwald führt. Am Ufer verstärken weiße Birkenstämme den Kontrast von Hell und Dunkel, so dass es den Anschein hat, dass wir in einer Schwarzweiß-Welt unterwegs sind, in der unsere Regenjacken mit ihrem grellen Gelb und Rot die einzigen Farbtupfer sind.

Spießrutenlauf

Aus dem monochromen Schleier heraus werden, noch blass und zart, Farben erkennbar. Sie gehören zu einer kleinen Ortschaft, an deren Flussseite ein Wehr liegt. Geradeaus führt am linken Ufer ein kleiner Nebenarm ins Dorf. Der Bober selbst wird hinter dem Wehr nach rechts in den Wald weggeführt. Pünktlich zum Ende des Regens legen wir an und steigen aus den Booten. Wir haben, unter unserem Gummizeug schwitzend, die Boote bereits bis zur Dorfstraße vorzogen, als wir bemerken, dass es nicht mehr regnet. Ungläubig legen wir unsere Regenjacken ab, was die Mücken sofort mit heftigen Attacken quittieren. Der in den Regensachen angestaute Mief zieht sie an und der Weg durchs Dorf wird zu einem Spießrutenlauf, so dass wir bald wieder unsere Regensachen anziehen, obwohl es nicht noch einmal zu regnen begonnen hat.

Alte Steine

Der kleine Weg neben dem Fluss besteht aus Pflastersteinen, Teerflicken und Sand zugleich. Jeder Meter ist neu und anders. Das Dorf ist ganz still und nimmt keine Notiz von uns. Zwischen grauem Putz strahlen vereinzelt grelle Fassaden mit giftigen Farben hervor, die es leicht mit dem modischen Chick unserer Regenjacken aufnehmen können. Insgesamt macht das Dorf keine besondere Lust auf eine nähere Begegnung. Alles wirkt gewöhnlich und durchschnittlich, aber trotzdem strahlt der Ort etwas Faszinierendes aus. Hier begegnen uns unübersehbare Zeichen der Zeit. Überall gibt es Dinge zu entdecken, die nicht in die Gegenwart gehören: Alter Backstein und brüchiger Stuck sind hier noch unangetastet und unrestauriert.

Über allem herrscht eine alte Anordnung von Straßen und Häusern. Mitten in dieser Szenerie stehen wir als Durchreisende – unbemerkt – und können das Fatale dieses Ortes spüren, wo schmucklose Neuzeit und reizvolle Vergangenheit dicht beieinander liegen. Ich empfinde dies als eine Art Metapher des Lebens, die sich hier vor uns wie ein gewaltiger Abgrund auftut.

Tagtraum

Gedankenverloren lehne ich mich etwas vor und sehe in die Tiefe: Auf dem schmalen Weg kommt eine kleine Gruppe von kleinwüchsigen Menschen heran. Sie gehen lautlos vorüber. Das Mädchen aus der Mitte der Gruppe mustert mich mit misstrauischen Blicken. Unsere Blicke begegnen sich. Sie schaut mir fest und geradewegs in die Augen und ich kann nicht wegschauen. Plötzlich ist mir so, als stehen nur wir beide uns gegenüber. Der Ausdruck ihrer Augen, den ich zuvor noch als misstrauisch deutete, scheint mir nun ein anderer zu sein. Sie lächelt spöttisch und ihre Augen fragen mich, wieso das, was ich zu wissen meine, alles sein soll auf dieser Erde – Schaue hin und erkenne, die Zeit ist mehr als ein Damals und Heute! Dann ist alles vorbei und der Abgrund schließt sich. Wieder aufwachend, sehe ich noch eine kleine Gruppe von Menschen, die sich von uns entfernt.

Alles in Allem

Für kurze Momente lugt zaghaft die Sonne zwischen den Wolken hervor. Ihre Strahlen durchbrechen den Dunstschleier und berühren die Erde. Wir ziehen die Boote abwechselnd an einer Kaimauer entlang und kommen dabei an einem verlassenen Wirtschaftsgelände vorüber. Aus den Augenwinkeln nehme ich die kahlen Mauern einer Ruine wahr. Vom Backstein blättert der Putz und Efeu klettert in die hohlen Fensterausschnitte. Es sind hohe, romanische Fenster, an die sich ein alter geschlossener Industriebau anschmiegt. Er besitzt dieselben geschwungenen Fensterbogen wie das ausgewaschene Mauerwerk des alten Schlosses, das es zweifellos einmal gewesen sein muss. Alles vermischt sich hier und findet sich in allem wieder.

Dünnes Licht

Als wir die Boote in einer steilen Sandbucht am Ende des Dorfes wieder zu Wasser lassen, meint Mark mit felsenfester Überzeugung, dass wir vorhin auf der Straße Zigeuner getroffen hätten. Ich weiß nicht, ob das so war, aber auch ich hatte etwas gesehen. Wir sind niemandem sonst begegnet in diesem Dorf. Es liegt jetzt hinter uns in einem dünnen Licht. Die durch den Nebel brechende Sonne verleiht dem Ort etwas Mystisches. Das Wasser vor uns hingegen schimmert freundlich im Licht und lädt uns zum Ablegen ein.

Grüner Dunst

Der Fluss ist unruhig und bewegt. Sein Wasser schiebt uns schnell hinaus ins Grüne. Nach einer engen Flussbiegung wird der Fluss plötzlich breit. Nebel liegt über dem Wasser und hüllt das Spiegelbild des angrenzenden Waldes in einen verwunschenen Dunst, der sich allmählich auflöst. Ruhe legt sich auf unsere Gemüter. Wir fühlen die Anspannung der letzten Tage von uns abfallen und Gelassenheit macht sich in uns breit. Ich genieße es zum ersten Mal auf dieser Tour, im Boot sitzend zu fotografieren, während wir nebeneinander hertreiben.

Klare Verhältnisse

Wir erwarten jeden Augenblick den Zufluss des Queis, der mit nahezu der gleichen Größe und Abflussmenge wie der Bober die entscheidende Wendung auf unserem Weg bringen muss, denn wir gehen davon aus, dass die doppelte Menge Wasser im Flussbett eine Entschärfung der Verhältnisse mit sich bringen wird. Der Nebel löst sich endgültig im Sonnenlicht auf und die Sicht wird klar. Wir halten aufmerksam Ausschau nach dem Nebenfluss, doch stattdessen taucht ein neues Wehr am Horizont auf.

Als wir die Boote auf eine Insel ziehen, die der Umflutkanal eines Wasserkraftwerks vom festen Ackerland trennt, scheint bereits wieder die pralle Sonne auf uns nieder. Schwitzend schaffen wir die Boote hinunter auf eine Sandbank hinter dem Wehr. Dabei plagen uns die Mücken auf so unerträgliche Weise, dass wir beschließen, ein weiteres Mal unseren Badetrick auszuprobieren. Er funktioniert, und nachdem wir frisch gebadet am Ufer sitzen und uns ein bescheidenes Mittagsmahl aus der Dose zubereiten, kann uns tatsächlich für kurze Zeit keine Mücke mehr riechen.

Blaue Steine

Während des Essens stellen wir zweierlei überraschende Dinge fest: Zum einen, und das war für sich genommen schon kurios genug, sind jetzt lauter blaue Steine im Flussbett verteilt. Sie sind mal klein oder groß, hell- oder dunkelblau, und sie heben sich auffallend von den rundgewaschenen Backsteinziegelresten im grauen Kiesgemisch ab.

Geheimnisse

Da sie uns nun einmal aufgefallen sind, entdecken wir immer mehr von ihnen. Sie liegen überall im Flussbett und uns ist unklar, wie es möglich ist, dass wir sie bisher übersehen hatten. Wir wissen nicht, seit wann sie uns schon begleiten und wie sie hierher gekommen sind. Wegen der darin eingeschlossenen Luftbläschen vermuten wir in ihnen die Überreste eines Schlackeprodukts aus der Industrie. Aber wir sind ahnungslos und haben keine Idee, welche Industrie solche Überbleibsel hinterlässt. Zumindest müssen die harten, blauen Klunker schon alt und ein Stück weit von stromauf gekommen sein; genauso wie die Backsteinkiesel, denn hier um uns herum hat es bestimmt nie etwas anderes als Wald und Acker gegeben. Doch soviel wir auch grübeln, die blauen Steine geben ihr Geheimnis nicht preis.

Fluss-Gezeiten

Dann ist da noch etwas Ungewöhnliches. Erschrocken springe ich plötzlich auf, weil mein Boot beinahe davonschwimmt. Es liegt gefährlich weit im Wasser. Doch ich bin mir sicher, es zuvor weit genug auf den Sand gezogen zu haben. Wenn ich tatsächlich recht habe, dann kann dies nur eines bedeuten: Und richtig, bald erkennen wir, wie der Wasserspiegel unterhalb des Wehres unvermittelt ansteigt und kurz darauf wieder fällt. Wo eben noch ein meterbreiter Uferstreifen war, schwappt plötzlich Wasser. Was wir schon eine ganze Weile ahnten, ist damit zur Gewissheit geworden: Wir sind auf einem eigensinnigen Fluss unterwegs.

Kwisa

Die Weiterfahrt geht schnell und unproblematisch vonstatten. Die Strömung zieht uns stromabwärts und bald taucht die Mündung des Queis, heute auch Kwisa genannt, in einer scharfen Rechtskurve auf. Dieser Fluss ist dem Bober ebenbürtig. Er bringt einen kräftigen Schwall aus dem Isergebirge heran und drückt sein Wasser in das breite Flussbett. Das verursacht einen Schweif an der Mündung, dessen Wellen uns noch eine kleine Strecke begleiten, bis ihr Schwappen allmählich verebbt.

Freie Fahrt

Die drastisch erhöhte Abflussmenge macht den Bober keineswegs ruhiger. Er strömt weiterhin ungestüm wie am ersten Tag und wuchtet gegen die steilen Uferhänge. Doch nun ist der Bober erstmals breit genug, um uns trotz der vielfältigen Hindernisvariationen immer einen Durchgang freizuhalten. Selbst die Sohlschwellen unter den Brücken sind dank des vielen Wassers nun weich genug, dass wir sie trotz des vielen Gepäcks problemlos abreiten können.

Städtchen am Abend

Die Sonne strahlt vom makellos blauen Himmel und befindet sich bereits auf ihrer absteigenden Runde, als unvermittelt der Wald endet und ein Wehr am rechten Ufer auftaucht. Wir sehen, dass der Fluss in einem weiten Rechtsbogen in eine Ortschaft hineinführt und entscheiden uns dafür, weiterzufahren. Mit jedem Paddelschlag gelangen wir weiter in den Flussbogen und erkennen allmählich die ersten Ausläufer einer Ortschaft. Es erscheinen nach und nach mehrere Häuser, vor denen Angler am Ufer sitzen und ihre Köder ins Wasser halten. Der Fluss ist mittlerweile ruhig und beinahe strömungslos geworden. An das rechte Ufer ist nach und nach ein Städtchen herangetreten.

Der Bober ist nun zahm und an seinen Ufern lassen Trauerweiden ihre Äste ins Wasser hängen. Angesichts dieses friedlichen Bildes befürchten wir ein weiteres Wehr. Erwartungsgemäß stemmt es sich mit beeindruckender Größe am unteren Ende des Flussbogens gegen das Wasser. Daneben liegt ein Wasserkraftwerk und im Vordergrund drängt sich dichter Verkehr über eine Straßenbrücke. Beim Anblick dieser regen Betriebsamkeit erwacht in uns die Hoffnung, dass es sich bei dieser Stadt um Zagan, die einstige schlesische Adelsresidenz Sagan und zweite bedeutende Zwischenstation auf unserer Strecke handelt.

Boote zwischen Weiden

Wir legen am rechten, wurzelgesäumten Ufer vor einem verträumten Backsteinbau mit alterwürdiger Ausstrahlung an. Dabei scheuchen wir einen Angler auf, der schmollend mit Rute und Eimer das Weite sucht. Sogleich begeben René und ich uns auf Erkundungstour und lassen Mark in einem harmonischen Bild von Booten zwischen Weiden am Wasser zurück. Wir steigen dem Angler hinterher über eine schmale Treppe in den Innenhof des angrenzenden Gebäudekomplexes.

Sagan 1851

Dort steht eine Kirche. Überall windet sich Efeu an den Wänden empor und in einer alten Inschrift am Giebel steht in alten Lettern geschrieben, dass es sich bei den uns umgebenden Gebäuden um das Herzogin-Dorothea-Stift zu Sagan von 1851 handelt. Am Ausgang des Hofes steht eine Rotbuche, die noch viel älter als diese Bauten ist. Mit seinem ausladenden und bis zum Boden reichenden Blätterdach nimmt dieser stolze Baum fast den gesamten Vorplatz des Stiftsgeländes ein. Der Angler ist verschwunden. Seiner statt parkt in der Straßenzufahrt ein Krankenwagen, der verrät, dass hier jetzt eine Notfall-Ambulanz untergebracht ist.

Verkehrsregeln

Kaum haben wir einen Fuß auf die Straße gesetzt, werden wir beinahe vom Verkehr erfasst. Wir haben es ganz vergessen: Zebrastreifen sind hier nicht mehr als ein formales Zugeständnis an die Fußgänger, das man in Polen nicht zu ernst nehmen sollte. Noch verunsichert von der Hektik des Feierabendverkehrs laufen wir zur Brücke vor. Es ist eine zierlose Betonkonstruktion, die sich von einem Ufer zum anderen erstreckt. Rechts von ihr befindet sich das monströse Wasserkraftwerk.

Brücken

Hinter der Brücke liegt allerdings noch kein Festland; es handelt sich lediglich um einen vom Flussbogen inselartig eingefassten Landflecken, der durch einen kanalisierten Flusslauf vom Ufer getrennt ist. Am oberen Ende des Kanals liegt jenes Wehr, das wir vor einer halben Stunde noch siegesgewiss umschippert hatten. Wir sind verdutzt darüber, wie wenig wir seitdem vorangekommen sind. Nach der langen Weiterfahrt auf dem Flussbogen wähnten wir uns eigentlich schon ganz woanders.

Begegnungen

Wir schauen uns um und begegnen hübschen Mädchen. Sie ignorieren uns entweder mit einem betont in die Ferne schweifenden Blick, oder sie lassen sich von unserer legeren Paddlermontur nicht abschrecken und wagen einen Blick und mustern uns mit einem verschmitzten Lächeln. Wir bemühen uns darum, uns weiterhin wie Durchreisende zu verhalten und bleiben nicht stehen.

Über den Kanal führt eine weitere Brücke, diesmal aus einer blauen Stahlkonstruktion. Flussabwärts hinter dem Wehr dehnt sich der Bober aus wie ein See. Er ist so breit, dass er der Stadtsee von Sagan zu sein scheint. An beiden Ufern ist er von einer weitläufigen Parklandschaft umgeben, die ihr Übriges zu diesem Eindruck beiträgt.

Kein Rauch mehr in Zagan

Von der Brücke haben wir einen guten Blick stromabwärts. Was wir dort sehen, macht uns jedoch fassungslos. Circa einen Kilometer flussabwärts befindet sich ein weiteres Wehr, vor dem ein weiterer Kanal rechts in ein Industriegebiet abzweigt. Die Industrie ist nur noch ein Relikt, ähnlich alt und verlassen wie in Sprottau. Keiner der Schlöte raucht mehr.

Stromaufwärts

Doch dieses zweite, flussabwärts gelegene Wehr zeigt auf den ersten Blick, dass es dem zuvor Passierten an Größe und Unbequemlichkeit in Nichts nachsteht. In jenem Moment, als wir das begreifen, entscheiden wir uns einstimmig dafür, beide Wehre möglichst mit einem Mal zu umtragen. Dafür ist es sinnvoll, die engen, gefährlichen Straßen zu umgehen. Also paddeln wir den Flussbogen zurück, um direkt auf die Insel zu kommen. Die Strecke kommt uns jetzt viel länger vor. Die Angler kennen uns nun schon und wundern sich nicht mehr, als wir uns mit sichtlicher Mühe stromaufwärts schaufeln.

Zwischen Fluss und Kanal

Nach einer weiteren halben Stunde legen wir unmittelbar neben dem Wehr zum Kanaldurchlass auf einer schmalen Sandbank an. Ohne eine Pause einzulegen, schaffen wir sofort die Boote auf die Insel zwischen Fluss und Kanal, und während René und Mark die Boote zur Straßenbrücke bringen, mache ich mich auf den Weg, um eine bootstaugliche Route bis hinter das zweite Wehr zu finden.

Seitenwechsel

Mit Erfolg; es gibt einen angenehm schattigen Waldweg, der durch die Parkanlage bis zum unteren Wehr führt. Als einzige Herausforderung bleibt uns dabei noch, die langen, unhandlichen Boote über die Brücke und zur gegenüberliegenden Straßenseite zu bekommen. Die Autos dafür anzuhalten, wäre ein zweckloser Versuch; diesbezüglich hatten wir ja schon am Zebrastreifen unsere Erfahrungen gemacht. Aufmerksam beobachten wir den Verkehr und entdecken tatsächlich hin und wieder geeignete Lücken, um Mensch und Material heil auf die andere Straßenseite zu bringen.

Waldspaziergang

Endlich stehen wir wohlbehalten mit Sack und Pack am Eingang zu einem lauschigen Wäldchen und können damit beginnen, Gepäck und Boote im rotierenden Wechsel ins Grüne zu schaffen. Zu diesem Zweck schnallen wir zu zweit ein Boot auf den Bootswagen und der Dritte trägt zur gleichen Zeit das Gepäck hinterher, das zwischendurch an weithin überschaubaren Strecken zwischengelagert wird. Somit hat ständig einer von uns das Gepäck im Blick, während die anderen das zweite Boot nachholen. Dabei wechseln wir uns ständig ab und es kommt wiederholt vor, dass der Einzelne von uns auf verwunderte Spaziergänger trifft, deren ratlose Mienen verraten, dass sie sich einen vollbepackten Wilden so allein im Wald nicht erklären können. Dieser kritische Gesichtsausdruck entschärft sich immer erst dann, wenn die Nachzügler mit den Booten auftauchen und die wahren Absichten erkennen lassen.

Unterhaltung für Paddler

Noch viel unterhaltsamer aber ist es, dass wir uns immer gegenseitig auf der langen Waldstrecke begegnen, denn einer von uns läuft immer zurück, um etwas nachzuholen, während die anderen stromabwärts stapfen. Bei diesen Begegnungen können wir uns ein schelmisches Grinsen nicht verkneifen und begrüßen uns jedes Mal aufs Neue in den komischsten und überraschendsten Variationen und tun so, als wenn wir uns noch nie zuvor begegnet wären.

Insgesamt erleben wir also einen angenehmen Waldspaziergang. Große Buchen schützen uns vor der Sonne und hüllen uns in Dämmerlicht. Ab und zu erhaschen wir zwischen dem Laubdickicht einen Blick auf Wallensteins Schloss am gegenüberliegenden Ufer. Zuletzt führt der Weg auf einem steilen Pfad direkt neben dem Wehr zu einer Sandbank hinunter. Die Sonne steht schon tief.

Malerisch

Ein Blick stromabwärts offenbart das heile Bild eines zwischen malerischen Sandbänken hin und her geschwungenen Flusses, der dem gleißend-roten Schein der Abendsonne entgegenmäandert. Davor schreitet ein Angler am Rande der Sandbank entlang und lässt die Sehne übers Wasser schweben. Der Fluss ist hier unten wieder flach und wild, obwohl ein großer Teil des Wassers oberhalb des Wehrs durch das alte Industriegebiet der Stadt geleitet wird.

Wechselspiel

Das Wasser eilt mit Schaumkronen vom Wehr weg. Wieder steigt und fällt der Wasserspiegel schnell aufeinander; ein Wechselspiel, dass wir nun schon kennen und deshalb unsere Boote weit genug weg vom Wasser ablegen, um noch einmal kurz im Sprudelwasser zu baden und uns den Schweiß des letzten Waldspaziergangs abzuspülen. Dabei entdecken wir abermals die „Blauen Steine“ neben vielen rundgewaschenen Ziegeln im Sand. Beides scheint immer in auffälliger Weise gemeinsam aufzutreten.

Abendstunde in Zagan

Die Sonne senkt sich nun schon hinter die Baumwipfel. Es ist an der Zeit, aufzubrechen. Wir schieben die Boote in die Strömung und treiben schnell der Abendsonne entgegen. Von der Stadt ist kaum noch etwas zu sehen. Wir wähnen uns bereits wieder in wilder Umgebung, doch dann bemerken wir die vielen Menschen, die überall gut getarnt an den Ufern sitzen und uns still hinterher schauen. In Zagan ist jetzt die Stunde der Angler.

Super-Shopping

Bald kommt auch der Stadtlärm wieder näher und wir erreichen eine belebte Stadtbrücke, die offensichtlich zwei Stadtteile miteinander verbindet. Auf beiden Seiten des Flusses stehen alte und neue Gebäude. Ein Gebäude, das den neuzeitlichen Anspruch an einen schnöden Funktionsbau ganz und gar erfüllt, erregt unser Interesse. Es ist ein Supermarkt und wir können direkt daneben anlegen. Allerdings gibt es keinen Hafen und wir haben Mühe, die Boote in der starken Strömung am Ufer zu halten, während Mark Brötchen und Milch holt.

Dämmerstunde

Schon bricht die Dämmerung herein und ich werde ungeduldig und beginne zu drängeln. Einen Laden mit langen Öffnungszeiten kann man in Polen immer finden, aber ob das auch für Lagerplätze in Stadtnähe zutrifft, bin ich mir nicht sicher. Als Mark endlich mit einem dicken Einkaufsbeutel zurückkommt, verlassen wir eilig die Stadt. Es dunkelt bereits, so dass wir bald anlegen müssen. Hinter einer kleinen Flussbiegung, kaum außerhalb der Stadt, finden wir am linken Ufer eine Art Badestelle. Der kleine Flecken Strand ist einladend genug, und so zögern wir nicht und zerren unsere Boote auf eine wildbewachsene Wiese.

Endlich Land unter den Füßen. Jetzt muss alles möglichst zügig gehen. Die Arbeitsteilung ist schnell klar. Während Mark sich auf Holzsuche begibt, bauen René und ich im letzten Dämmerlicht das Lager auf. Dafür wählen wir eine Anhöhe direkt neben dem Fluss.

Suche im Dunkeln

Als René mit dem ersten herumliegenden Holz ein Feuer entfacht, stolpere ich Mark hinterher und helfe ihm beim Holzsuchen. Das entpuppt sich trotz eines nahen Waldes als nicht ganz einfach, denn das umliegende Terrain ist eigenartig aufgeräumt und in der Dunkelheit können wir darüber hinaus nicht mehr viel sehen.
Nachdem der Holzhaufen eine leidliche Größe erreicht hat, finden wir uns am Feuer bei René ein, der das Abendessen vorbereitet. Erst jetzt finden wir Zeit, um uns richtig umzuschauen.

Hunde von drüben

Etwas entfernt am gegenüberliegenden Ufer stehen einige Häuser, die wir wegen ihres matten Lichtscheins erst jetzt wahrnehmen. Die Hunde von dort drüben haben uns jedoch längst bemerkt und bellen noch eine ganze Weile. Als es auf der anderen Uferseite still wird, hören wir deutlich die Geräusche einer vielbefahrenen Straße in der Nähe. Wir entdecken sie circa zweihundert Meter von unserem Lager entfernt. Sie muss groß sein, denn es rollen viele LKWs vorbei. Das Licht der Scheinwerfer ist nur am rechten Rand der Wiese zu sehen. Das Übrige schirmt das nahe Waldstück zwischen Wiese und Asphalt ab.

LKW im Feuerschein

Trotz dieser kleineren Makel ist der Platz beinahe perfekt für diesen Abend. Wir grillen über einem illustren Lagerfeuer und sind mit unserem Schicksal zufrieden. Hinter uns dröhnt das Geräusch der LKW über die Wiese und vor uns liegt der Fluss im glitzernden Feuerschein. Diesen Kontrast lassen wir uns gerne gefallen, haben wir heute doch die zweite größere Stadt auf unserer Strecke passiert. Damit sind, wie wir meinen, die kritischsten Passagen überstanden.

Insel im Nebelmeer

Nach dem Essen gibt es eine weitere Ration Weingummis. Derart vollgestopft fühlen wir uns erschöpft und müde. Das Brummen der Straße wird nach und nach weniger und tritt bald nur noch in kurzen Intervallen auf. Zwischen den Pausen herrscht Stille über dem Land. Nebel im Mondlicht zieht an unser kleines Lager heran. Er steigt aus der tiefer gelegenen Wiese auf, von der unser kleines Lager umgeben ist und nun wie eine Insel im Nebelmeer aussieht.

Mädchenträume

Die Luft wird klamm und die restliche Glut kann die Feuchtigkeit nicht mehr von uns fernhalten. Wir verziehen uns bald ins Zelt, und auch ich ziehe heute das mückenfreie Etablissement dem Schlaf unter freiem Himmel vor. In dieser Nacht möchte ich unbedingt durchschlafen, denn ich fühle an diesem Abend die letzte kurze Nacht und einen langen Tag in meinen Knochen. Alles verspricht einen tiefen, festen Schlaf, und der ein oder andere von uns wird in dieser Nacht wohl von Saganer Mädchen träumen.

< < Tag 3  .. Tag 5 > >

Mehr über den Bober

Mit Paddel & Pedale – Mehr erleben auf Radwegen & Flüssen.
Du bist gerne wildweit unterwegs? Du möchtest flexibel reisen? Dabei auch mal Rucksack oder Fahrrad gegen ein Kanu tauschen? Die neuen Wildweitweg-Services – gemacht für dein nächstes Abenteuer.

Der Beitrag Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 4 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>
https://wildweitweg.de/reportage-bober-paddeln-tag-4/feed/ 2 3233
Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 3 https://wildweitweg.de/reportage-bober-paddeln-tag-3/ https://wildweitweg.de/reportage-bober-paddeln-tag-3/#comments Mon, 24 Jan 2022 13:47:51 +0000 https://wildweitweg.de/?p=3213 Als Wehrwolf auf dem Bober: Der alte Mann und seine Stadt Der Morgen ist kalt und klamm. Was sich nächtens schon angekündigt hatte, ist heute zugegen. Es weht ein bissiger Wind. Der Mond ist nur noch ein matter Fleck am Rande der Himmelsscheibe, über den weiße Wolkenfelder dahinrasen. Jetzt spüren wir die Ungemütlichkeit der Militärplatzatmosphäre, die …

Der Beitrag Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 3 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>

Als Wehrwolf auf dem Bober: Der alte Mann und seine Stadt

Der Morgen ist kalt und klamm. Was sich nächtens schon angekündigt hatte, ist heute zugegen. Es weht ein bissiger Wind. Der Mond ist nur noch ein matter Fleck am Rande der Himmelsscheibe, über den weiße Wolkenfelder dahinrasen. Jetzt spüren wir die Ungemütlichkeit der Militärplatzatmosphäre, die sich gestern Abend noch hinter einer warmen Abendsonne versteckt hatte.

Wie alte Männer

Die schlaffe Luftmatratze macht es mir leicht, aufzustehen. Vom harten Boden gepiesackt, schäle ich mich aus dem warmen Schlafsack und ziehe mir die kalten Sachen über die frierende Haut. Als ich mich erhebe, spüre ich meine steifen Glieder vom gestrigen Tag und sofort fällt mir wieder ein, dass es immer so ist: Jedes Jahr nach dem ersten langen Tag auf dem Wasser schmerzen die Glieder wie die eines alten Mannes. Dann bemerke ich René und Mark, die ebenso steif und unbeholfen über die Heide stolpern. Unser morgendliches Befinden ist Grund genug, die Frühstückstoasts an einem wärmenden Feuer zuzubereiten. Erst nach reichlich Nutellatoasts und viel heißem Tee kommen wir wieder aus unserem Erdloch, um den Tag zu beginnen.

Heimliche Opfergaben

Wieder auf dem Platz, sortieren wir unser Gepäck und beladen die Boote. Die Stimmung ist an diesem Morgen ernster als gestern. Wir haben nun Klarheit darüber, wie es tatsächlich um das Reisen auf dem Bober steht. Wieder kann ich es mir nicht verkneifen, den letzten Schluck Frühstückstee heimlich dem Bober zu opfern. Als alles für die Weiterfahrt vorbereitet ist und wir die letzte Besprechung für den Tag abhalten, gibt es keine Spur von Euphorie und unsere Gesichter sehen mehr grübelnd als ungeduldig aus.

Die richtige Drift

Als wir ablegen, verfliegt die erste Anspannung schnell und löst sich in Routine auf. Obwohl uns der Fluss erneut mit ganzer Gewalt packt, haben sich unsere Glieder bald wieder soweit gelockert, dass wir die Paddel kräftig in die Strömung drücken können, um den Booten die richtige Drift zu geben. Das reicht auf Anhieb, um den Vormittag auf dem aufgewühlten Wasser bestehen zu können und jede Kurve und jedes Baumhindernis wohlbehalten hinter uns zu lassen. Nur einmal, bei einem stillen Dorf mit Holzbrücke, legen wir an, um das Fahrwasser zu prüfen.

Mittagsdunst

Auch heute wieder zur Mittagszeit wird der Bober ruhig und verliert sich in einem breiten und tiefen Flussbett. Eine hohe Eisenbahnbrücke markiert den Wendepunkt. Die Ufer weichen zurück und wir paddeln zum ersten Mal nebeneinander her. Wir genießen es, uns entspannt auf dem Wasser unterhalten zu können. Trotzdem ahnen wir angesichts des ruhigen Fahrwassers, dass Dinge zu erwarten sind, die unsere Fahrt stören würden. So ist es dann auch, und bald sehen wir ein Wehr, das sich vor uns aus dem Mittagsdunst schält.

Wir trennen uns, um die geeignete Flussseite zum Umtragen zu finden. René und Mark wählen das linke Ufer, während ich mir am rechten Ufer einen Überblick zu verschaffen suche.  Über einen morastigen Feldweg erreiche ich eine kleine Siedlung namens Lesno Gorny. Sie gehört zum Wehr und nimmt sich mehr wie ein Industriekomplex aus, als ein Dörfchen zu sein. Vermutlich gab es hier einmal eine Mühle, die den Grundstein für diese Siedlung legte.

Geisterstädtchen

Es ist nicht zu erkennen, ob hier Menschen zwischen den alten hohen Backsteinmauern der Fabrikgebäude leben; doch es sind undefinierbare Geräusche zu hören, die eine emsige Betriebsamkeit vorgeben. Das verleiht dem Ort etwas von einem verlassenen Geisterstädtchen. Abseits stehen zwei triste Wohnblocks mit vergilbter Fassade – anscheinend wird hier doch gewohnt.

Zäune

Auf den letzten Metern zum Wehr vernehme ich plötzlich menschliches Leben und Traktorengerassel. Das Wehrgelände ist jedoch unbewohnt und stellt sich als abweisender Komplex mit Einzäunung zum Schutz vor fremden Betreten vor. Auf der anderen Flussseite bei Mark und René scheint es kanutenfreundlicher zu sein. Sie winken mich hinüber und empfangen mich am gegenüberliegenden Ufer.

Hinter dem Erlenwald

Hinter einem schmalen Streifen morastigen Erlenwalds liegt ein schmaler Feldweg, auf dem wir unsere Boote platzieren und unser Gepäck versammeln. Der Weg führt nur wenige Meter parallel zum Fluss stromabwärts, bis er mit einer scharfen Linksbiegung ins Land hineinführt. Beiderseits des Weges reihen sich unzählige Kleingärten und Äcker aneinander. Der Bootswagen bewährt sich hier erstmals auf großer Strecke.

Durch die Gemüsegärten Polens

In Rotation ziehen wir die Boote durch die Gemüsegärten Polens, während abwechselnd einer von uns das Gepäck hinterher trägt. Dabei überholen uns mehrmals alte Männer auf alten Fahrrädern, denen wir verwundert nachschauen. Sie scheinen aus dem Nichts zu kommen und sind kurz darauf auch wieder dort verschwunden. Wir folgen einem unebenen Pfad, der nicht den Eindruck macht, dass es der richtige Weg für uns ist. Er führt vom Fluss weg, doch es ist der einzige Weg hier. Er ist zweispurig und muss manchmal von Autos befahren sein. Und tatsächlich treffen wir ein Auto, welches sich schnell davonmacht, als wir mit unseren Gerätschaften näherkommen. Danach sind wir wieder allein mit unseren Booten und nur manchmal blickt jemand von der Feldarbeit auf seinem Acker verstohlen zu uns hinüber.

Abschied von Lesno Gorny

Über einen Bogen landeinwärts haben wir bald wieder den Bober erreicht, der sich hinter dem Wehr als ein zwischen engen Ufern strömender Wiesenfluss zeigt. Geradeaus führt eine schmale Holzbrücke über das Wasser in die Geisterstadt. Ein alter Mann, wie wir ihn eben schon zwischen den Feldern getroffen hatten, schiebt sein beladenes Fahrrad über die Bretter. Wir bleiben am diesseitigen Ufer und folgen der Straße noch ein Stück entlang des Flusses. Etwas stromabwärts finden wir eine Einbuchtung, wo wir unsere Ausrüstung ohne halsbrecherische Akrobatik wieder zum Wasser hinunterschaffen können. Die Boote setzen wir im seichten Kehrwasser eines dicken umgestürzten Baumstammes ein. Vor dem Ablegen essen wir noch unsere letzten polnischen Brötchen mit Würstchen und Ketchup. Wir genießen die Windstille der Bucht, in der die Sonne wärmt, während über uns weiße Schäfchenwolken hinwegtreiben.

Wir stoßen uns mit einem kräftigen Tritt vom Ufer ab und das schnelle Wasser schiebt uns durch eine zerklüftete Landschaft, die überall von kargen Sanddünen übersäht ist. Der Pflanzenwuchs wirkt karg und nur der Hopfen hängt in üppigen Dolden von den Zweigen fetter Weiden. Das Land hat etwas von jener Leere, die zwar wenig Reize für ein sensationsverwöhntes Auge bieten kann, sich aber in vielen subtilen Details unvergessen macht. Alles erzählt von gestern und heute, von Natur und Mensch und vom flüchtigen Augenblick und der Ewigkeit der Dinge.

Staub

Schon liegt der Nachmittag träge auf dem Land, als der Fluss breiter wird und vor uns plötzlich ein dichter Schleier über dem Wasser schwebt und die Luft milchig trüb färbt. Zuerst meine ich, dass es sich um den Erntestaub eines nahen Getreidefelds handeln müsse. Doch dann schmecke ich mehligen Staub auf meiner Zunge. Es sind feine Sägespäne, die sich wie eine Decke auf uns und die Boote legen. Wir sind bereits tief in diese Wolke hineingeraten und um uns herum bildet das Sägemehl einen schwimmenden Teppich, der das Wasser wie eine zähflüssige Substanz aussehen lässt. Die Sonne trifft nur noch mit einem spärlichen Restlicht auf die Erde, das die Landschaft in eine mystische Atmosphäre taucht. Es scheint, als sind uns die Geister aus Lesny Gorny gefolgt.

Schlamm

Noch rechtzeitig bemerken wir eine Schwelle vor uns. Wir sehen sie nicht, aber ihr Rauschen verrät, dass sie über die gesamte Flussbreite reicht. Wir teilen uns auf, um beide Flussufer für einen geeigneten Ausstieg abzusuchen, denn die Sicht ist zu kurz, um aus sicherem Abstand etwas erkennen zu können. Wieder wähle ich das denkbar ungeeignetste Ufer, und René und Mark legen etwas weiter oberhalb am rechten Ufer an, wo sie eine steile Böschung hinaufklettern. Ich hingegen wate in einem sumpfigen Sand-Schlamm-Gemisch, wo ich kritische Stellen vor mir nie bemerke, weil unter dem feinen Sägemehlmantel alles gleich aussieht.

Verdeckte Ermittlung

Immer wieder versinke ich bis zu den Knien und ziehe ein Bein nach dem anderen mit einem lauten Schmatzgeräusch aus dem Schlamm. Ich würde vermutlich ein klägliches Bild abgeben, wenn man mich vom gegenüberliegenden Ufer aus hätte beobachten können – diesbezüglich bietet mir der Mehlschleier einen unübertrefflichen Vorteil. Die Schwelle kann ich an diesem Ufer jedoch nicht erreichen. Auch der breite Schilfgürtel zum Ufer bleibt undurchdringlich, so dass ich bald aufgebe und zu den anderen hinüberpaddele.

Friedliche Natur

Dort betrachten René und Mark bereits die Schwelle, an welcher der Fluss aufgestaut wird und über aufgetürmte Felsblöcke nach unten stürzt. Es handelt sich um ein künstlich angelegtes Stauwerk, das uns bei diesem Wasserstand kein Passieren erlaubt. Es sieht so aus, als führe der Fluss zuwenig Wasser, doch weiter stromabwärts sammelt sich das Wasser wieder und schießt mit einschüchternder Kraft ins Land hinein. Am Rande der breiten Schwelle ist jedoch nur ein leichtes Plätschern vernehmbar. Daher wagen wir es mit den Booten bis zur Sturzkante vorzufahren, was wir aber nicht ohne Sicherung per Bootsleine tun. Direkt hinter der Schwelle können wir die Boote wieder einsetzen. Dafür müssen wir nur einen Angler aus einer komfortablen Kiesbucht vertreiben. Zuerst sind wir etwas unsicher, als uns der kräftig gebaute Kerl fragend anschaut, doch dann gibt er sich als eine friedliche Natur zu erkennen, rückt beiseite und lässt uns passieren.

Schnell sind wir wieder seetüchtig. Die Dunstwolke des Sägewerks liegt nun hinter uns und vor uns breitet sich eine heimlich schöne Landschaft aus. Sie ist, hat man sich erst einmal einen Blick für sie angewöhnt, überall hinter den hohen, vom Gras flankierten Ufern zu erkennen – Eine, nur auf den ersten Blick trostlose Heideszenerie und dazwischen versteckte Giebel und Dächer naher Dörfer; und immer wieder Bäume: alte und junge, alleinstehend oder als Gruppe.

Bildwechsel

Das Bild wechselt unerwartet. Der Fluss wird ruhig und massive Steinschüttungen als Uferbefestigung verleihen dem Bober etwas Kanalartiges. Dazu tritt ein Wald bis nahe ans rechte Ufer heran und begleitet uns durch eine langgezogene Linkskurve. Hinter der Kurve ziehen sich die Bäume zurück und Stadtgeräusche von Hektik und Unruhe dringen über kahle Wiesen zu uns herüber. Das haben wir eigentlich schon lange erwartet, denn laut Karte liegt dort die Stadt Szprotawa, wo sich der Fluss in einer entscheidenden Biegung nach Westen wendet. Wir paddeln direkt auf die blendende Abendsonne zu und aus dem gleißenden Licht tritt deutlich eine Stadt hervor, die sich zum größten Teil rechts des Flusses ausdehnt. Motorenlärm und Stimmengewirr werden deutlicher. Vom alten Sprottau ist nichts zu sehen und dort, wo sich eine weitläufige Wiese an den Ufern erstreckt, ist das Stadtgebiet von öden Plattenbauten flankiert, deren graue Wände das Innere abschirmen.

Fußnote

Der ehemalige Flusslauf des Bobers ist nur noch eine Fußnote im Stadtgefüge. Das heutige Szprotawa hat ein großes Wehr, das uns am Stadteingang empfängt. Die Fahrt ist hier vorerst zu Ende, aber die grüne Wiese am Stadtrand ermöglicht uns ein bequemes Anlanden. Zum Umtragen wählen wir den Weg über das Gelände zwischen Bober und einem abgeriegelten Nebenlauf, der vermutlich einmal der alte Hauptflusslauf des Bober war und mitten durch die Stadt führte. Heute ist der Fluss aus der Stadt verbannt und das Wasser wird am Stadtrand entlanggeleitet, wo es sich bei Hochwassern besser regulieren lässt.

Kalkulationen

Die Situation vor Ort macht uns zögerlich. Eigentlich wollen wir Szprotawa heute noch hinter uns bringen, da sonst unsere Streckenkalkulation nicht mehr aufgeht. Doch andererseits senkt sich die Sonne bereits deutlich dem Horizont entgegen und wir fürchten, dass noch ein weiteres Wehr im Stadtgebiet folgen könnte. Der damit verbundene Zeitaufwand würde uns soweit zurückwerfen, dass uns die Dunkelheit mitten in der Stadt einholen würde. Für diesen Fall wäre es besser, den nächsten Morgen auf dieser Wiese hier abzuwarten, die durch ihre inselartige Beschaffenheit die Stadt wenigstens pro forma eine Nacht lang von uns fernhalten konnte – auch wenn sie ganz real vorhanden ist und deutlich zu uns herüberlärmt.

Freundliche Blicke

Ein älterer Herr in feinem Zwirn und mit Hut soll uns bei der Entscheidungsfindung behilflich sein. Sorgfältig gekleidet und in der Abendsonne sinnend, sitzt er auf einer Bank am Rande der Wiese, als wir ihm auf dem Weg zum Wehr begegnen. Da er uns und unsere Ausrüstung bereits beim Näherkommen mit freundlichen Blicken musterte, wagen wir es, ihn mit Händen und Füßen und etwas Polnisch zu fragen, ob flussabwärts in der Stadt noch ein weiteres Wehr existiere. Ohne weiter zu überlegen verneint er sofort. Auch auf mehrmaliges Nachfragen schüttelt er immer wieder vehement mit dem Kopf. Das überzeugt uns und wir meinen, dass er Recht haben müsse.

Rückblick

Beim Abschied schaut er uns halb träumend und halb traurig nach. Vielleicht erinnert er sich plötzlich an etwas weit Zurückliegendes. In seinen Augen ist zu lesen, dass er schon lange hier ist und die alte Stadt aus einer Zeit kennt, als er selbst noch jung war und zu den Wandernden gehörte. Heute sind wir es, die wandern, und der alte Herr sitzt auf einer Bank am Ufer des Flusses und genießt den Abend.

Die Sonne steht schon tief und wir beeilen uns dabei, unterhalb des Wehrs an einer Treppe einzusetzen. Das Hochwasser der vergangenen Wochen hat große Löcher in die Böschung gefressen.

Backstein und rostiges Metall

Endlich wieder auf dem Wasser, treiben wir am Stadtrand entlang und sehen die alten Häuser und Fassaden aus einer früheren Zeit, die zuvor hinter den klobigen Bauten der Neuzeit nicht zu erkennen waren. Am unteren Ende der Stadt säumen alte Fabrikhallen die Ufer, wie man sie in fast jeder größeren Stadt Mitteleuropas noch vorfinden kann. Meist sind es ungeliebte Industriebrachen, die sich mit ihrem rohen Charakter erfolgreich gegen eine neuzeitliche Übernahme wehren konnten. Wie zum Beweis der Existenz dieses Ortes stößt zwischen Backstein und rostigem Metall von rechts unerwartet der namensgebende Fluss hervor und prägt das Bild einer Stadt, die es schon lange hier gibt: Sprottau wie Szprotawa liegen dort, wo die Sprotte in den Bober mündet – und sonst nichts.

Ein schöner Abend

Als wir die Stadt verlassen, sind wir froh darüber, dass der ältere Herr Recht behalten hat. Zu sehr hätte zum Industriegebiet des alten Sprottaus ein Wehr gepasst, doch es kommt tatsächlich keines. Stattdessen empfängt uns die Natur hinter den letzten verwaisten Industriehallen mit mehreren spritzigen Sohlschwellen. Das passt gut zu diesem schönen Abend. Wir haben Lust auf Erlebnisse und halten uns auf der Actionline. Als sich der Fluss beruhigt, spiegeln sich Bäume im Wasser, über deren Konterfei wir in die Stille des Sommerabends hinausgleiten. In der Nähe ziehen sich noch ein paar Gebäude am Fluss entlang, so dass wir unsicher werden, ob die Stadt wirklich bereits hinter uns liegt. Bald aber folgt menschenleere Wildnis und mit ihr die Gewissheit, dass Szprotawa nun tatsächlich hinter uns liegt und wir eine wichtige Etappe in dieser Woche geschafft haben. Ab jetzt ist wieder alles möglich und wir können auf der Landkarte hoffnungsvolle Pläne für die nächsten Tage schmieden.

Rauschen im Abendrot

Für heute gilt es, einen geeigneten Schlafplatz zu finden. Doch stattdessen taucht am unteren Ende einer Flussbiegung ein rätselhaftes Bauwerk auf, das sich quer über den Fluss erstreckt und hell im Abendrot leuchtet. Wir lassen uns vorsichtig herantreiben, können aber nicht erkennen, was dieses kräftige Rauschen verursacht, das immer lauter und deutlicher hörbar wird, so dass wir schnell anlegen. Wir vertäuen die Boote am steilen Ufern unter ein paar Weiden. Ungeduldig und voller Spannung laufen wir dem mysteriösen Rauschen entgegen.

Nicht mehr Szprotawa

Ein altes rostiges Turbinenrad am Wegesrand, fast so hoch wie wir selbst, weist uns den Weg durch brennnesselüberwuchertes Dickicht. Darin finden wir die Überreste eines alten Wasserkraftwerks, das zu einem abgelegenen Dorf gehört, das wir erst jetzt wahrnehmen. Es liegt links von uns auf einem Feld, ist klein und leise, und gehört nicht mehr zu Szprotawa – soviel ist klar. Was aber der alte klobige Betonbau im Flussbett zu bedeuten hat, dass müssen wir jetzt schleunigst herausfinden, denn bald wird es dunkel sein.

Das Kraftwerk ist schon lange nicht mehr in Betrieb. Trockene Turbinenkammern schlummern in einem versumpften Nebenarm des Bobers. Wir klettern und hüpfen über die klobigen Betonbrocken. Der raue Untergrund ist noch warm von der Tagessonne und tut unseren Füßen gut.

In schummriger Tiefe

In der schummrigen Tiefe der Schächte stecken weitere Turbinenräder, die schon lange kein Wasser mehr bewegt hat. Die ganze Anlage liegt wie verwunschen in einem Dornröschenschlaf. Dahinter, über eine hohe Betonkante hinwegschauend, erblicken wir den Fluss. Sein gesamtes Wasser wird unter lautstarkem Gurgeln und Rauschen zwischen zwei Betonpfeilern hindurchgepresst.

Nervös und verschnürt

Das aufgeschäumte Wasser gibt uns viel Anlass zu Spekulationen, doch schließlich entscheiden wir uns wegen der knappen Zeit für einen Befahrungsversuch, denn die Sonne berührt nun schon fast den Horizont. Zurück bei den Booten, bereiten wir uns auf die Durchfahrt vor. Wir sind nervös und ziehen unsere Spritzdecken mit besonderer Sorgfalt auf. Als ich verschnürt wie ein Paket im Einer sitze, lege ich ab. In diesem Moment bin ich mir nicht sicher, ob der Erste zu sein ein Nachteil ist, oder ob es einfach nur gut ist, es bald hinter sich zu haben.

An nichts mehr denken

Mit korrigierenden Paddelschlägen treibe ich auf die unheimliche Engstelle zu. Das Tosen wird lauter und ich werde merklich wie von einem Schlund angezogen. Ich spüre, wie das Nachdenken in mir aussetzt und meine Bewegungen flüssig werden. Kurz vor der Schwelle stoße ich das Paddel ins Wasser, ziehe fest am Schaft und denke endgültig an nichts mehr. Ich beobachte jetzt mich und was um mich herum passiert: Vor mir taucht die Kante auf und ich sehe den auslaufenden Schweif – das Boot läuft gut rein, kippt nach vorne und schießt abwärts. Um mich herum schlagen die Wellen über dem Boot zusammen.

Abflusstreffen

Hinter dem Schweif finde ich ein Kehrwasser und fahre hinein. Ich jubele kurz auf und verhalte mich daraufhin sogleich still, um meine Nachfolger nicht zu verunsichern. Ich warte und lauere ihnen mit der Kamera auf. Dann kommen sie. Es ist ein rauschendes Schauspiel, wie sie tollkühn am äußeren Betonpfeiler entlang ziehen und ins Unterwasser platschen. Im unteren Abfluss treffen wir uns wieder und sind froh über den glücklichen Ausgang der Aktion, die auch leicht hätte anders enden können.

Zu unserem perfekten Glück fehlt uns nun immer noch der passende Lagerplatz für die Nacht. Wir finden ihn bald an der Außenseite einer langgeschwungenen Flussbiegung. Es ist ein besonders schönes Exemplar von Lagerplatz.

Wiese und Wald

Am Ende einer weiten Auenwiese, die an ihren Rändern von dunklem Nadelwald eingerahmt ist, machen wir uns heute Abend breit. Genau genommen, handelt es sich sogar um eine Insel, denn außen am Rande der Wiese, wo der Wald beginnt, verläuft ein schmaler sumpfiger Nebenlauf des Bobers. Das Gras zu unseren Füßen ist makellos grün, und trotz des ausklingenden Sommers ist kein welker Grashalm zu entdecken. Dies ist ein Anzeichen, das wir in diesem Augenblick noch nicht zu deuten wissen.

Üble Spezies

Allmählich beginnt es uns aber zu dämmern, dass die Wiese vor kurzem noch unter Wasser gestanden haben muss und das Hochwasser diesen saftigen Untergrund in eine Brutstätte verwandelt hat. Das ist der ideale Entstehungs- und Lebensraum für unzählige Mücken, die uns jetzt hinterrücks beim Lageraufbau attackieren. Es handelt sich wieder um jene üble Spezies der Riesenmücken, die uns schon gestern im Wald so sehr zugesetzt und an den Rand der Raserei getrieben hatten.

Mückenschutzmaßnahmen

Das ist für uns Grund genug, noch einmal ins Wasser zu springen und den Schweiß des Tages abzuspülen. Für kurze Zeit sind wir dadurch quasi geruchlos für Mücken. Das bringt uns einen Moment Ruhe vor den Blutsaugern, die wir zur ausgiebigen Behandlung mit einem bewährten Mückenschutzmittel und zum Entfachen eines kleinen Feuers nutzen. Mit diesen Maßnahmen können wir die Mückenschwärme für den weiteren Abend so leidlich auf Abstand halten.

XXL-Nachtisch

Zum Abendessen gibt es wieder Gegrilltes vom Feuer, wofür René seine Würstchen eingepackt hatte, die wir uns nun herunterquälen. Dementsprechend begeistert sind wir, als es zum Nachtisch noch Weingummi aus der XXL-Tüte gibt. Überhaupt haben wir Grund zur Freude, denn wir haben heute die erste größere Stadt auf unserer Tour passiert, womit unsere Absicht, in dieser Woche die Oder zu erreichen, wieder in greifbare Nähe rückt. Wir studieren noch ein wenig die Karte und messen weitere Tagesetappen aus, wobei wir mögliche Schwierigkeiten diskutieren. Trotz aller Planung und Kalkulation zählt aber bald nur noch das tiefe Gefühl der Zufriedenheit, das sich in uns ausbreitet und glückselig stimmt.

Feuerschein und Mondlicht

Nachdem Mark und René die Segel streichen und sich ins Zelt verkriechen, sitze ich noch eine Weile am Feuer und genieße das bloße Dasein auf dieser idyllischen Auenwiese neben dem Fluss. Um mich herum regiert der Zauber von flackerndem Feuerschein und Mondlicht. Der Bober wirkt jetzt traumhaft und unwirklich, wie er in gezähmter Wald- und Wiesenmanier an unserem kleinen Lager vorbeifließt. Sein unbändiges Wesen hat er an diesem Abend abgelegt und gegen ein kitschig-romantisches Heimatbild eingetauscht, wie es sonst nur in biederen Wohnstuben über der Couch zu hängen pflegt.

Eine lange Nacht

Das verleitet mich dazu, mich nicht im Zelt zu betten, sondern den freien Blick über die Wiese aus der Strandmuschel zu wählen. Auf dem windigen Militärplatz letzte Nacht hatte das wunderbar funktioniert, aber heute Nacht erkennen sogleich die Mücken ihre Chance und lassen mich kaum Ruhe finden. So habe ich noch eine lange Nacht und kann erst einschlafen, als der Mond schon tief steht.

< < Tag 2  .. Tag 4 > >

Zum Anfang dieser Reportage

Mehr über den Bober

Mit Paddel & Pedale – Mehr erleben auf Radwegen & Flüssen.
Du bist gerne wildweit unterwegs? Du möchtest flexibel reisen? Dabei auch mal Rucksack oder Fahrrad gegen ein Kanu tauschen? Die neuen Wildweitweg-Services – gemacht für dein nächstes Abenteuer.

Der Beitrag Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 3 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>
https://wildweitweg.de/reportage-bober-paddeln-tag-3/feed/ 2 3213
Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 2 https://wildweitweg.de/reportage-bober-paddeln-tag-2/ https://wildweitweg.de/reportage-bober-paddeln-tag-2/#comments Wed, 19 Jan 2022 10:57:15 +0000 https://wildweitweg.de/?p=3191 Als Wehrwolf auf dem Bober: Die Bober-Taufe         Das Wetter am Morgen gibt sich wechselhaft. Dazu gibt es Brötchen aus dem Dorfladen in der Nähe. Sonst macht sich das benachbarte Dorf am Bober kaum weiter bemerkbar.Nur ein knatternder Traktor und vereinzelte auf der nahen Straße vorbeifahrende Autos erinnern an die Menschen in der …

Der Beitrag Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 2 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>

Als Wehrwolf auf dem Bober: Die Bober-Taufe

 

 

 

 

Das Wetter am Morgen gibt sich wechselhaft. Dazu gibt es Brötchen aus dem Dorfladen in der Nähe. Sonst macht sich das benachbarte Dorf am Bober kaum weiter bemerkbar.Nur ein knatternder Traktor und vereinzelte auf der nahen Straße vorbeifahrende Autos erinnern an die Menschen in der Nachbarschaft. Die Brötchen gefallen uns gut. Mit ihrem einfachen würzigen Geschmack und ihrer rustikalen Beschaffenheit geben sie uns die nötige Energie für den ersten Tag auf dem Wasser.

Morgengebete

Der Wind hat unsere Sachen getrocknet und während wir unser Chaos ordnen und in die Boote sortieren, kommt für Momente die Sonne hinter den Wolken hervor und wärmt. Die Strömung ist immer noch schnell. Davon können wir uns bereits beim Zähneputzen überzeugen, als das Wasser reißend zu unseren Füßen vorbeischießt. Ich schütte den letzten Schluck meines Morgentees ins Wasser und murmele dabei gebetsartig von meinen Hoffnungen für diesen Tag.

Improvisierte Manöverübungen

Als erste taktische Handlung des Tages üben wir ein improvisiertes Notfallmanöver zum Anlanden ein: Dabei sollte das Boot mit voller Kraft bugwärts auf das Ufer gesetzt werden, woraufhin der Vordermann mit der Leine zwischen seinen Zähnen irgendwie festen Boden erreichen musste, um das Boot zu sichern. Unser Unbehagen können wir mit dieser Übung nicht vertreiben. Wir vertrauen darauf, dass allein das Unterwegssein das ändern könne und schieben unsere Boote in den Fluss, die sich wegen ihrer Ladung tief ins Wasser legen. Sofort greift die Strömung nach ihnen und zieht an den Rümpfen. Das Ablegen ist dadurch gar nicht schwer.

Dampfwalzen

Nun schwimmen wir tatsächlich auf dem Wasser. Die erste Hemmschwelle ist damit überwunden. Für einen Abschied bleibt uns keine Zeit. Der Fluss nimmt uns sogleich in die Pflicht, indem er uns unaufhaltsam in die enge Flussbiegung drückt. Doch die Boote erweisen sich als umgänglich und wir finden uns sofort in eine flüssige Paddeltechnik ein. Hinter der Biegung ist der Flusslauf für einen Moment gerade und übersichtlich, so dass ich mit Rückwärtspaddeln etwas Geschwindigkeit aus der Strömung nehmen und einen kurzen Blick auf meine Begleiter erhaschen kann. Was ich sehe, sind meine gutgelaunten Gefährten in einer Art Dampfwalze sitzend, mit der sie auf dem aufgewühlten Wasser mit enormer Geschwindigkeit flussabwärts rasen. Damit ist es zur Gewissheit geworden: René und Mark würden heute nur schwer zu bremsen sein.

Befahrungsstrategien

Der lange, schwere Zweier ist recht träge. Damit haben sie nur wenige Möglichkeiten und können das Gefährt nur unzureichend navigieren. Das heißt aber nicht, dass wir nicht vorankommen. Im Gegenteil, obwohl wir uns erst seit wenigen Augenblicken auf dem Wasser befinden, ist die Brücke von Dabrowa bereits nicht mehr zu sehen. Mit der kurzen Geraden haben wir eine Gnadenfrist bis zur nächsten Flussbiegung bekommen. Die nutzen wir für eine kurze Wendemanöverübung. Wir wollen damit unsere navigatorischen Möglichkeiten ausloten, die sich jedoch als stark eingeschränkt erweisen. So bleibt uns lediglich die Hoffnung auf unseren Anlegetrick, den wir heute morgen noch kurzfristig eingeübt hatten. Doch es gibt noch eine weitere Befahrungsstrategie, die wir uns beim Frühstück ausgetüftelt hatten. Sie würde in Kürze ihr Praxistauglichkeit unter Beweis stellen können, denn vor uns liegt die nächste Kurve, die in wenigen Paddelschlägen erreicht sein würde. Was dahinter kommen würde, sehen wir jetzt noch nicht. Wir verständigen uns kurz über die besprochene Vorgehensweise und dann schaufele ich mich im Einer voran, um Abstand zwischen dem Zweier und mir zu schaffen.

Auf der Vorhut

Meine ganze Aufmerksamkeit gilt von nun an dem Bild der Strömung und der Geräuschkulisse voraus. Wo verbirgt sich etwas Bedrohliches? Das gehört zur Strategie: Der wendige Einer sollte die Vorhut bilden, um den Fluss genügend einsehen und den Zweier gegebenenfalls vorwarnen zu können, damit dieser noch genügend Zeit zum Reagieren haben würde. Im Einer ist für mich ungleich mehr möglich als für Mark und René, die in ihrem Dickschiff mit beachtlichen hundert Metern „Bremsweg“ rechnen. Deswegen bemühe ich mich darum, bei jedem Rauschen und jedem Engpass den Dampfer per Handzeichen auf Abstand zu halten, um mich vorerst allein voranzutasten. Mark und René schaffen es dann immer irgendwie, mir auf meiner Linie zu folgen.

In dieser Anordnung sind wir vorerst ohne größere Schwierigkeiten unterwegs, bis wir eine ausgespülte Flussbiegung erreichen. Sie bildet eine weitläufige Wulst, an deren unterem, sich trichterförmig zusammenziehendem Ende mehrere umgestürzte Bäume den Flusslauf blockieren. Ich gebe das vereinbarte Stop-Handzeichen und bin gespannt darauf, wie Mark und René diese für sie neue Aufgabe meistern würden. Es gelingt ihnen gut, und ebenso wie ich, setzen sie das Boot seitwärts auf den groben Schotter in der äußeren Kurvenseite.

Fallobst

Wir klettern eine steile Uferwand hinauf, von der auf ganzer Länge braune Lehmklumpen heruntergebrochen sind, die wie überreifes Fallobst auf der blanken Kiesböschung liegen. Es sind die Reste einer dünnen Erdschicht, die das Hochwasser der letzten Wochen unterhöhlt hat. Diese zwanzig Zentimeter Erde wirken so filigran und verleihen doch dem gesamten Tal seine Fruchtbarkeit, dass es uns erstaunt. Darauf liegen die Äcker eines naheliegenden Dorfes, deren Ackerfurchen bis ans Ufer reichen, wo sie abrupt abreißen und im Leeren enden. Dort, wo vor kurzem noch Kartoffeln lagen, drückt sich jetzt das strömend glucksende Wasser am Hang entlang.

Serienauftakt

Die Hindernisse in der Flusskurve sind leicht zu umtreideln. Wir machen mit unseren Booten flussabwärts an einer kleinen Kiesbank fest. Daraufhin steigen René und ich über die Kartoffeln, um das nachfolgende Fahrwasser zu besichtigen. Da tut Mark zum ersten Mal etwas, was er in dieser Woche noch öfter tun würde. Zuerst hören wir nur seinen kurzen lauten Schrei. Eines der Boote ist abgeschwommen, so dass er nicht umhin kommt, ins kalte Wasser zu springen und es zurückzuholen. Nachdem wir in einem schnellen Galopp über die Ackerfurchen zurückgerannt sind, sehen wir ihn schon wieder mit beiden Booten am Ufer sitzen – triefend nass. Das, was quasi seine Bober-Taufe war, haben wir damit leider verpasst; doch war dieses nur der Auftakt für eine ganze Serie weiterer Bäder, mit denen sich Mark im Verlaufe dieser Woche nicht ganz freiwillig einen unsterblichen Namen machen sollte. Manchmal kommt der Ruhm eben ungefragt.

Nicht angstfrei, aber angekommen

Die Weiterfahrt bleibt vorerst ohne weitere Überraschungen. Hin und wieder passiert der Fluss einen Höhenabfall, wo er stark beschleunigt und sich zwischen seinen Ufern wie ein ungezäumtes Tier windet. Dann bäumt er sich trotzig auf, stößt uns von einem Ufer zum anderen und versucht uns abzuschütteln. Doch vergeblich, wir sitzen fest in unseren Booten und werden darüber immer optimistischer. Wir sind froh über das flache Land um uns herum, weshalb das Höhengefälle gemäßigt bleibt. Das Tal ist stets weiträumig und die Berge halten fortwährend genügend Abstand zum Fluss. Es ist ein sonniger Tag geworden. Es versetzt uns in eine gute Stimmung, nun unter der Autobahnbrücke durchzufahren, über die wir gestern noch im Auto angereist waren. Hier draußen stellt sie symbolisch unsere einzige Verbindung in die Heimat dar. Als sie kurz darauf hinter uns liegt, bemerken wir, dass wir mittlerweile in diesem Land angekommen sind und von nun an auf dem Bober unterwegs sein würden. Wir sind zwar noch nicht angstfrei, aber wir haben uns in unsere neue Aufgabe eingelebt.

Kanuten haben Hunger

Am frühen Nachmittag ergibt sich der Fluss einer geheimnisvollen Kraft und wird breit und ruhig. Wir entspannen unsere Arme und atmen auf. Auf dem Wasser vor uns spiegeln sich heranziehende Wolkenberge in zartem Blau. Bald erkennen wir hinter einer langgezogenen Flussbiegung die modernen Bauten eines mächtigen Wehrs am Horizont. Es teilt den Fluss in mehrere Läufe. Wir wählen das größte Gefälle und schieben unsere Boote zwischen gelben Geländern über einen schmalen Laufsteg zum linken Ufer und halten nach einer weiteren halben Stunde Gepäcktransport im Schatten des Giganten ein Mittagsmahl ab. Für ausgehungerte Kanuten gibt es angebranntes Dosenfutter vom Gaskocher. Wir sind alle drei hungrig.

Gegen die Stauklappen über uns klatschen bedrohlich die Wellen, die von einem böigen Septemberwind herangeschoben werden. Das Wasser rieselt kleckerweise vom Wehrtor herunter und versickert vor unseren Füßen im Kiesbett. Mehr ist hier vom Bober nicht übrig geblieben. Alles andere saugen die Turbinen eines Energiekonzerns abseits des Hauptlaufs auf. Das bedeutet schlechte Zeiten für Wanderfische und Kanuten.

Zeichen

Aber auch sonst hatte der Mensch hier seine Zeichen gesetzt. Um uns herum liegt eine von verlassenen Tagebaugruben durchlöcherte Landschaft, die zu einer menschenleeren Einöde mutiert ist, in der von der dünnen Schicht fruchtbarer Muttererde nichts mehr zu sehen ist. Nur ein paar Bäume und das halbtrockene Flussbett vor unseren Füßen sind dem Land als letzter Schmuck geblieben.

Geisterwelt

Satt und träge marschieren wir, die Boote ziehend, durch die Geisterwelt eines halbtrockenen Flussbetts. Nach einigen hundert Metern erreichen wir den Wasserlauf des Kraftwerks. Beim Anblick des vielen Wassers kommen wir uns wie Verirrte auf einem kleinen, toten Nebenarm des Bobers vor, die endlich den richtigen Flusslauf wiedergefunden haben. Doch eigentlich verhält es sich umgekehrt, denn der Bober bekommt hier sein Wasser zurück, das die Turbinen über einen einmündenden Seitenkanal ausspucken. Das Flussbett ist wieder randvoll und wir schieben unsere Boote ins tiefe Wasser. Sogleich treibt uns die Strömung schnell weiter.

Alleingestellt

Wieder sind wir in einem beängstigenden Tempo unterwegs. Manchmal können wir zwischendurch anhalten, um eine unübersichtliche Stelle zu besichtigen; manchmal aber auch nicht. Dann schießt der Zweier an der letzten Kehre vorbei und uns bleibt nur noch die Zeit dafür, uns kurz darüber zu verständigen, was wer bis dahin im Flussbett zu erkennen meinte. Tatsächlich wissen wir aber nie, was auf uns zukommen würde. Für die nächsten Augenblicke ist jeder auf sich gestellt. Ich versuche mich noch schnell mit dem Einer voranzuschieben und dann fahren wir geradewegs in die Stromschnellen hinein. Das Wasser klatscht von allen Seiten um die Boote. Einmal versuchten sich René und Mark noch an den rostigen Holmen einer alten Eisenbahnbrücke festzuhalten; doch vergeblich, der Holm brach unter der Trägheitsmasse des Bootes und die Strömung drängte sie weiter.

Ins Getose

Meistens bleibt nur der Weg nach vorn, mitten ins Getose hinein. Unten angekommen, sind wir immer froh über das gute Ende und freuen uns auch heimlich darüber, dass wir so schnell vorankommen. Denn immer wenn wir es doch einmal geschafft haben anzulegen, dann ist es an der steilen Uferböschung und im dichten Gestrüpp des Waldes eine langwierige Angelegenheit, das Fahrwasser zu klären. Somit ist es manchmal ganz praktisch, sich nicht entscheiden zu müssen, wenn wir ohnehin keine Wahl mehr haben.

Keine Wahl

Einmal jedoch wäre die Möglichkeit einer Wahl gut gewesen. Vermutlich haben wir diese Möglichkeit auch gehabt, sie aber einfach übersehen. Meistens sind es schlecht einsehbare Flussbiegungen, an denen sich der Lauf verengt und sich umgestürzte Bäume in die Strömung legen, wo wir misstrauisch werden. Eben solch eine Stelle erreichen wir gerade wieder, als ich freimütig entscheide, weiterzufahren. Für einen Zwischenstop wäre es auch schon bald zu spät gewesen und ich fürchte durch die Unruhe eines vergeblichen Halte-Manövers alles nur komplizierter als nötig zu machen.

Schwierigkeiten

Die Situation scheint klar zu sein: Eine S-Linie mit Baumverblockungen, die von rechts einzufahren sei, daraufhin zügig zur linken Seite hinüberziehen, um noch am letzten Baumstamm vorbeizukommen. So tue ich es auch und Mark und René folgten mir mit etwas Abstand. Doch während ich mich zur linken Seite hinüberschaufele, bemerke ich, wie es zunehmend enger zwischen mir und der letzten Baumleiche wird. Am Ende streife ich mit dem Heck sogar das Geäst, bevor ich wieder ins freie Wasser gelange. Sofort dämmert es mir: Für den trägen Zweier könnte es hier Schwierigkeiten geben.

Es hat mich bereits ein ganzes Stück flussabwärts gezogen, als ich eine Kehre zum Wenden finde. Ich schaue flussaufwärts und erkenne Mark und René, wie sie angestrengt schaufelnd versuchen, den Zweier nach links hinüberzubringen. Ich fiebere mit und bin in einen Zustand hellster Aufregung versetzt. Doch plötzlich bleibt das Boot stehen. Da weiß ich, sie haben es nicht geschafft und werden in diesem Moment an den Baumstamm gedrückt. Im selben Augenblick dieses Gedankens kippt das Boot und bleibt auf der Seite liegen. Von der Besatzung ist nichts mehr zu sehen. Ich halte den Atem an, zähle die Sekunden und bin hin- und hergerissen – sollte ich sofort lospaddeln oder noch abwarten? Was ist jetzt richtig? Wo kann ich helfen?

Filmszenen

Endlich taucht Marks Kopf unterhalb des Baumstamms auf. Wo aber ist René? Mark schwimmt ans Ufer und rennt zurück zum Boot. Zwischen mir und dem Geschehen liegt so viel Raum, dass aus der Entfernung alles wie ein Film wirkt, dem ich nur gebannt zuschauen kann. Es rattert in meinem Kopf, doch mir will noch immer nicht einfallen, was jetzt zu tun sei. Dann sehe ich René. Den Kopf über Wasser, an einen Ast geklammert, versucht er das Boot zu halten. Mark – nun schon das zweite Mal heute – springt ins Wasser und greift nach der Bootsschnur. Tiefe Erleichterung löst meine Starre und ich hole tief Luft. Gleich darauf sehe ich mehrere Gegenstände auf mich zutreiben. Jetzt kenne ich meine Aufgabe und wie mechanisch greife ich nach meinem Paddel und drehe den Einer in die Strömung.

Videospiele

Während Mark und René das Boot sichern, paddele ich auf dem Wasser hin und her, um das Treibgut einzusammeln, welches schnell stromabwärts treibt. Es ist wie bei einem dieser frühen Videospiele, wo man Objekte einsammeln muss, die auf einen hereinstürzen. Das Besondere dabei ist, dass man dabei möglichst wenig verloren gehen lassen darf und sich vor vielerlei Gefahren in Acht nehmen muss. Hier gibt es ähnliche Schwierigkeiten: Ich darf keinesfalls zu weit abdriften, die Gegenstände unter der Wasseroberfläche sind zum Teil schlecht zu erkennen und das Boot besitzt nur begrenzte Ladekapazität. Das erhöht den Schwierigkeitsgrad ungemein. Um zwischendurch zwei Paddel und eine Trinkflasche am Ufer deponieren zu können, muss ich leider Marks Mütze und einen Wasserkanister ziehen lassen.

Zähe Minuten

Nachdem das Spiel vorbei ist, schaufele ich mich in Ufernähe zur Unglücksstelle vor. Die Strömung ist stark und der Fluss gibt keine Kehren frei. Ich benötige für die kurze Strecke mehrere zähe Minuten. Als ich endlich mit langen Armen und blasigen Händen bei Mark und René ankomme, ziehen sie gerade das Boot ins ruhige Flachwasser einer kleinen Bucht. Zwischen zwei Baumwurzeln können sie das Wasser ausschöpfen und die verbliebenen Utensilien bergen.

Keine Fotos

Die Bilanz der Havarie bringt Verwunderliches zutage: Das Oberdeck sieht ziemlich wüst aus. Wir hatten glücklicherweise alles an Bord vorsorglich mit Packriemen und Ösen vertäut, sonst wäre nichts in den Netzen geblieben. Diese Dinge sind jetzt zerknautscht und verschoben. Nur in den Ladeluken ist alles unversehrt und trocken geblieben. Während Mark und René das Boot leeren, habe ich tatsächlich vermeintlich wasserdichte Packsäcke zu entwässern. Obwohl wir die vorgeschriebene Anwendung, wie die Mindestwicklung, eingehalten haben, ist nichts trocken geblieben, wie es der Hersteller versprach. Nur ein einziger Sack hat dichtgehalten, vermutlich weil er bis zur Hälfte eingerollt war. Keiner der Säcke hat ein Loch, wie es eindeutig durch den Ballontest überprüfbar ist. Teilweise schütte ich das Wasser richtiggehend aus den Säcken, und leider auch aus Marks Fotokamera. Am Ende sind wir zwar froh darüber, alles Wichtige beisammengehalten zu haben, doch es ist schade, dass die Fotos aus Marks Kamera verloren sind.

Ein weiteres, noch viel größeres Problem tut sich auf. Im Dämmerlicht der Bäume beginnen uns Unmengen von Mücken von ungewöhnlicher Größe zu belagern. Sie sind geradezu riesenhaft für ein Insekt und damit viel größer, als wir das bisher von Mücken kennen.

Moskitomäßige Methoden

Ihre Größe ist aber nicht das eigentliche Problem, sondern ihre moskitomäßigen Methoden, mit denen sie uns aus dem Schatten der Erlen heraus ohne Unterbrechung attackieren. Das strapaziert unsere Nerven so sehr, dass wir am liebsten schreiend wegrennen möchten. Wir schlagen um uns und überall auf unserer Haut kleben Blut und verschmierte Mückenkadaver. Kaum ist das Havarie-Boot wieder halbwegs flott, treten wir einen ungeordneten Rückzug an und hoffen dabei, dass uns der Bober diese Nachlässigkeit durchgehen lassen würde.

Kaum seetüchtig

Das Gepäck haben wir nur provisorisch befestigt und unsere Spritzdecken sitzen auch noch nicht fest, als wir uns wieder der schnellen Strömung übergeben, die uns aus dem Zwielicht des Waldes heraustragen soll. Wir sind kaum seetüchtig, aber wollen unbedingt dorthin, wo uns kein Moskitogeschwader folgen würde. Und obwohl wir von diesem Tag nicht mehr viel zu erwarten haben, wünschen wir uns noch vor Einbruch der Dunkelheit ein lichtes Plätzchen, wo wir unsere Sachen trocknen können.

Steppe und Sand

Nicht weit hinter dem Wald finden wir die gewünschte Stelle an einer längeren Flussgeraden. Es ist die erhoffte nächstbeste Ausstiegsmöglichkeit. Daran grenzt eine weitläufige Wiese, von der ein Feldweg zum Fluss hinunterführt. Er ist offensichtlich die Zufahrt zu einer Furt, denn auf der gegenüberliegenden Uferseite befindet sich ein weiterer Weg zum Fluss hinunter, der ebenso im Wasser verschwindet. Auf beiden Seiten hat die Wiese den Charakter einer Steppe; magere Sandböden, die im Osten erst weit in der Ferne von dunklen Waldrändern umrahmt sind.

Militärplatz-Atmosphäre

Wegen der vielen Spuren von schweren Fahrzeugen tippen wir darauf, dass es sich um einen verlassenen Militärplatz handelt. Nach der Enge des Waldes ist diese Weiträumigkeit genau das Richtige für uns. Wir legen am rechten Ufer an und ziehen die Boote die Auffahrt hinauf, neben der ein kahler Turm aus Betonsteinen in den Abendhimmel ragt. Darauf steht wie zur Zierde eine einsame Birke in gedrungener Gestalt. Die grobe Witterung, der sie Jahr für Jahr ausgesetzt ist, sieht man ihr deutlich an. Wie ein Eremit thront sie dort oben, wo es wahrscheinlich stets noch windiger und trockener als hier unten am Boden ist.

Licht und Farbe

Das Blaugrau des Abendhimmels wird immer neu vom Licht der Abendsonne durchbrochen, die mit den Enden ihrer Strahlen den Boden berührt und leuchtende Farbtupfer in die Landschaft setzt. Manchmal glüht für Augenblicke der ganze Horizont und es lösen sich Lichtreflexe in der Ferne, die als Farbfetzen über die versteppten Wiesen ziehen. Die Heide liegt in einem pulsierendem Hell und Dunkel. Dazu bläst der Wind unbeständig und schüttelt hin und wieder mit lautem Flattern die Sachen von unserer Leine.

Mark und René haben heute schon gebadet. Da will ich es mir nicht schuldig bleiben und hole dies jetzt nach. Bei diesem Wetter bin ich heute der Einzige, der das freiwillig tut. Der Wind beißt mir in den nackten Hintern, doch das kalte Wasser erzeugt nur kurz ein unangenehmes Gefühl auf der Haut, das sich beim Auftauchen in ein belebendes Prickeln verwandelt.

Sand zwischen den Zehen

Wer das kennt, nach dem Bad halb abgetrocknet am Ufer zu stehen, den restlichen Sand zwischen den Zehen hervorpulend, um die Schuhe wieder anzuziehen, der kennt diese behagliche Frische, wie sie mich in diesem Augenblick umgibt. Dementsprechend gutgelaunt kann es für mich an diesem Abend auch kein Drama mehr sein, dass ein Stöpsel von meiner Luftmatratze fehlt. Heute Nacht würde ich eben öfter zwischendurch nachpusten müssen, weil mein selbstgeschnitzter Ersatzstumpen aus Weideholz keinen sonderlich zuverlässigen Eindruck macht. Wesentlich mehr wiegt die Tatsache, dass der Abendwind unsere Schlafsäcke trocknete, die wir noch bis in die Dunkelheit hinein auf unserer improvisierten Wäscheleine flattern lassen.

Gemütliches Erdloch

Nachdem für unsere Schlafstatt alles zum Besten vorbereitet ist, schauen wir uns nach dem passenden Flecken für das allabendliche Lagerfeuer um. Wegen der Wetterlage wählen wir eine Art Schützengraben, eine Vertiefung unweit unseres Zeltes, in der sich bald die wohlige Wärme eines Feuers ausbreitet, während der Wind über unsere Köpfe hinwegpfeift. Bald ist die Erdkuhle von einem unwiderstehlich-würzigen Duft von scharf Gegrilltem erfüllt.

Dunkle Nacht

Um uns herum ist eine dunkle Nacht heraufgezogen. Wir sitzen satt und träge auf unseren Hockern und resümierten zum Abschluss noch den ersten Tag auf dem Wasser: Es hätte heute vieles schlimmer kommen können. Dementsprechend freuen wir uns darüber, dass wir nun alle drei wohlbehalten in einem gemütlichen Loch auf einem öden Militärübungsplatz hocken, mit dem wärmenden Schein eines ansehnlichen Lagerfeuers in unserer Mitte. Diesen ersten Tag haben wir glücklich herumgebracht und sind dabei sogar ein Stück weit vorangekommen. Was morgen kommen wird, beschäftigt uns an diesem Abend wenig, und ich lege die Karte bald beiseite. Was den heutigen Havarie-Zwischenfall betrifft, so analysieren wir das Geschehene eingehend und einigen uns zuletzt darauf, dass Unaufmerksamkeit der Grund dafür gewesen sein muss.

Geisterschatten

Die Glut wärmt und über uns strahlt das helle Mondlicht die nachtblauen Wolkenfetzen an, die vom Nachtwind getrieben, dahinfliegen und ihre Schatten wie Geister über das Land schicken. Wir fühlen uns schwer und Müdigkeit treibt uns bald ins Zelt. Wir überlassen dem Mond das Feld.

< < Tag 1  .. Tag 3 > >

Mehr über den Bober

Mit Paddel & Pedale – Mehr erleben auf Radwegen & Flüssen.
Du bist gerne wildweit unterwegs? Du möchtest flexibel reisen? Dabei auch mal Rucksack oder Fahrrad gegen ein Kanu tauschen? Die neuen Wildweitweg-Services – gemacht für dein nächstes Abenteuer.

Der Beitrag Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 2 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>
https://wildweitweg.de/reportage-bober-paddeln-tag-2/feed/ 2 3191
Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 1 https://wildweitweg.de/reportage-bober-paddeln-tag-1/ https://wildweitweg.de/reportage-bober-paddeln-tag-1/#comments Wed, 03 Mar 2021 07:57:09 +0000 https://wildweitweg.de/?p=3010 Als Wehrwolf auf dem Bober: Ein kühler Sommer Sieben Tage haben wir auf dem Bober verbracht, und ganz eigene Seiten dieses schlesischen Klassikers kennen gelernt; dabei hat er gefaucht, gekratzt und gebissen, aber auch geschnurrt wie ein zahmes Kätzchen. So richtig wach werden wir erst, als der Wagen bei Forst den alten Plattenhighway nach Breslau …

Der Beitrag Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 1 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>

Als Wehrwolf auf dem Bober: Ein kühler Sommer


Sieben Tage haben wir auf dem Bober verbracht, und ganz eigene Seiten dieses schlesischen Klassikers kennen gelernt; dabei hat er gefaucht, gekratzt und gebissen, aber auch geschnurrt wie ein zahmes Kätzchen.

So richtig wach werden wir erst, als der Wagen bei Forst den alten Plattenhighway nach Breslau erreicht. Die Grenzposten sind freundlich und das lachende Gesicht mit der polnischen Uniform zeigt auf den Dachgepäckträger und ruft: „Piraten, Piraten!“. Aber wir scheinen nicht weiter verdächtig. Man lässt uns passieren.

Eine gute Einstimmung

Noch etwas zaghaft lenke ich den Wagen über den mürben Beton, der mit regelmäßigem Poltern an seinen antiquarischen Wert erinnert. Die Boote auf dem Dach aber scheinen sich am löchrigen Beton nicht weiter zu stören. Sie sind gut verzurrt und so fasse ich allmählich Vertrauen in die Chose. Im unauffälligen Gleichschritt rollen wir mit dem anderen Verkehr an den vielen kleinen privaten Verkaufsständen vorbei, an denen die Pilze der Saison aus den umliegenden Wäldern feilgeboten werden. Die gesamte Szenerie wirkt ungewohnt chaotisch für eine Autobahn. Die zahlreichen Baustellen auf der Strecke zeugen davon, dass überalterter Standard dem neuen, europäischen Niveau angepasst werden soll. Die Verkehrsführung ist abenteuerlich, was eine gute Einstimmung für uns ist.

Löchriger Asphalt

Eine Stunde später auf halber Strecke zwischen Forst und Wroclaw verlassen wir die Autobahn Richtung Boleslawiec. Bevor wir ins alte Bunzlau fahren, wollen wir vorab schon einen Blick auf den Fluss werfen, der uns in der nächsten Woche wieder nach Hause führen sollte – Der Bober hatte in diesem Sommer schon durch Hochwassermeldungen von sich Reden gemacht. Über schmale löchrige Asphaltwege erreichen wir ihn kurz hinter einem kleinen Dorf, wo er randvoll in einer Flussbiegung liegt. Sein Anblick ist wenig einladend, wie die Nachrichten aus den Krisenregionen vor einigen Wochen. Die aufgewühlten Wassermassen sind die Nachwehen des Sommerhochwassers, mit dem der Bober noch kurz zuvor flussaufwärts im Hirschberger Tal ganze Stadtteile von Jelenia Gora überschwemmt hatte. Er zeigt sich bissig. Wir sind sofort eingeschüchtert davon.

Unruhe im Gepäck

Wegen der Hochwassermeldungen und „Panik-Berichten“ einzelner Paddler sind wir bereits mit einer gewissen Unruhe im Gepäck angereist. Demzufolge studieren wir aufmerksam die Landkarte, welche zeigt, dass wir uns nun dort befinden, wo auf dem Papier der grüne Bereich endet. Alles südlich davon ist rotbraun gefärbt und zeigt den höher gelegenen Teil des schlesischen Berglands an, wo sich der Bober vermutlich noch wilder gebärdet. Diese Erkenntnis und ein Blick auf das aufgewühlte Wasser lässt uns eine einstimmige Entscheidung gegen die Weiterfahrt treffen.

Gestörte Idylle

Wir haben gewichtige Gründe die Weiterfahrt aufzuschieben und der Verlockung von Hirschberger Tal und Riesengebirge nicht nachzugeben, denn wir wollen in der kommenden Woche unter allen Umständen die Oder erreichen, nachdem uns das ein Jahr zuvor bei der Befahrung der Neiße wegen vieler Hindernisse nicht vergönnt war. In diesem Punkt hatten sich alle anderen Details der Planung unterzuordnen, auch wenn es uns nicht leicht fällt zu akzeptieren, dass wir die Silhouette des Riesengebirges heute nicht mehr zu sehen bekommen werden. Wenigstens brauchen wir so nicht Rübezahl zu fürchten und außerdem zeigt sich die Wiese in der Flussbiegung am Rande des Dörfchens geradezu ideal als Lagerplatz für eine erste Übernachtung. Nur der aufgewühlte Fluss stört diese Idylle ein wenig und es ist uns noch nicht ganz klar, wie es uns gelingen sollte auf diesem Wasser zu reisen.

Gemischte Gefühle

Mit gemischten Gefühlen laden wir Boote und Gepäck ab. Kaum liegt unser gesamtes Repertoire an Ausrüstung und Verpflegung in der anfänglichen Unordnung im Gras, beginnt es in kurzen, dichten Schauern zu regnen. Schnell bedecken wir den Gepäckhaufen mit Planen und nutzen die Gunst des Augenblicks und vespern mit unserem Fahrer zum Abschied noch im Schutz von Plane und Auto. Trotz aller Gemütlichkeit kann keiner von uns den Blick vom Fluss lösen. Unser Fahrer, der als Kanuverleiher schon viel gesehen hat, meint, dass er so etwas schnelles noch nie gesehen hat. Er schaut uns zweifelnd an und fragt zögerlich, ob wir nicht doch wieder mit zurückfahren wollen. Ausgeschlossen, wir lassen uns nicht von unseren Absichten abbringen, und nachdem der Kuchen aufgegessen ist, verabschiedet er sich und lässt uns mit einem Haufen Gepäck im Schutze unter einer alten Eiche zurück.

Sommer in Dabrowa

Der Sommer in Dabrowa ist kühl und fast ein bisschen unfreundlich an diesem Abend. Der Regen hat nachgelassen und wir richten unser Lager wetterfest im Schutze hoher Bäume ein. Im letzten Tageslicht erkunden wir die nähere Umgebung. Erst jetzt, als sich unsere Sinne vollends auf die Situation vor Ort einstellt haben, bemerken wir, wie sich der Fluss unter der nahen Straßenbrücke so sehr verengt, dass seine Strömung unter lautem Glucksen und Gurgeln und mit schwindelerregender Geschwindigkeit an einer ausgespülten Straßenböschung vorbeischießt.

Hochwasserreste

Wir folgen dem Flusslauf und entdecken direkt hinter der Brücke die Reste einer Pegelanlage, die einen Wasserstand weit über Normal anzeigt. Dieser Anblick schürt unsere Unruhe von neuem und die Reste einer weggespülten Brücke mit den vor wenigen Tagen befestigten Fähnchen als Hochwassermarkierung, die bis an die Höhe der unterspülten Straße reichen, verstärken diesen unangenehmen Eindruck noch.

Glück-Wünsche

Unsere Strategie an diesem Abend lautet: Verdrängung. Wir kehren zum Lager zurück und versuchen das Gesehene zu vergessen. Unter aufgerissenem Himmel essen wir einfache Käse- und Salamibrote; auf mehr hat heute keiner Appetit. Dazu rüttelt böiger Wind an der Plane, von der immer wieder das vom Regen sich ansammelnde Wasser zu uns herüberspritzt. Vor dem Schlafengehen stoßen wir noch mit ein paar Becherchen Klosterbruder an. Eigentlich wollten wir uns dabei gegenseitig dazu beglückwünschen, dass wir es geschafft haben uns wieder einmal in der altbewährten Dreier-Formation zu einer Tour zusammenzufinden. Aber noch nie begann eine Tour so ungewiss wie diese, und so wünschen wir uns gegenseitig an diesem Abend für die nächsten Tage einfach nur Glück.

Unbezwingbar

Als wir ins Zelt kriechen, nieselt es wieder. Der Wind schiebt immer neue Wolkenfelder heran, die zügig am tiefen Himmel entlang ziehen und die Welt in ein unbeständiges Grau tauchen. Über Nacht steigert sich das Nieseln immer wieder in regelmäßigen Intervallen zu einem grellen Regengeprassel. Der Wind zottelt dazu lautstark an der Plane. Davon aufgewacht, stecke ich noch einmal den Kopf aus dem Zelt. Unterm fahlen Mondlicht sehe ich den Bober. Er ist aufgekräuselt wie ein wirrer Lockenkopf. Im matten Widerschein der Nacht wirkt er unbezwingbar und es scheint mir in diesem Augenblick unvorstellbar, dass wir morgen in unseren kleinen, schwerbeladenen Booten auf ihm unterwegs sein würden. Bald verfalle ich über das Grübeln in einen Dämmerzustand und höre Wind und Regen nicht mehr; aber es bleibt eine unruhige Nacht.

Tag 2 > >

Mehr über den Bober

Mit Paddel & Pedale – Mehr erleben auf Radwegen & Flüssen.
Du bist gerne wildweit unterwegs? Du möchtest flexibel reisen? Dabei auch mal Rucksack oder Fahrrad gegen ein Kanu tauschen? Die neuen Wildweitweg-Services – gemacht für dein nächstes Abenteuer.

Der Beitrag Reportage: Schlesische Abenteuer, Tag 1 erschien zuerst auf WildWeitWeg.

]]>
https://wildweitweg.de/reportage-bober-paddeln-tag-1/feed/ 1 3010